Das Neue, jenseits der Endlosschleife | Wolf Lotter

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Das Neue, jenseits der Endlosschleife

Text: Wolf Lotter

Das Innovative entzieht sich der Denkroutine. In der stecken aber auch vermeintliche Revolutionäre und Scheinreformer fest. Dagegen hilft nur fröhliche Ignoranz und Selbstbewusstsein.

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Ach, schon wieder.

Muss das sein?

Alle reden von der Veränderung, der Erneuerung, der Innovation. Die Kräfte der Transformation scheinen uns unentwegt zu beschäftigen. Alles wird anders, heißt es, in Sachen Energie, Umwelt, Bewusstsein und Selbstverständnis. Die Moderne erfindet sich neu.

Aber stimmt das auch? Der Zweifel ist der Weisheit Anfang, meinte René Descartes. Aber wer zweifelt denn wirklich am Modell? Damit ist ausnahmsweise mal nicht der Universal-Sündenbock „Kapitalismus“ gemeint und auch nicht sein modischer Kumpan „Neoliberalismus“, zwei Nebelbegriffe für die vielen Menschen, die nichts von der Wirkung der Ökonomie verstehen und von deren Möglichkeiten, eine wahrhaft emanzipierte Zivilgesellschaft zu errichten.

Es ist der Zweifel daran, ob wir nur so tun, als ob das, was wir unter Innovationen verstehen, mehr ist als ein alter Hut. Verbessert das Neue und vermeintlich Neue unser Leben? Leben wir damit komfortabler und besser, leichter und selbstbewusster, selbstbestimmter und neugieriger? Kurz: Dient die Innovation dem Menschen und seinen Bedürfnissen, seien es nun die nach mehr Müßiggang oder nach Unterhaltung, lindert sie Leiden und verlängert sie ein gutes Leben? Innovation ist, was uns erfreut. Ist das neu oder kann das weg?

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Dass die Antwort darauf oft „nur zu“ lautet, ist nicht allein die Schuld eines allgegenwärtigen Absatz-Marketings, das längst nicht nur für Waren und Dienstleistungen gilt, sondern auch für Politik, Ideologie und Kultur.

Es liegt auch nicht am Starrsinn der Alten, die „die Jungen“ nicht nachrücken lassen wollen – ein Satz, mit dem die Generation Z ihre Erbansprüche manifest macht. Solche Leute sollte man übrigens enterben. Es geht ihnen nur darum, den Hof zu übernehmen, aber selten, ihn neu zu bestellen oder gar auf die Idee zu kommen, ihn zu verlassen, um sein Glück zu versuchen.

Das Reaktionäre ist heute überall, auch die Retro-Polarisierung in Links und Rechts ist ein Hinweis darauf. Statt gründlich und in Ruhe nachzudenken, was denn die Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft ausmacht, fährt man volle Pulle im Rückwärtsgang, den Blick fixiert in den Rückspiegel. Hauptsache, nirgendwo anstoßen. Das ist nicht innovativ. Das ist lächerlich.

Vielleicht sollte man auf öffentlichen Gebäuden wie auch in den Fluren von Büros, Rundfunkanstalten und insbesondere dort, wo sich viele progressiv und transformationswillig wähnen, einfach mal ein paar unübersehbare Spruchbänder anbringen.
„Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken als in der Befreiung von den alten“, würde darauf stehen, eine Einsicht von John Maynard Keynes aus seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes 1936.

Sie trifft das Kernproblem allen Transformationsdenkens. Woody Allen hat das in seinem Film Annie Hall in ein Bild gebracht, das man jeden Tag – nicht nur, aber vor allem – in diesem Land antrifft: „Kommt ein Mann zum Arzt und sagt: ‚Herr Doktor, helfen Sie mir. Mein Bruder glaubt, er ist ein Huhn.‘ – ‚Na, das ist ja verrückt. Soll ich ihn einweisen?‘ – ‚Um Gottes Willen, nein! Ich brauch doch die Eier!‘“

Das ist, in toto, die Lage der Nation.

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Wenn der rückständige Rundfunk Deutschland abends eine „führende Industrienation“ nennt, hört man die Hühner gackern. Industrie, das ist der Olymp des Deutschseins, und seine Götter heißen Einheit, Kollektivismus, Masse, Quantität vor Qualität und eine Konstruktion von Innovation, die in Wahrheit ein pathologisches Bewahren ist. Die Industriegesellschaft baut auf Masse und Skalierung, die Wissensgesellschaft auf Individualität und persönliches Know-how. Doch das Wort Wissen kann man den Deutschen nicht zumuten, und individualistisch ist ihnen ein satanisches Beiwort. Dass sich nach 200 Jahren Industrialismus und gut 70 Jahren Konsumgesellschaft die Märkte und Menschen gesättigt haben und das „Neue“, Innovative, eben nicht mehr in Form neuer Produkte und aktueller Technik daherkommt, versteht keiner. Ein Beispiel: Als vor einigen Jahren eine Lobby aus Beratern, Softwareunternehmern und Verbandsleuten beschloss, den Begriff des Smart Factoring ins Deutsche zu holen, wurde daraus „Industrie 4.0“. Das bedeutet, dass man in einer digital vernetzten Produktion auf individuelle Wünsche der Kunden eingehen soll. Es geht um Personalisierung, die ökonomische Kraft der Wissensökonomie. Aber das ist Unternehmen und Publikum nicht zuzumuten. Also dann eben industria, das lateinische Wort für Fleiß, der große gemeinsame Nenner der alten Kultur, die so gerne im Kreis läuft. Ursache und Wirkung treten zutage: Deshalb kann man hier Auto, aber keine Mobilität. Man schafft Werkzeuge, deren Anwendung man nicht versteht.

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Da ist es nur logisch, dass nicht Selbstverantwortung und die Kenntnis von Zusammenhängen Verhalten ändert und Denkalternativen fördern soll, sondern Verbot und Regeln. Das Individuum war den Deutschen stets suspekt, weshalb sie mit schöner Regelmäßigkeit allen Manipulanten und Tyrannen auf den Leim gegangen sind, die mehr Gemeinschaft predigten, um die Rückwärtsfahrer restriktiv „auf Spur“ zu bringen. Das ist heute auch wieder so. Wo junge Leute die Welt verändern wollen und mit Transparenten rumlaufen, auf denen „Verbietet uns endlich was“ steht, hat die Aufklärung Insolvenz angemeldet. Soviel Angst vor der eigenen Courage war nach 1945 nie.

Apropos die „Last der Geschichte“: Es hilft nichts, einen radikalen Kulturwandel einzufordern, bevor man seine Hausaufgaben gemacht hat. Dabei geht es um Kultur und Gesellschaft, um Menschenbilder. Dazu muss man sich ehrlich machen. Innovationsfähigkeit heißt Zutrauen in sich selbst. Der Ruf nach Verbot und Anweisung und kollektives Mitlaufen ist das genaue Gegenteil.

Es gibt keine innovationsfreundliche Organisation, deshalb ist der Ruf nach „staatlicher Innovationspolitik“ auch Unfug. Davon profitieren nur jene Sorte von Innovationsfachverkäufern, die es unter Beamten und Managern zahllos gibt. Organisationen haben den Auftrag zum Erhalt des Status quo, zur Schaffung einer Struktur, in der eben eine Eigenschaft die ist, Entwicklungen wahrzunehmen. Diese Wahrnehmung von Realität ist der Schwachpunkt, wie Clayton Christensens Disruptionsbegriff uns zeigt. Die einzige Chance ist also, eine innere Opposition zu fördern. Damit sind nicht die berühmten Querdenker gemeint, die ohnehin bloß als Alibi des Mainstreams dienen. Innovation kann man nicht verwalten, nicht managen. Innovation kann man nur zulassen. Sie ist ein Experiment, jedes Mal, eine Wette auf die Zukunft. Wo Strukturen entstanden sind, die jedes Risiko aus dem Unternehmen rausnehmen, gibt es auch keine Innovationen mehr. So einfach ist das. Was es bräuchte, ist ein Leadership, dass man am ehesten in Peter Druckers klugem Vergleich erkennen kann: Management macht die Dinge richtig. Leadership macht die richtigen Dinge.

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Die Anführer ermöglichen also anderen, das Richtige zu tun. In der Welt der Wissensarbeiter ist das die einzige Möglichkeit. Sie besteht nicht mehr aus Menschen, denen man – wie in der Industriegesellschaft – einen tayloristischen Anforderungskatalog überreicht, sondern die, auch eine tiefe Drucker-Einsicht, „über ihre Arbeit mehr wissen als ihr Chef“. Der Wissensarbeiter braucht also keine industrielle Hierarchie, keine Eltern, als die sich die deutschen Eliten (die ökonomischen wie intellektuellen) so gerne aufspielen, sondern nüchterne Ermöglicher.

Dazu gehört auch, dass Talenten in Organisationen, also jenen, die versuchen, experimentieren, denken und zweifeln, ein hohes Maß an Bevorzugung zuteilwird. Lasst die Routinearbeiter Routinearbeit machen – und zwingt sie nicht dazu, „kreativ“ zu sein. Aber die anderen brauchen Ermöglicher, die sie positiv diskriminieren. Es geht um Unterschiede, Differenz.

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Die deutschen Eliten haben das, was sie als ihre Untertanen definierten – und später Mitarbeiter oder Bürger – stets unter Kuratel gestellt. Die Leute können selbst nichts, man muss sie kontrollieren, ihnen Vorschriften machen oder auf neudeutsch „sie abholen“ und „mitnehmen“ – ja, wo soll‘s denn hingehen? Wer so fragt, macht sich unbeliebt, weil dadurch das Grundproblem der Scheininnovatoren offengelegt wird: Sie haben keinen blassen Schimmer. Ihre Konfrontation lenkt nur von ihrer Fixiertheit auf die „alten Gedanken“ ab. Die Wirtschaftspolitik der Grünen fixiert sich stets auf den Industrialismus. Die Wissensgesellschaft, Selbstbestimmung, Selbständigkeit – alle Merkmale einer freieren Gesellschaft – wirken den Funktionären hingegen als Bedrohung oder sind ihnen wenigstens suspekt.

Das Feindbilddenken des Alten, das Selberdenken und Originalität ersetzt, teilen viele öffentliche Intellektuelle, Industriemanager und Extinction Rebellion Aktivisten. Was sich scheinbar in Konfrontation gegenübersteht, ist in Wahrheit eine Notgemeinschaft, die einander dringend braucht. Fällt der Feind weg, ist man erledigt, denn mit dem vermeintlichen Gegensatz stirbt der eigentliche Sinn. Falsche Innovatoren, Extremisten, setzen deshalb immer darauf, Probleme zu verwalten statt zu lösen. Wer sein Ziel erreicht, hat verloren. Die vermeintliche Radikalität, die heute allerorts beschworen wird, ist in Wahrheit eine Dauerschleife, die man noch dazu im Rückwärtsgang durchfährt.

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Die Trennung von den alten Gedanken aber verlässt diese Systemlogik, den Regelkreislauf des ewig Gestrigen, der deutschen Scheininnovation. Das Neue ist Stückwerk, wie Karl Popper es richtig erkannte, relativ unauffällig, eine Entwicklungssache, die sich dem Rattenrennen der alten Gewissheiten entzieht. So ist und bleibt das schlimmste deutsche Wort der neuen Reaktionäre aller Lager das der Alternativlosigkeit. Wer das sagt, sieht ganz schön alt aus.

Innovationen sind immer Alternativen und sie sind eine Verhandlungssache mit offenem Ausgang. Das Alte überwindet man also durchs Tun, durch die fröhliche Ignoranz der Regeln und Verbote und Ängste, die das Alte als Erziehungsmittel verwendet. Der Zweifel ist der Weisheit Anfang, was sonst? Deshalb ist die Verbotskultur nichts weiter als der kindische Versuch, die wahrhaft Ungezogenen zur Ordnung zu rufen. Dass sind nicht die, die in der Systemlogik existieren, sondern die Stillen und Abseitigen, die scheinbar Gestörten und Ungesehenen, die längst an der neuen Welt arbeiten.

Der Stoff, aus dem das Neue ist, verändert sich unentwegt. Er wird gewebt in Tätigkeit, Versuch und Experiment. Ist das neu? Ach was. Georg Lichtenberg wusste vor mehr als 200 Jahren Bescheid: „Das Neue kann man nur sehen, wenn man das Neue macht.“

Wolf Lotter ist Autor und Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins brand eins und schreibt dort die Leitessays zu den Themenschwerpunkten. Zum Thema ist von ihm erschienen: Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken (Edition Körber, 2018). Aktuell schreibt er an einem Buch über die Bedeutung des Zusammenhangs in der Wissensgesellschaft. Es erscheint im Herbst 2020 bei der Edition Körber. Mehr unter wolflotter.de
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1/2020 INNOVATION in der Rubrik TERRAIN erschienen. In dieser Rubrik stellen wir Begriffe, Theorien und Phänomene vor, die für unser gesellschaftliches Selbstverständnis grundlegend sind.
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