Wie neu ist die Jugend? Von Beate Großegger

Wie neu ist die Jugend?

Sind radikale Pragmatiker, indifferente „Jein“-Sager und erlebniskickfixierte Realitätsflüchtlinge verhinderte „Neu-Denker“?

Beate Großegger – Wie neu ist die Jugend?

Von Beate Großegger

In den frühen 2010er-Jahren scheint unsere Gesellschaft an einem Wendepunkt angekommen zu sein. Deregulierte Finanzmärkte haben Wirtschaft und Politik in Turbulenzen gebracht. Der Wohlfahrtsstaat ist im Umbruch. Die Politik sucht nach Lösungen, doch die großen Lösungskonzepte fehlen. Und so mahnen die Politiker zum Sparen. Im Handel kommen die Schlussverkäufe nicht mehr so recht in Gang. Die Krise, die seit 2008 die tagesaktuelle Berichterstattung füllt, schlägt auf den Konsum der Bürger durch. In den Buchhandlungen türmen sich populärpsychologische und populärphilosophische Ratgeber, die dem lesefreudigen Zeitgenossen nahelegen, ein „gutes Leben“ nicht nur mit materiellen Dingen zu verbinden. Und Experten aus dem Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften raten, Wohlstand und Fortschritt nicht, wie man es vor der Krise gewohnt war, ausschließlich am quantitativen Wirtschaftswachstum zu messen. Die Krise lehrt uns, dass wir umdenken müssen. Doch wie dieses Umdenken konkret funktioniert und welche Effekte es in der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik mit sich bringt, ist für große Teile der Bevölkerung heute bestenfalls schemenhaft erkennbar. Daher hat man sich scheinbar darauf verständigt zu sagen: „There is something wrong and it goes on and on and on …“, um fortan zu warten, dass sich die Sache irgendwie beziehungsweise irgendwann doch noch zum Guten wendet.

 

Planen ist heute nicht mehr, denn man weiß nie, was in fünf Jahren sein wird.

Beate Großegger

Dr. Beate Großegger ist Mitbegründerin und stellvertretende Vorsitzende des Instituts für Jugendkultur-forschung in Wien . Darüber hinaus ist sie Lektorin an mehreren österreichischen Universitäten und betreut das 2016 gegründete generationlab. Zum Thema von ihr erschienen: Kinder der Krise (Archiv der Jugendkulturen Verlag, 2014)

Das ist der Umgang mit der Krise, wie ihn die breite erwachsene Öffentlichkeit pflegt. Und was tut die Jugend, die mit der Krise aufwächst und diese quasi als Normalzustand betrachtet? Sie weiß, dass vieles nicht zum Besten steht. Den oft gehörten Satz, dass wir, wenn wir uns alle nur genug anstrengen, diese Krise bald vergessen und vielleicht gar ins Wirtschaftswunder zurückfinden können, hält sie für naiv. Und dennoch versucht sie sich damit nicht weiter zu belasten. Sie versucht nicht nachzudenken, sondern trotz allem irgendwie am Ball zu bleiben. Die diffuse Krisenstimmung, die das öffentliche Meinungsklima prägt, wirkt im Alltag der Jugend als permanentes Hintergrundrauschen und liefert ihr, freilich zumeist unbewusst, wichtige Referenzpunkte für die von ihr gewählten Lesarten menschlicher Existenz. Keine langfristigen Pläne schmieden, sondern einfach mal sehen, was geht, so lautet das Motto der „Kinder der Krise“. Mit nüchternem Realismus sagen sie: „Planen ist heute nicht mehr, denn man weiß nie, was in fünf Jahren sein wird.“ Weltanschauliche Grabenkämpfe sind dieser Generation fremd. Lana Del Rey, eine junge und derzeit sehr angesagte US-amerikanische Pop-Künstlerin, outete sich kürzlich in einem Neon-Interview mit dem Statement, dass sie konservative Werte mit linken Sehnsüchten verbinde. Dies macht deutlich, was bei den „Kindern der Krise“ heute Zeitgeist ist: Die Jugend hält sich die Optionen offen. In einer Welt, der die Planbarkeit abhanden gekommen ist, versucht sie, flexibel zu sein. Demnach lebt sie in ständiger Revisionsbereitschaft. Wenn sich Chancen bieten, greift sie rasch zu. Und wenn das nicht klappt, sagt sie sich: „Augen zu und durch.“ Die Sinnfrage stellt sich den meisten dabei nicht.

 

Laut wird eine solche Jugend nicht – obwohl sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den Verlierern der Krise zählt.

Viele junge Menschen sehen keinen Sinn im Leben. Sie leiden aber nicht darunter, sondern machen einfach weiter. Die Zahl derer, die nicht kritische Auseinandersetzung, sondern Ablenkung von den großen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit suchen, wächst. Die einen kultivieren idyllisch arrangierte Paarbeziehungskisten, die anderen tauchen in bunte Freizeit- und Erlebniswelten ab und lassen dort „die Sau raus“. Und etliche praktizieren beides. Vieles, wenn nicht alles, dreht sich dabei um die kleine Welt des Privaten. Krisenbewältigung (sofern man das überhaupt so nennen kann) basiert hier auf dem Prinzip kurzfristig wirksamer Kompensation. Die Konsequenzen sind unschwer zu erkennen: Kompensatorisch angelegtes Selbstmanagement verhindert, dass Jugendliche in Resignation und Lethargie verfallen. Gleichzeitig schützt es die Gesellschaft davor, sich mit einem weiteren „Jugendproblem“ beschäftigen zu müssen. Denn laut wird eine solche Jugend nicht – obwohl sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den Verlierern der Krise zählt. Es ist nicht zu erwarten, dass sie aufbegehrt und die Altvorderen mit unbequemen und neuen Ideen konfrontiert. Abgesehen von einer kleinen und öffentlich kaum wahrgenommenen jungen Engagementelite hat die breite Mehrheit der Jugendlichen kein großes Interesse daran, der Stachel im System zu sein. Das ist eine Tatsache.

 

Statt der „großen Weigerung“ zählt für sie „mitmachen, so gut es eben geht“.

Aus Sicht älterer Generationen scheint es, als hätte diese Jugend das große Ganze aus dem Blick verloren. Tatsächlich hat sie es aber wohl nie so recht im Blick gehabt. Anders als die politisierten 68er und Post-68er wirkt sie utopielos; sie verblüfft, trotz offen zum Ausdruck gebrachter Unzufriedenheit, mit ihrer hohen Bereitschaft, sich mit dem System zu arrangieren. Zwar könnte sie dem Konzept eines „qualitativen Wohlstandswachstums“, in dem neben „Kohle“ auch andere Aspekte wie Zeitwohlstand oder ein lebendiges, funktionierendes Gemeinwesen zählen, durchaus etwas abgewinnen; die Sehnsucht nach einem nicht allein an harten ökonomischen Faktoren zu messenden „guten Leben“ ist groß. Auch glauben die heute Jungen – sozialisiert im Zeitalter der gesellschaftlichen Individualisierung und Pluralisierung –, dass in unserer Gesellschaft unterschiedliche Lebensentwürfe und damit ganz verschiedene Formen des „guten Lebens“ möglich sein sollten. Allerdings mündet ihr Wunsch nach Veränderung beziehungsweise Erneuerung, anders als bei den 68ern und Post-68ern, meist nicht in Handeln. Sie begnügen sich großteils damit zu hoffen, dass jemand anderes handeln wird. Statt der „großen Weigerung“ zählt für sie „mitmachen, so gut es eben geht“. Sie wollen „up to date“ bleiben und so hetzen sie den vielen kleinen Neuigkeiten und ständig wechselnden Moden hinterher, anstatt sich mit der Frage: „Wie kommt das Neue in die Welt?“ zu befassen.

 

Die Jugend will nicht Heldin der Veränderung sein.

Im Marketing werden Jugendliche gerne als Change Agents und treibende Kraft des Wandels beschrieben – oder zumindest als Early Adopters, also Menschen, die neuartige Produkte zu einem sehr frühen Zeitpunkt erwerben und anwenden. In gesellschaftlicher Hinsicht lassen junge Menschen diese Eigenschaften heute aber eher vermissen. Nun ist es wohl so, dass viele Junge – wie übrigens auch Ältere – nicht daran glauben, mit Protest oder mit Engagement einen wirkungsvollen Beitrag leisten zu können, um die Welt zu einer anderen, besseren zu machen. Das mag sie davon abhalten, weitere Gedanken darauf zu verschwenden. Der springende Punkt ist aber ein anderer: Die Jugend, von der wir hier sprechen, will auf das große Ganze gar keinen großen Einfluss nehmen. Genauer gesagt: Sie will nicht Heldin der Veränderung sein. Anstatt Widersprüche des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder politischen Status-quo als Reibungsfläche zu sehen und sie zu nutzen, um neue Ideen auf den Weg zu bringen, konzentriert sich der junge Mainstream heute darauf, Strategien zu finden, die es ermöglichen, Widersprüche durch (Selbst-)Ablenkungsmanöver zumindest kurzfristig auszublenden. Natürlich findet man auch in der zeitgenössischen Jugendkultur die eine oder andere Nische, in der junge Leute die Frage stellen: „Wie wollen wir eigentlich leben?“ Doch diese jungen Leute verharren in ihren Nischen und üben weder auf ihre Altersgenossen noch auf die öffentliche Debatte eine große Strahlkraft aus.

So sind breite Schichten heute also mit dem Virus der leidenschaftslosen Überanpassung infiziert. Leidenschaftslose Überanpassung heißt, man ist weder dafür noch dagegen, sondern macht einfach mit; dies aber nicht aus Überzeugung oder Loyalität, sondern aufgrund von Bequemlichkeit, Zeitmangel, Überforderung und wohl auch mangelnder Reflexion. Den kritischen Blicken der Altvorderen präsentiert sich die Jugend allzu gerne illusionslos und mit demonstrativem Pragmatismus – wobei nicht immer klar ist, ob dieser Pragmatismus echt oder nur gespielt ist oder ob er in der alltäglichen Praxis nicht ständig zwischen dem einen und dem anderen changiert. Was dieser Generation ganz ohne Zweifel fehlt, ist der Mut und der Wille, Positionen zu beziehen. Anstatt „ja“ oder „nein“ zu sagen, entscheiden sich viele lieber für ein unverbindliches „Jein“. Das mag der Grund sein, warum die heutige Jugend in der politischen Debatte gerne als oberflächlich oder auch langweilig beschrieben wird. In jedem Fall ist es ein wesentlicher Grund dafür, warum Jugendliche in gesellschaftlichen Fragen als „Change Agents“ heute kaum in Erscheinung treten.

 

Der jugendliche Zeitgeist ist letztendlich nichts anderes als ein Spiegel des Zustandes unserer Gesellschaft.

Jungen Menschen die Kraft zur Erneuerung grundsätzlich abzusprechen, wäre dennoch falsch. Und ebenso falsch ist es, sich in Sachen Krisenbewältigung selbst aus der Verantwortung zu nehmen und auf den „Hoffnungsträger Jugend“ zu setzen. Und wenn uns der Pragmatismus der heutigen Jugend und ihre unverbindliche „Jein“-Haltung verstören, müssen wir uns eingestehen, dass der jugendliche Zeitgeist letztendlich nichts anderes als ein Spiegel des Zustandes unserer Gesellschaft ist. Wo Gedankenlosigkeit als angenehmer empfunden wird als kritische (Selbst-)Reflexion und wo es als „normal“ gilt, keine Positionen zu beziehen, fehlt auch das Verlangen, etwas Neues in die Welt zu setzen. Wer die ersehnte Veränderung herbeiführen wird, bleibt also weiter offen.

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Dieser Artikel ist erstmals in der Jubiläumsausgabe der agora42 DAS NEUE erschienen.

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