Kann uns Bildung retten? – Teil 3

Wird uns Bildung retten? – Teil 3

Je gebildeter, desto umweltschädlicher?

 

Dies ist die Fort­set­zung des Nach­den­kens über die Fra­ge, ob uns Bil­dung ret­ten kann. Vor­aus­ge­gan­gen sind bereits:

Wird uns Bil­dung ret­ten? – Teil 1: Haben wir ein Bil­dungs­de­fi­zit?

Wird uns Bil­dung ret­ten? – Teil 2: Macht uns Bil­dung zu bes­se­ren Men­schen?

 

Okay, wir saßen also inzwi­schen alle in einem net­ten Tübin­ger Restau­rant und knab­ber­ten an unse­rer Kür­bispiz­za und Niko Paech erzähl­te uns, dass es unter dem Strich nichts aus­macht, ob man sich nun beson­ders umwelt­be­wusst wähnt oder nicht – ja erstaun­li­cher noch: Gemäß der von ihn zitier­ten Stu­die vom Umwelt­bun­des­amt liegt der Res­sour­cen­ver­brauch von “Bevöl­ke­rungs­seg­men­ten, in denen posi­ti­ve Umwelt­ein­stel­lun­gen wei­ter ver­brei­tet sind als im Bevöl­ke­rungs­mit­tel, (…) nicht unter, son­dern über dem in weni­ger umwelt­ori­en­tier­ten Seg­men­ten.”

 

Das ist natür­lich eine ver­blüf­fen­de Aus­sa­ge und man wun­dert sich, dass die BILD Zei­tung die­se Stu­die nie für ihre berühmt berüch­tig­ten Schlag­zei­len ver­wen­det hat, könn­te man in BILD-Manier den Sach­ver­halt wun­der­bar ver­kürzt auf die Aus­sa­ge brin­gen “Ökos sind die wah­ren Kli­ma­sün­der”. Und das trau­ri­ge an die­ser Aus­sa­ge ist, dass sie irgend­wie auch zutrifft. Und doch muss man die so ver­un­glimpf­ten Ökos zunächst in Schutz neh­men, denn schließ­lich ver­brau­chen sie ja nicht vor­sätz­lich mehr Res­sour­cen als das Bevöl­ke­rungs­mit­tel.

 

Doch schau­en wir uns zunächst ein­mal an, wer denn Teil die­ser “Bevöl­ke­rungs­seg­men­te, in denen posi­ti­ve Umwelt­ein­stel­lun­gen wei­ter ver­brei­tet sind als im Bevöl­ke­rungs­mit­tel” ist. In aller Regel sind das über­durch­schnitt­lich gebil­de­te Per­so­nen, denen es auch wich­tig ist, über den eige­nen Tel­ler­rand zu schau­en. Per­so­nen also, die sich durch­aus als welt­of­fen bezeich­nen wür­den und die auf­grund ihres Welt­bür­ger­tums (ver­stan­den als “ich bin zuhau­se in der gan­zen Welt und am Wochen­en­de auch eben mal kurz in Rom”) ein über­durch­schnitt­li­ches Mobi­li­täts­be­dürf­nis haben und aus­le­ben; Per­so­nen, die auf­grund ihrer Bil­dung oft auch ein höhe­res Ein­kom­men haben als der Durch­schnitt und des­halb in grö­ße­ren Woh­nun­gen leben, sich Haus­tie­re hal­ten und even­tu­ell sogar eine Sau­na ihr eigen nen­nen kön­nen. Dabei über­se­hen die oben flap­sig als Ökos bezeich­ne­ten Per­so­nen lei­der, dass all die­se Aspek­te den Pro-Kopf-Ver­brauch natür­li­cher Res­sour­cen in die Höhe schnel­len las­sen.

 

Wir kön­nen an die­ser Stel­le also ein kur­zes Zwi­schen­fa­zit zie­hen: In dem Maße, in dem Bil­dung zu einem höhe­ren Ein­kom­men führt, führt dies in der Regel auch zu einem erhöh­ten Res­sour­cen­ver­brauch. Fer­ner scheint es einen Zusam­men­hang zu geben zwi­schen einer erhöh­ten Sen­si­bi­li­sie­rung für Umwelt­the­men und dem Bedürf­nis in ein Flug­zeug zu stei­gen. Doch da das Bewusst­sein für den Umwelt­schutz unwei­ger­lich nur durch Bil­dung erreicht wer­den kann, kommt man nicht umhin, sich zu fra­gen, ob fol­gen­der Zusam­men­hang wahr ist: Je gebil­de­ter, des­to umwelt­schäd­li­cher.

 

Solan­ge man der erwähn­ten Stu­die kei­ne gro­ben Män­gel vor­wer­fen kann, muss man sich ein­ge­ste­hen, dass ein Zusam­men­hang nicht von der Hand zu wei­sen ist. Uff. Das ist zunächst ein­mal schwe­re Kost, aber ein Grund zum Ver­zwei­feln ist das noch lan­ge nicht. Viel­mehr führt uns die­se Erkennt­nis zu einem zen­tra­len Pro­blem der heu­ti­gen Zeit, dass wir näm­lich ein selt­sam gear­te­tes Ver­ständ­nis von Bil­dung haben. Die­se Fest­stel­lung hilft uns auch zu erken­nen, dass die häu­fig gehör­te For­de­rung nach mehr Bil­dung – mit der man jede Dis­kus­si­on zum Schwei­gen brin­gen kann – nicht ziel­füh­rend ist, sofern nicht gleich­zei­tig erläu­tert wird, wel­che Art der Bil­dung eigent­lich gefor­dert wird.

 

Anstatt Sie an die­ser Stel­le mit eige­nen Aus­füh­run­gen zu lang­wei­len, möch­ten wir Ihnen ger­ne zwei Kurz­vor­trä­ge ans Herz legen in denen sich die Refe­ren­ten mit dem Wider­spruch zwi­schen – einer­seits – Bil­dung als Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und Vor­aus­set­zung für selbst­stän­di­ges Den­ken und freie For­schung sowie – ande­rer­seits – Wis­sen als Aus­wen­dig­ler­nen bzw. als dog­ma­ti­sche Wis­sen­schaft, die grund­le­gend neue Erkennt­nis­se nicht zulässt.

 

Die­se Vor­trä­ge hiel­ten Marie Glück und Richard David Precht auf der von uns mit­or­ga­ni­sier­ten PAЯADOX Kon­fe­renz – Stutt­gar­ter Dia­log über Wirt­schaft und Gesell­schaft. Viel Freu­de beim Zuse­hen:

 

wbernhardt