Franz Kafka – Experte für die dunklen Gefühle

Franz Kafka

Experte für die dunklen Gefühle

von Peter-André Alt

kafka

Wir alle leben in sei­ner Welt. „Kaf­ka­esk“ hat man sie genannt, mit einem zuerst im Eng­li­schen auf­tau­chen­den Attri­but, das zum Syn­onym für Angst, Unheim­lich­keit, Bedro­hung, Unüber­sicht­lich­keit gewor­den ist. Auch 93 Jah­re nach sei­nem Tod spricht Franz Kaf­ka mit sei­nen unaus­deut­ba­ren Tex­ten immer wie­der neue Gene­ra­tio­nen von Lesern an. Zahl­rei­che Auto­ren lie­ßen sich von sei­nen The­men und Moti­ven beein­flus­sen: Albert Camus und Jose Luis Bor­ges eben­so wie Vla­di­mir Nabo­kov, Phil­ipp Roth, Paul Aus­ter und Tho­mas Pyn­chon, John M. Coe­t­zee und Manu­el Var­gas Llosa, Peter Weiss und Sibyl­le Lewit­schar­off, Joy­ce Carol Oates und Jona­than Fran­zen – um nur eini­ge zu nen­nen. In merk­wür­di­gem Wider­spruch zu sei­ner glo­ba­len lite­ra­ri­schen Wir­kung steht Kaf­kas Lebens­ent­wurf als Autor. Nahe­zu sein gesam­tes, knapp 41 Jah­re wäh­ren­des Leben führ­te er im inne­ren Bezirk Prags, inmit­ten einer kul­tu­rell viel­fäl­ti­gen, aber topo­gra­fisch über­schau­ba­ren Stadt. Nur sel­ten reis­te er – nach Ita­li­en, Frank­reich, Ungarn. Er hei­ra­te­te nie, grün­de­te kei­ne Fami­lie, hat­te kei­ne Kin­der. Er hin­ter­ließ kei­nen irdi­schen Besitz, son­dern nur die „unge­heu­re Welt“, die er, wie er sag­te, „im Kop­fe“ hat­te. Gestalt gewor­den ist sie in Tex­ten, von denen zahl­rei­che – dar­un­ter die drei Roma­ne – nur Frag­ment blie­ben: unab­schließ­ba­re Bruch­stü­cke von Geschich­ten, die wie Träu­me erzählt zu sein schei­nen.

 

Der ein­sa­me Autor

Kaf­ka, der in der Lite­ra­tur zu uner­hör­ten Höhen­flü­gen fähig sein konn­te, sah sich als Geschei­ter­ten. Der stu­dier­te Jurist war 15 Jah­re lang bis zu sei­ner krank­heits­be­ding­ten Pen­sio­nie­rung in der Pra­ger Unfall-Ver­si­che­rungs­an­stalt beschäf­tigt, ohne jemals Arbeits­zeit und lite­ra­ri­sche Pro­jek­te erfolg­reich in Ein­klang brin­gen zu kön­nen. Er wohn­te bis weit über das 30. Lebens­jahr bei sei­nen Eltern, obwohl er sei­nen Vater als furcht­ba­ren Tyran­nen wahr­nahm, der sei­nen eige­nen Bedürf­nis­sen und Wün­schen kei­ner­lei Ver­ständ­nis ent­ge­gen­brach­te. Die Frau­en lieb­ten ihn, der attrak­tiv und char­mant, klug und iro­nisch, zart­füh­lend und ele­gant war, aber er ver­moch­te es nie, zu einer von ihnen eine dau­er­haf­te Bezie­hung auf­zu­bau­en. Drei­mal ver­lob­te er sich – dar­un­ter zwei­mal mit der­sel­ben Frau, der Ber­li­ne­rin Feli­ce Bau­er –, doch stets floh er vor den Erwar­tun­gen, die die Ehe ihm abver­langt hät­te. Lite­ra­risch tätig sein konn­te Kaf­ka nur in unbe­ding­ter Ein­sam­keit. Was ihm als Autor gelang, das war den Erfor­der­nis­sen des All­tags abge­trotzt. Zu schrei­ben ver­moch­te er ein­zig in der Nacht, wenn alle schlie­fen und kein Geräusch an sein emp­find­li­ches Ohr drang. Dann erwach­ten die Kräf­te der Fan­ta­sie in ihm, und jene Bil­der, die ihn in Träu­men und Halb­schlaf­zu­stän­den stän­dig ver­folg­ten, wur­den Lite­ra­tur.

Kaf­ka gilt zu Recht als Meis­ter einer unwirk­lich anmu­ten­den Erzähl­wei­se. Zu ihren Bestand­tei­len gehö­ren Sze­nen des Schre­ckens und der Angst, die aus Alp­träu­men zu stam­men schei­nen. Ihre Beson­der­heit besteht dar­in, dass sie mit höchst rea­lis­ti­schen Mit­teln ent­wor­fen und beschrie­ben wer­den. Der Schrift­stel­ler Kaf­ka ist weder Manie­rist noch Sur­rea­list, son­dern ein genau­er Beob­ach­ter, der die exak­te Logik des Traums abbil­det. Sie macht in spe­zi­fi­scher Wei­se aus, dass noch das Irr­wit­zigs­te und Ver­rück­tes­te wie ein Moment der Nor­ma­li­tät wirkt. Vom Traum über­nimmt Kaf­kas Erzäh­len nicht nur die Glaub­wür­dig­keit und Sach­lich­keit, in der das Irra­tio­na­le erscheint; an den Traum erin­nert auch, dass selbst fan­tas­ti­sche Ereig­nis­se in sei­nen Tex­ten nie­mals kom­men­tiert, geschwei­ge denn erklärt und gedeu­tet wer­den.

 

Der Dich­ter der Angst

Angst ist ein Leit­mo­tiv in Kaf­kas Erzähl­welt, aber auch ein kon­sti­tu­ti­ves Ele­ment sei­ner psy­chi­schen Bio­gra­fie. Das exis­ten­zi­el­le Grund­ge­fühl der Furcht durch­zieht bereits die frü­hen Jah­re. „Ich war ein ängst­li­ches Kind“, schreibt der 36-Jäh­ri­ge im Novem­ber 1919. Zur Quel­le sei­ner Angst wird der Vater Her­mann Kaf­ka, den der Her­an­wach­sen­de als bedroh­li­chen Dik­ta­tor wahr­nimmt. Er, der Sohn eines Fleisch­hau­ers, hat­te sich nach ent­beh­rungs­rei­cher Jugend empor­ge­ar­bei­tet zum erfolg­rei­chen Galan­te­rie­wa­ren-Händ­ler, ange­se­he­nen Stadt­bür­ger und stol­zen Patri­ar­chen. Die frü­he Prä­gung durch den mate­ri­el­len Man­gel wirk­te fort in einer res­sen­ti­ment­ge­la­de­nen, selbst­ge­fäl­li­gen Über­le­gen­heits­at­ti­tü­de, die den Vater zum unduld­sa­men Tyran­nen wer­den ließ. „In Dei­nem Lehn­stuhl regier­test Du die Welt“, so cha­rak­te­ri­siert ihn 1919 der Sohn. Die drei jün­ge­ren Schwes­tern kön­nen Franz im Kon­flikt der Gene­ra­tio­nen nicht hel­fen, und sehr früh ent­schei­det er sich, vor der ver­meint­li­chen Stär­ke des Vaters zu kapi­tu­lie­ren. Sei­ne Unter­wer­fung äußert sich dar­in, dass er alles mei­det, was eine Nach­ah­mung des pa­triarchalischen Rol­len­ent­wurfs bedeu­tet hät­te. Bis zum 36. Lebens­jahr wohnt Kaf­ka bei den Eltern, auch nach Jura­stu­di­um und Pro­mo­ti­on, als längst ver­be­am­te­ter Ver­si­che­rungs­ex­per­te in aus­kömm­li­cher Stel­lung und spär­lich publi­zie­ren­der Autor kur­zer Pro­sa­stü­cke. Sämt­li­che Ehe­pro­jek­te schei­tern, ein bür­ger­li­cher Haus­stand wird nicht gegrün­det. Der Sohn bleibt Sohn und arbei­tet sich am Vater ab. Noch als 36-Jäh­ri­ger schreibt er einen hun­dert Sei­ten umfas­sen­den Brief an Her­mann Kaf­ka, eine Mischung aus Selbst­be­zich­ti­gung und Ankla­ge, schwin­gend um ein ein­zi­ges gro­ßes Zen­trum: die Angst. Was bleibt, sind die Fluch­ten in die Ima­gi­na­ti­on, aus denen sei­ne unver­wech­sel­ba­ren Geschich­ten her­vor­ge­hen. Geschich­ten über die Angst vor frem­den Instan­zen einer undurch­sich­ti­gen Gerichts­bar­keit, vor anony­men Ver­wal­tungs­ap­pa­ra­ten, vor den Ver­lo­ckun­gen des Triebs.

Angst, so erkennt Kaf­ka früh, hat mit der Erfah­rung von Ohn­macht zu tun.

Wahre Angst

Die­ses Por­trait ist in agora42 WA(H)RE ANGST erschie­nen. Peter-André Alt ist Pro­fes­sor für Neue­re deut­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin, die er seit 2010 als Prä­si­dent lei­tet. Zum The­ma von ihm erschie­nen: Franz Kaf­ka. Der ewi­ge Sohn. Eine Bio­gra­phie (Ver­lag C. H. Beck, 2005).

Angst, so erkennt Kaf­ka früh, hat mit der Erfah­rung von Ohn­macht zu tun. Das ist die Quint­essenz sei­ner Bezie­hung zum Vater, die durch Auto­ri­täts­an­ma­ßung und Unter­wer­fung gekenn­zeich­net ist. Die Rol­le des Vaters als Lehn­ses­sel-Tyrann trägt pro­to­ty­pi­schen Cha­rak­ter, denn aus ihr lei­ten sich alle wei­te­ren Ord­nun­gen der Macht her. Die Macht muss nicht objek­tiv begrün­det sein, viel­mehr genügt es, wenn nur einer sie aner­kennt. Die Macht des Vaters, der eigent­lich ein Schein­rie­se ist, ent­steht durch die Sub­or­di­na­ti­on des Soh­nes. Ähn­lich ver­hält es sich mit poli­ti­schen und sozia­len Sys­te­men, in denen Hier­ar­chi­en kei­nes­wegs auf objek­ti­ver Auto­ri­tät beru­hen. Genau die­ses Phä­no­men wird Kaf­ka in sei­nen Roma­nen – vor allem im Pro­cess – in sug­ges­ti­ven Bil­dern zum Aus­druck brin­gen. Dass das, was Angst aus­löst, bei nähe­rer Betrach­tung lächer­lich und unwür­dig, banal und ordi­när sein kann, gehört zu den irri­tie­rends­ten Sei­ten der Roman­höl­len, die Kaf­ka uns hin­ter­las­sen hat.

Eine wei­te­re Quel­le der Angst, neben der Erfah­rung väter­li­cher Macht, bil­det für den Her­an­wach­sen­den die Sexua­li­tät. Den auf­kei­men­den Trieb emp­fin­det Kaf­ka als bedroh­lich, weil er das Den­ken beherrscht und in sei­ner Dyna­mik nicht kon­trol­liert wer­den kann. Über die Erfah­rung der ers­ten Lie­bes­nacht mit einer Ver­käu­fe­rin, die den jun­gen, sehr attrak­ti­ven Stu­den­ten offen­siv ange­flir­tet hat­te, berich­tet er 17 Jah­re spä­ter in einem Brief an Mile­na Pollak, sie habe für ihn Glück und Schmutz zugleich bedeu­tet. Der Trieb aber steht nicht still, er regt sich immer wie­der, und gera­de das macht ihn unheim­lich und unver­ständ­lich. Ganz ohne detail­lier­te Kennt­nis der Freud­schen Psy­cho­ana­ly­se, die exakt die­se uner­schöpf­li­che Ener­gie der Libi­do her­vor­hebt, beschreibt Kaf­ka den Trieb als einen bedroh­li­chen Her­ren, der uns wie ein unbe­herrsch­ba­res Pferd in unbe­kann­te Gefil­de davon­tra­gen kann. Als „Angst“ und „Sehn­sucht“ bezeich­net er in sei­nem Brief an Mile­na Pollak die bei­den bestim­men­den Impul­se, die ihn mit der sexu­el­len Erfah­rung ver­bin­den. Das Gefühl des Schmut­zi­gen wird ihn nie los­las­sen, und es ist kein Zufall, dass der Lie­bes­akt in sei­nen Roma­nen an unsau­be­ren Orten – in unrei­nen Bet­ten, zwi­schen alten, stau­bi­gen Büro­re­qui­si­ten, in Bier­pfüt­zen – statt­zu­fin­den pflegt. Die Sehn­sucht aber ist nicht zu unter­drü­cken, sie bleibt wach und mel­det sich immer wie­der in unge­bro­che­ner Stär­ke zurück. Kaf­kas irr­lich­tern­de Erzäh­lung Ein Land­arzt wird genau davon han­deln: in Bil­dern, die aus den Dun­kel­kam­mern unse­rer Schreck­träu­me stam­men, schil­dert sie, wie ein Arzt in unbe­haus­ter, win­ter­li­cher Gegend zu einem fer­nen Pati­en­ten geru­fen und durch einen unheim­li­chen Stall­knecht mit einem groß­räd­ri­gen Wagen und zwei wil­den Pfer­den aus­ge­stat­tet wird, die ihn wie im Flug zu sei­nem Ziel tra­gen. Den Kran­ken, den er dort vor­fin­det, kann er jedoch nicht hei­len, denn er trägt eine töd­li­che Sei­ten­wun­de, an der er zugrun­de gehen muss. Die ent­täusch­ten Ver­wand­ten legen den macht­lo­sen Arzt ins Bett zum Pati­en­ten: Er scheint selbst ein Kran­ker, der ohne Rat und Wis­sen ist. Der Trieb des Men­schen, der durch die frem­den Pfer­de ver­kör­pert wird, führt uns zur Erkennt­nis unse­rer Ohn­macht, zur Ein­sicht in unser Unglück. Dass auch der Arzt nur ein ande­rer Kran­ker ist, gehört im übri­gen zu den wich­tigs­ten Befun­den der Psy­cho­ana­ly­se, deren Pro­gram­ma­tik Kaf­ka mit einer Mischung aus Respekt und Ver­är­ge­rung zur Kennt­nis nahm: Respekt, weil ihre Trieb­leh­re sich mit sei­nen eige­nen Beob­ach­tun­gen sexu­el­ler Kon­di­tio­nie­rung deck­ten; Ver­är­ge­rung, weil er ihren The­ra­pie­an­spruch für einen fal­schen Ansatz hielt, der die viel umfas­sen­de­re exis­ten­zi­el­le Krank­heit des Men­schen, sei­ne Unbe­haust­heit und Ich-Enfrem­dung nicht hei­len konn­te.

Eine drit­te Quel­le der Angst, die Kaf­kas Geschich­ten speist, ist die per­ma­nen­te Selbst­be­ob­ach­tung. Wer sich unauf­hör­lich obser­viert und sei­ne inne­ren Regun­gen über­wacht, der gerät in einen Kreis­lauf der Angst, aus dem er sich nicht mehr befrei­en kann. Das hat­te schon Sören Kier­ke­gaard, der Psy­cho­lo­ge unter den Phi­lo­so­phen des Nach­i­dea­lis­mus, aus­drück­lich betont – Kaf­ka las sei­ne Tex­te mit Bewun­de­rung, weil er ihre lite­ra­ri­schen Qua­li­tä­ten beson­ders schätz­te. Zur Selbst­er­kennt­nis, so for­mu­liert er im Win­ter 1917/18, ist jeder Mensch auf­ge­ru­fen. Aber die Umset­zung die­ses Auf­trags darf nicht zur Selbst­be­ob­ach­tung gera­ten, die der Welt des Bösen ange­hört. Die Schlan­ge des Para­die­ses ver­lockt die ers­ten Men­schen bekannt­lich zu einem Akt der Gehor­sams­ver­wei­ge­rung gegen­über Gott, der zum Ver­lust der Unschuld und zur gestei­ger­ten Selbst­wahr­neh­mung führt. Die Scham nach dem Sün­den­fall ist das ers­te Resul­tat einer Selbst­spal­tung, die nicht mehr geheilt wer­den kann. Und die Selbst­be­ob­ach­tung des ver­un­si­cher­ten Men­schen mün­det dem­nach auch nicht in die The­ra­pie des gro­ßen Ris­ses, der unse­re sinn­li­che von der geis­ti­gen Erfah­rungs­welt trennt. Sie erzeugt viel­mehr tie­fe Lebens­un­fä­hig­keit, die per­ma­nen­te Angst vor dem eige­nen Ich, sei­nen unbe­wuss­ten und sei­nen bewuss­ten Sei­ten. Was Kaf­ka im Win­ter 1917/18, erst­mals kon­fron­tiert mit der Dia­gno­se sei­ner sie­ben Jah­re spä­ter töd­lich enden­den Tuber­ku­lo­se-Erkran­kung, in der win­ter­li­chen Ein­sam­keit des Dor­fes Zürau fern von Prag nie­der­schreibt, ist eine Phi­lo­so­phie der Angst, die aus dem Sün­den­fall abge­lei­tet wird. Es gehört zu den Eigen­tüm­lich­kei­ten die­ser Phi­lo­so­phie, dass der jüdi­sche Autor, der erst in sei­nen letz­ten Jah­ren einen Zugang zum Glau­ben der Vor­vä­ter fand, das Zen­trum sei­ner Angst-Leh­re über die Aus­ein­an­der­set­zung mit christ­lich-bibli­schen The­men ent­wi­ckelt.

Hier, an der Schwel­le zum Tod, fin­det Kaf­kas Den­ken zu sei­ner letz­ten, mutigs­ten Kon­se­quenz.

Die Lun­gen-Erkran­kung, die im Spät­som­mer 1917 dia­gnos­ti­ziert wird, macht Kaf­ka auf fast para­do­xe Wei­se frei. Er lässt sich vom Dienst beur­lau­ben, zieht zu sei­ner jüngs­ten Schwes­ter Ott­la aufs Land, löst sich von sei­ner Ver­lob­ten Feli­ce Bau­er und arbei­tet an einer Serie von apho­ris­ti­schen Lebens­be­trach­tun­gen. Hier, an der Schwel­le zum Tod, fin­det Kaf­kas Den­ken zu sei­ner letz­ten, mutigs­ten Kon­se­quenz. Sel­ten wur­den die Grund­la­gen unse­rer see­li­schen Erfah­rung, die Erfor­der­nis­se der Moral und die Wider­sprü­che mensch­li­chen Frei­heits­an­spruchs schär­fer und kom­pro­miss­lo­ser dar­ge­stellt als in den Zürau­er Apho­ris­men. Die intel­lek­tu­el­le Här­te, mit der Kaf­kas Refle­xio­nen ope­rie­ren, resul­tiert aus dem Grund­ge­fühl, nichts mehr ver­lie­ren zu kön­nen. „Der Geist wird erst frei, wenn er auf­hört Halt zu sein“, heißt es dies­be­züg­lich. Max Brod, der Pra­ger Freund seit gemein­sa­men Stu­di­en­ta­gen, hat schon 1937 dar­an erin­nert, dass Kaf­ka im All­tag zu äußerst muti­gen Ent­schei­dun­gen fähig war, beim Rudern und Rad­fah­ren sport­li­che Risi­ken such­te und Lust an der Gefahr zeig­te. In dem Moment, da die Krank­heit ihn mit der End­lich­keit sei­nes Lebens kon­fron­tiert, fal­len die letz­ten Bar­rie­ren. Kaf­kas Den­ken ent­fernt sich nun von allen gesell­schaft­li­chen Wert­vor­stel­lun­gen, es schwingt um eine letz­te Gren­ze, wo alle Unter­schei­dun­gen zwi­schen Moral und Unmo­ral, zwi­schen Wahr­heit und Lüge kol­la­bie­ren: „Von einem gewis­sen Punkt gibt es kei­ne Rück­kehr mehr. Die­ser Punkt ist zu errei­chen.“

 

Räu­me und Alp­träu­me

Kaf­kas Tex­te fas­zi­nie­ren ihre Leser, weil sie mit einem eben­so ein­fa­chen wie kom­ple­xen Kunst­griff arbei­ten – sie über­tra­gen Phä­no­me­ne der see­li­schen Welt auf sozia­le oder poli­ti­sche Sys­te­me. Am Leit­mo­tiv der Angst lässt sich die­ses Ver­fah­ren sinn­fäl­lig zei­gen. In sei­nen 1912 ent­stan­de­nen Erzäh­lun­gen Das Urteil und Die Ver­wand­lung hat Kaf­ka Fan­ta­si­en von Schuld und Stra­fe ent­fal­tet, die ihren unver­gess­li­chen Aus­druck in den bild­mäch­ti­gen Dar­stel­lun­gen zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen fin­den. In den frü­hen Tex­ten ist die Fami­lie der Ort, wo Selbst­ver­ges­sen­heit und Ver­drän­gung, Ego­zen­trik und Angst des Men­schen sicht­bar wer­den. Die Fami­lie fun­giert, in Über­ein­stim­mung mit Kaf­kas eige­nen Erfah­run­gen, als sozia­ler Raum, in dem Macht und Ohn­macht glei­cher­ma­ßen her­vor­tre­ten. Stets ist es der Vater, der die Rol­le des häus­li­chen Tyranns im wört­li­chen Sinn ver­sieht. Er gerät zur Stra­finstanz, die über den Sohn urteilt und ihn ver­nich­tet. Nicht der Sohn also schal­tet hier, wie im Ödi­pus-Mythos, den Vater aus, son­dern die­ser umge­kehrt sei­nen jun­gen, vita­len Kon­kur­ren­ten im Rin­gen um die Macht, das Lebens­recht, die Zukunft. Die mör­de­ri­schen Väter Kaf­kas mögen äußer­lich ver­fal­le­ne Gestal­ten im Schlaf­rock sein, aber in ihnen bro­delt die unge­brems­te Gier nach Herr­schaft, die sie sogar ihre Söh­ne töten lässt.

Was der Ange­klag­te Josef K. erlebt, nach­dem er durch die Scher­gen eines unsicht­ba­ren Gerichts­sys­tems ver­haf­tet wur­de, ent­spricht den Mus­tern eines Alp­traums.

Im Pro­cess (1914/15), dem wohl bedeu­tends­ten sei­ner drei Roma­ne, geht Kaf­ka noch wei­ter und über­führt das Pri­va­te in eine eige­ne gesell­schaft­li­che Welt mit beson­deren Regeln, Geset­zen und Sym­bo­len. Was der Ange­klag­te Josef K. erlebt, nach­dem er durch die Scher­gen eines unsicht­ba­ren Gerichts­sys­tems ver­haf­tet wur­de, ent­spricht den Mus­tern eines Alp­traums. Die Quint­essenz sei­ner Geschich­te, die mit der Hin­rich­tung endet, besteht dar­in, dass K.’s Schuld vor allem ein Schuld­ge­fühl ist. Von die­sem Schuld­ge­fühl und sei­nen Spie­ge­lun­gen han­delt der Roman. Kaf­ka beschreibt dabei die Psy­che sei­nes Hel­den nicht direkt, son­dern ver­sinn­bild­licht sie: In den unheim­li­chen Dach­zim­mern, wo das Gericht tagt, in den Bet­ten der Advo­ka­ten, in Asser­va­ten­kam­mern und Raum­fluch­ten, gehei­men Ver­ste­cken und Trep­pen­häu­sern spie­geln sich Josef K.’s Hem­mun­gen und Ängs­te, sei­ne unsi­che­ren Ver­tei­di­gungs­ver­su­che und Recht­fer­ti­gungs­zwän­ge. Orson Wel­les’ Ver­fil­mung des Romans, die 1962 in die Kinos kam, hat dazu gran­dio­se Bil­der von klaus­tro­pho­bi­scher Qua­li­tät gefun­den. Auch wenn Wel­les’ Adap­ti­on nicht frei von Zeit­geist-Ele­men­ten bleibt, wie die Anspie­lun­gen auf Atom-Pho­bie und Kal­ten Krieg zei­gen, gelingt sei­nem Film in die­sem Punkt die per­fek­te Visua­li­sie­rung von Kaf­kas Raum­fan­ta­si­en.

Immer wie­der wird Josef K. von Frau­en abge­lenkt, statt sich zu ernst­haf­ter Selbst­prü­fung durch­zu­rin­gen. Die Ver­lo­ckun­gen des Triebs füh­ren ihn auf Abwe­ge, und per­ma­nent ent­zieht er sich der ehr­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem eige­nen Ich, sodass er die Bedeu­tung des gegen ihn lau­fen­den Pro­zes­ses nie­mals erkennt. In der Welt des Romans gibt es nichts, das in einem zuver­läs­si­gen Sinn objek­tiv exis­tiert. Alles besteht nur in Bezug auf das Sub­jekt, auf Josef K. Das bringt die gran­dio­se Tür­hü­ter-Legen­de zum Aus­druck, die der Geist­li­che dem Ange­klag­ten zur Ver­an­schau­li­chung des Gerichts­we­sens erzählt. „Vor dem Gesetz“, so lau­tet ihr Anfang, „steht ein Tür­hü­ter. Zu die­sem Tür­hü­ter kommt ein Mann vom Lan­de und bit­tet um Ein­tritt in das Gesetz. Aber der Tür­hü­ter sagt, dass er ihm jetzt den Ein­tritt nicht gewäh­ren kön­ne.“ Das Gesetz ist ein laby­rin­thisch anmu­ten­des Gebäu­de, das der Tür­hü­ter bewacht. Der Mann vom Lan­de war­tet vie­le Jah­re auf die Erlaub­nis zum Ein­tritt, ohne dass er ein­ge­las­sen wird. Kurz vor sei­nem Tod erfährt er durch den Tür­hü­ter, dass das Gesetz allein für ihn bestimmt sei und nun, da sein Leben ende, geschlos­sen wer­de. Das gehei­me Gesetz, von dem der Pro­cess-Roman han­delt ist kein all­ge­mei­nes Rege­lungs­werk, das für alle Men­schen gilt, son­dern ein Aus­druck per­sön­li­cher Bestim­mung. Der Angst­traum der Schuld, der die Geschich­te Josef K.’s durch­zieht, erweist sich als Reflex einer geschei­ter­ten Selbst­fin­dung. Wie der Mann vom Lan­de das ihm zuge­dach­te Gesetz ver­fehlt, so ver­sagt Josef K. bei der Suche nach dem eige­nen Ich.

 

Für immer kaf­ka­esk

Man kann Kaf­ka einen „ewi­gen Sohn“ nen­nen. Die­se For­mel besagt nicht, dass er ein Unvoll­kom­me­ner, im Leben Ver­sa­gen­der war. Sie meint etwas ande­res: Kaf­ka war ein Schrift­stel­ler, der sei­ne Tex­te immer im Sta­tus des Unvoll­ende­ten beließ. Sei­ne Geschich­ten fin­den kei­nen Abschluss, so wenig wie die Träu­me, aus denen wir plötz­lich erwa­chen. Wohin sie uns geführt hät­ten, wären wir nicht erwacht, kön­nen wir im Licht des hel­len Tages unmög­lich sagen. Auch die Erzäh­lun­gen des ewi­gen Soh­nes Kaf­ka wer­den nicht erwach­sen, sie ver­har­ren im Sta­di­um des Vor­läu­fi­gen – das macht sie so beun­ru­hi­gend und lässt sie, ver­stö­rend wie sie sind, nie­mals altern. Kaf­kas Tex­te haben jede Gene­ra­ti­on neu ange­spro­chen. Sie präg­ten nicht nur Schrift­stel­ler, son­dern auch Maler, Film­re­gis­seu­re, Phi­lo­so­phen, Archi­tek­ten, Psy­cho­ana­ly­ti­ker und Theo­lo­gen auf unter­schied­lichs­te Wei­se. Kein ande­rer Autor der Welt­li­te­ra­tur hat eine ver­gleich­ba­re Flut von Inter­pre­ta­tio­nen aus­ge­löst. Die­ser Strom kann nicht enden, weil Kaf­kas Tex­te unab­schließ­bar blei­ben. In ihrer Nach­ge­schich­te mischen sich Buch­sta­be und Kom­men­tar zu einem unver­gleich­li­chen Gan­zen, ähn­lich wie im Fall des jüdi­schen Tal­mud, wo über­lie­fer­ter Text und Deu­tung eine span­nungs­vol­le Gesamt­heit bil­den. Der Autor Kaf­ka schreibt in sei­ner Kunst die­se Form des Tal­mud fort. Sei­ne gro­ßen Erzäh­lun­gen von Angst und Stra­fe sind auch des­halb unver­gäng­lich, weil sie jede Gene­ra­ti­on immer wie­der neu an die Gren­zen ihrer eige­nen psy­chi­schen und sozia­len Exis­tenz füh­ren.

 

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wahre angstDie neue agora42 zum Thema WA(H)RE ANGST

mit

  • Heinz Bude im Inter­view
  • Frank Ruda: “Mut zur Angst”
  • Franz Kaf­ka im Por­trät
  • Spe­cial: Kunst­wer­ke zum The­ma von Jonas Bur­gert, Roger Bal­len, Sami­ra Frei­tag uvm.