Kann man Krisen vorhersagen?

Schein­bar aus dem Nichts gehen die Bör­sen welt­weit in die Knie and aller­orts wer­den Erklä­run­gen für die teils dra­ma­ti­schen Kurs­ein­brü­che gesucht bzw. ange­bo­ten – der US-ame­ri­ka­ni­sche Leit­in­dex hat ges­tern den größ­ten Tages­ver­lust seit sei­nem Bestehen ver­zeich­net. Auch wenn noch nicht sicher ist, ob die­se Kurs­ver­lus­te ledig­lich auf eine soge­nann­te Kurs­kor­rek­tur hin­deu­ten oder ob damit der Anfang einer Kri­se mar­kiert wird, haben wir in unse­rem Archiv doch etwas pas­sen­des zu die­sen Kurs­stür­zen gefun­den: eine Pro­phe­zei­ung.

In der Aus­ga­be 3/2018 BESITZ & EIGENTUM berich­te­ten wir über den Finanz­ma­the­ma­ti­ker (oder Betrü­ger, oder das Genie?) Mar­tin Arm­strong, der bereits zahl­rei­che Kri­sen vor­her­ge­sagt hat. Und wie das so ist mit Vor­her­sa­gen – mal tra­ten sie ein, mal lag er mit sei­ner Pro­gno­se dane­ben. Die Kri­se, die er am 8. Mai 2015 vor­her­sag­te, trat auf jeden Fall nicht ein, aber da die Grün­de für den von ihm pro­phe­zei­ten Beginn der nächs­ten gro­ßen Kri­se (den er für den 1. Okto­ber 2015 vor­her­ge­sagt hat­te) nach wie vor aktu­el­le sind und viel­leicht eine Erklä­rung für die Tur­bu­len­zen an den Bör­sen sein kön­nen, möch­ten wir Ihnen die­se Pro­phe­zei­ung nicht vor­ent­hal­ten. Zumal es ein äußerst kurz­wei­li­ges und infor­ma­ti­ves Lese­ver­gnü­gen ist:

 

Detail des Film­pla­kats The Fore­cas­ter

 

Beginnt die Krise am 1. Oktober 2015?

Filmpremiere von The Forecaster

Der SWR schrieb über den neu­en Film The Fore­cas­ter des Tübin­ger Doku­men­tar­fil­mers Mar­cus Vet­ter: „Wun­der­ba­rer Para­noia Film – mit dem Unter­schied, dass die Ver­schwö­rung wahr sein könn­te.“ Damit wird ein Gefühl zum Aus­druck gebracht, dem man sich selbst als kri­ti­scher und reflek­tier­ter Zuschau­er schwer ent­zie­hen kann, ein Gefühl der Beun­ru­hi­gung, weil man sich zwangs­läu­fig fragt: Was ist wahr an der Geschich­te? Auch wenn der Film vor­wie­gend die Zeit in den Blick nimmt, in der die US-ame­ri­ka­ni­schen Geheim­diens­te in das Leben des Prot­ago­nis­ten Mar­tin Arm­strong tra­ten und somit das bereits außer­ge­wöhn­li­che Leben eines Zah­len­ge­nies in einen Kri­mi ver­wan­del­ten, den sich kein Buch­au­tor bes­ser hät­te aus­den­ken kön­nen, lohnt es sich, einen kur­zen Blick auf die Bio­gra­fie Arm­strongs zu wer­fen: So soll er im zar­ten Alter von vier Jah­ren sei­ne Lei­den­schaft für sel­te­ne und dadurch wert­vol­le Mün­zen ent­deckt haben. Zuge­ge­ben, es ist eher unty­pisch für Kin­der, dass sie sich mit wert­vol­len Mün­zen aus­ein­an­der­set­zen, aber Kin­der kön­nen – wie jeder weiß – schnell zu einem ech­ten Exper­ten wer­den, wenn sie sich für etwas inter­es­sie­ren.

Da Arm­strong sei­ner Lei­den­schaft für Mün­zen treu blieb, ist es schon fast nicht mehr ver­wun­der­lich, dass er knapp zehn Jah­re spä­ter sei­ne bis dahin gewon­ne­nen Erfah­run­gen für sich zu nut­zen wuss­te und sei­ne ers­te Mil­li­on ver­dien­te, indem er sel­te­ne Mün­zen güns­tig kauf­te und teu­er ver­kauf­te. Doch wie man es von einem Zah­len­ge­nie erwar­ten wür­de, wand­te er sich bald abs­trak­te­ren Din­gen zu. In sei­nem Fall waren das die Preis­ent­wick­lun­gen von Roh­stof­fen und ande­ren Han­dels­gü­tern, die er ab Mit­te zwan­zig genau­er unter die Lupe nahm. War die Ver­öf­fent­li­chung die­ser Ana­ly­sen anfangs noch ein rei­nes Hob­by, bil­de­te es bald die Grund­la­ge für einen kos­ten­pflich­ten News­let­ter, den er par­al­lel zu sei­nen Stu­di­en­jah­ren an meh­re­ren Uni­ver­si­tä­ten her­aus­gab. Einen aka­de­mi­schen Abschluss erlang­te er übri­gens nicht. Statt­des­sen ent­wi­ckel­te er sei­ne Ana­ly­sen wei­ter und über­führ­te sie in ein Com­pu­ter­mo­dell. Mit die­sem Modell konn­te Arm­strong gro­ße Bör­sen­crashs und Wäh­rungs­kri­sen vor­her­sa­gen. So pro­phe­zei­te er etwa den Black Mon­day im Herbst 1987, den ers­ten Bör­sen­krach nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Damals erlitt der Dow-Jones-Index mit 22 Pro­zent den größ­ten Tages­ver­lust sei­ner Geschich­te. Auch den his­to­ri­schen Nik­kei-Abstieg im Jahr 1989 und die Russ­land-Kri­se in den Jah­ren 1998/1999 hat Arm­strong ziel­si­cher ange­kün­digt.

All dies ist jedoch noch nichts gegen das, was am 29. Sep­tem­ber 1999 sei­nen Anfang nahm. An die­sem Tag wur­de er fest­ge­nom­men, weil man ihn beschul­dig­te, ein Schnee­ball­sys­tem im Umfang von drei Mil­li­ar­den US-Dol­lar auf­ge­baut zu haben. Zahl­rei­che Unre­gel­mä­ßig­kei­ten wäh­rend des Ver­fah­rens, sie­ben Jah­re Beu­ge­haft – ohne Pro­zess oder rich­ter­li­ches Urteil – und danach wei­te­re fünf Jah­re in einem Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis (ohne Anrech­nung sei­ner bereits ver­büß­ten Zeit) sowie die Tat­sa­che, dass der Vor­wurf, ein Schnee­ball­sys­tems auf­ge­baut zu haben, nie bewie­sen wer­den konn­te, bie­ten Spiel­raum für Spe­ku­la­tio­nen über die Recht­mä­ßig­keit der Anschul­di­gun­gen. Für Arm­strong indes ist der Fall klar: Mit sei­nem Com­pu­ter­pro­gramm und sei­nen Vor­her­sa­gen war er eini­gen Men­schen zu mäch­tig gewor­den. Schließ­lich bie­tet ein Pro­gramm, mit dem man die Preis­ent­wick­lun­gen von Akti­en, Roh­stof­fen oder Wäh­run­gen vor­her­sa­gen kann, gewis­ser­ma­ßen die Mög­lich­keit, Geld zu dru­cken – was alle ande­ren Geld­ver­wal­ter, allen vor­an die mäch­ti­gen Häu­ser der Wall Street, zu poten­zi­el­len Fein­den macht. Außer­dem hat die­ses Wis­sen auch eine poli­ti­sche Spreng­kraft. Wer den Auf­stieg und Fall gan­zer Volks­wirt­schaf­ten vor­her­sa­gen kann, hat geo­po­li­tisch den ande­ren Natio­nen eini­ges vor­aus, was erklärt, war­um das FBI oder ande­re Geheim­diens­te ein so gro­ßes Inter­es­se an sei­nem Com­pu­ter­pro­gramm gehabt haben sol­len. Arm­strong wei­ger­te sich jedoch beharr­lich, sein Pro­gramm zugäng­lich zu machen, sodass er sich mäch­ti­ge Fein­de schuf, die ihn letzt­lich, so sei­ne Über­zeu­gung, für zwölf Jah­re hin­ter Git­ter brach­ten.

 

So span­nend dies alles auch ist, wünscht man sich im Ver­lauf des Films doch die eine oder ande­re kri­ti­sche Stim­me, die mit etwas Distanz die Figur Arm­strong und deren teils aben­teu­er­li­che The­sen ein­ord­net. Umso erfreu­li­cher war es, dass die Film­pre­mie­re vom Welt­ethos-Insti­tut, dem Kino Muse­um und der Fir­ma Film­per­spek­ti­ve in einen The­men­tag mit zahl­rei­chen Dis­kus­si­ons­run­den ein­ge­bet­tet wur­de und der Prot­ago­nist nach Tübin­gen ange­reist war. So wur­de am 8. Mai 2015 dem Publi­kum die Mög­lich­keit gege­ben, sich ein dif­fe­ren­zier­tes Bild von Mar­tin Arm­strong zu machen.

Am Ende des Abends war es jedoch gar nicht die Per­son Mar­tin Arm­strong, die im Fokus stand, son­dern die neu­es­te Pro­phe­zei­ung sei­nes Com­pu­ter­mo­dells, die an Dra­ma­tik noch nicht ein­mal von Arm­strongs Lebens­ge­schich­te zu über­bie­ten ist:

Arm­strong sagt vor­aus, dass am 1. Okto­ber 2015 die nächs­te Kri­se in Form eines Staats­an­lei­hen­crashs über uns her­ein­bricht.

Und so stand auch die Dis­kus­si­ons­run­de im Anschluss an die Film­prä­sen­ta­ti­on unter dem Titel „Staats­ver­schul­dung – ein gigan­ti­sches Schnee­ball­sys­tem?“ Um eine Ant­wort auf die­se Fra­ge zu fin­den, ver­sam­mel­ten sich Arm­strong selbst, der Bör­sen­ex­per­te Max Otte, Die­ter Schnaas, Chef­re­por­ter der Wirt­schafts­Wo­che, und Claus Dierks­mei­er, Direk­tor des Welt­ethos-Insti­tuts, auf dem Podi­um.

 

von li n. re.: Chris­to­pher Gohl, Claus Dierks­mei­er, Max Otte, Die­ter Schnaas, Mar­tin Arm­strong

Erstaun­li­cher­wei­se herrsch­te unter den Dis­ku­tan­ten voll­kom­me­ne Einig­keit dar­über, dass man bei der titel­ge­ben­den Fra­ge das Fra­ge­zei­chen durch ein Aus­ru­fe­zei­chen erset­zen kann. Schließ­lich ist es schon Jahr­zehn­te her, dass eine der gro­ßen Volks­wirt­schaf­ten Über­schüs­se erwirt­schaf­tet und die­se zur Til­gung ihrer Staats­ver­schul­dung ver­wen­det hat. Statt­des­sen wer­den jedes Jahr immer wei­te­re Schul­den auf­ge­nom­men, um alte Schul­den zu bezah­len. Doch damit nicht genug, wie Schnaas aus­führ­te: Berei­nigt man das Wirt­schafts­wachs­tum um die Neu­ver­schul­dung, so erkennt man, dass wirt­schaft­li­ches Wachs­tum seit Jahr­zehn­ten nur noch über wach­sen­de Schul­den erkauft wird; folg­lich han­de­le es sich dabei nur um eine Wachs­tums­il­lu­si­on.

Wie man in einer sol­chen Zeit den­noch Geld ver­die­nen kann, führ­ten Otte und Arm­strong mit unter­schied­li­cher Akzen­tu­ie­rung aus. Natur­ge­mäß unter­strich Otte die Vor­tei­le von Akti­en als lang­fris­ti­ge Ver­mö­gens­an­la­ge (ist er doch Namen­s­pa­te für einen Fonds über knapp 80 Mil­lio­nen Euro, die fast aus­schließ­lich in Akti­en inves­tiert sind), stimm­te jedoch mit Arm­strong über­ein, dass es für Otto-Nor­mal­in­ves­to­ren immer schwie­ri­ger sei, gegen die Ver­ban­de­lung von Spit­zen­po­li­ti­kern und Wall-Street-Finanz­eli­te anzu­kom­men. Am Bei­spiel von Gold­man Sachs wird dies beson­ders deut­lich. Die­se Bank unter­stützt gegen­wär­tig sowohl den repu­bli­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­an­wär­ter Jeb Bush wie auch die demo­kra­ti­sche Kon­tra­hen­tin Hil­la­ry Clin­ton. „Who ever wins – Gold­man Sachs is on top.“ (Anmer­kung der Redak­ti­on: Dazu auf youtube.de unbe­dingt den kur­zen Clip „Erwin Pel­zig über Gold­man Sachs“ anse­hen.)

Im Zen­trum der Dis­kus­si­on stan­den jedoch Wachs­tums­il­lu­si­on und Wachs­tums­zwang, die Hand in Hand mit einer stei­gen­den Staats­ver­schul­dung gehen. Beson­ders inter­es­sant waren die unter­schied­li­chen Mei­nun­gen, inwie­weit die­se Ent­wick­lung über­haupt zu beein­flus­sen ist. Phi­lo­so­phisch gese­hen ging es also um die Fra­ge, ob der ein­zel­ne Mensch (und mit­hin auch die Gesell­schaft) die Mög­lich­keit zur Selbst­be­stim­mung hat oder ob die wirt­schaft­li­chen wie auch gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen einem Mus­ter fol­gen, das man letzt­lich nicht beein­flus­sen kann. Da dies eine Fra­ge ist, die auch die agora42-Redak­ti­on seit gerau­mer Zeit umtreibt, freu­ten wir uns, dass wir die Mög­lich­keit hat­ten, dies mit Arm­strong in einem kur­zen Inter­view zu dis­ku­tie­ren. Doch dazu mehr in nächs­ten Blog­bei­trag.

 

Mehr zu dem Film und dar­über hin­aus­ge­hen­den Mate­ri­al fin­den Sie unter: The Fore­cas­ter

wbernhardt