Warum betreiben wir ein 200-jähriges Krisenprojekt überhaupt noch weiter? – Interview mit David Hemmerle

Anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir ausgewählte Personen um Antworten auf die zentralen Fragen des Heftes gebeten. Hier die Antworten von David Hemmerle.

Wenn ich mir die historischen Entwicklungen anschaue, hat der Kapitalismus noch nie so wirklich geblüht

1. Welchen Aspekt des Kapitalismus finden Sie am interessantesten und am ehesten zu bedenken?

David Hemmerle

David Hemmerle, Jahrgang 1990, ist Masterstudent in Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung an der Cusanus Hochschule. In seinem dortigen Studiumsschwerpunkt beschäftigt ihn die historische Genese des Eigentumsbegriffs, speziell im Hinblick auf seine rechtsökonomische sowie ontologische Begründung. In seiner Masterarbeit untersucht er, wie sich das Eigentum im Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung der Blockchain verhält.

Interessant am wirtschaftlichen System finde ich, wie eng das Entstehen des Geldes mit dem des abstrakten Denkens verflochten ist. Wie die Forscher David Graeber und Karl-Heinz Brodbeck zeigen, prägt der Umgang mit Geld unser Denken seit Jahrtausenden. Die heutigen Errungenschaften der Naturwissenschaften und der Technik gehen darauf zurück. Allerdings läuft diese Entwicklung Gefahr, sich gegen uns zu kehren. Die Dialektik der Aufklärung ist eben, dass die monolithische Wahrheit einer aufgehenden mathematischen Gleichung im von der Realität entkoppelten Verstand eine eigene anthropozentrische Mythologie entfaltet. Wenn die von Ökonomen entdeckten „Gesetze“ gelten, weil ihre innere Konsistenz mathematisch beweisbar ist, dann stellt sich vor dem Hintergrund eines unsere eigene Existenz gefährdenden Kapitalismus die Frage, ob dies die einzig legitime Wahrheitsfindung ist. Ich denke daher, das der omnipräsenten Bedeutung der Zahl (auch in Form des Geldes) eine Reflexion über die ontologischen Grenzen dieses Blicks auf die Welt entgegengesetzt werden sollte, die um die Diskussion alternativer epistemischer Symboliken ergänzt wird.

 

2. Warum konnten sich die Menschen so schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistern? Entspricht der Kapitalismus unserer Natur?

Ich denke nicht, dass die menschliche Natur den Kapitalismus notwendig hervorbringt. Er wird allerdings häufig als notwendige Konsequenz der menschlichen Entwicklung dargestellt. Der Mensch kann seine Handlungsweisen jedoch kulturell reflektieren. Wenn Ökonomen von den Gesetzen des Marktes oder alternativlosen Sachzwängen sprechen, bin ich skeptisch, welche Annahmen sie zuvor über die menschliche Natur getroffen haben. Werfe ich dann einen Blick auf die mathematisch-funktionalen Axiome, die den Menschen als nutzenmaximierenden homo oeconomicus beschreiben, stelle ich mir die Frage: Wo sind da die reflexiven Fähigkeiten des Menschen, durch die er sein Handeln hinterfragen könnte? Brauchen wir noch RichterInnen, PsychotherapeutInnen oder LehrerInnen, die uns dazu anleiten, unser Handeln zu überdenken, oder Meditation, um uns seiner Impulse bewusst zu werden, wenn ohnehin alle Präferenzen gegeben sind und Entscheidungen nutzenorientiert fallen?
Welchen Einfluss hat Denken und Handeln mit Geld darauf, dass ich meinen Vorteil suche? Ist der Umgang mit Geld auf Märkten alternativlos oder können wir uns andere Verhaltensmodelle vorstellen? Im Neoliberalismus werden das Geld und das Preissystem als anthropologische Konstanten dargestellt, die jenseits eines gestalterischen Zugangs liegen. Stattdessen sollen wir uns ihnen unbewusst unterordnen. Inzwischen warnt bereits der vorsitzende Richter des Verfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, vor einer Verhandlung über den ESM, dass eine Entscheidung vor dem Hintergrund der Reaktion der Märkte getroffen werden sollte. Wem überlassen wir es damit, die Regeln unserer Gesellschaft zu setzen – einem Markt?

 

3. In unserer aktuellen Ausgabe liegt der Kapitalismus auf der Couch. Er ist ausgebrannt, kaum jemand glaubt noch ernsthaft an ihn, immer häufiger fragt man sich “wozu”, Krisenstimmung macht sich breit. Ist die Blütezeit des Kapitalismus vorüber? Und wie geht es weiter?

Wenn ich mir die historischen Entwicklungen anschaue, hat der Kapitalismus noch nie so wirklich geblüht – wenn dann, nur für wenige. Schon immer war der Kapitalismus von Krisen geprägt, die mit gesellschaftlichen Veränderungen einhergingen. Vielleicht ist der Kapitalismus selbst das Resultat einer gesellschaftlichen Veränderung, wie beispielsweise der Bevölkerungsexplosion im 18. Jahrhundert. Warum betreiben wir ein 200jähriges Krisenprojekt überhaupt noch weiter?
Wenn wir den Kapitalismus jedoch tiefenpsychologisch „auf der Couch“ behandeln, könnten wir einen Blick auf die unbewussten Prozesse werfen, die einer kapitalistischen Gesellschaft zugrunde liegen. Welche Instinkte und Emotionen werden getriggert, welche liegen brach? Ganz offensichtlich sind Angst, Gier und referentieller Selbstbezug die Zugpferde einer wettbewerbsorientierten Marktgesellschaft. Wie daraus jemals ein harmonisches Gleichgewicht entstehen soll, ist den Menschenkenntnissen der ökonomischen Theoretiker überlassen.
Wenden wir uns stattdessen den gesellschaftlichen Bedingungen für eine lebenswerte Zukunft zu, erscheint mir die Frage relevant, welchen strukturellen Nährboden wir für unser soziales Miteinander anstreben. Ängste können abgefangen und Begierden Grenzen gesetzt werden. Aber welche menschlichen Verhaltensweisen wollen wir fördern? In der Antike oder im Mittelalter war viel von Tugenden die Rede. „Märkte“ verlangen nur unseren blinden Egoismus, der inzwischen selbst zur Tugend der Selbstoptimierung wurde. Die Frage danach, wie es weitergeht, erschließt sich mir nur vor dem Hintergrund der menschlichen Fähigkeit, sich zu entwickeln. Kapitalistisch gesehen wird der Mensch frei, in dem er von äußeren Zwängen unabhängig Wahlentscheidungen treffen darf. Aber ist ein alternativloser Marktgehorsam nicht auch ein Zwang? Humanistisch gesehen wird der Mensch nur frei, in dem er sich bildet. Wie es weiter geht ist für mich eine Frage des Lernens und eines bewussten Gestaltens von Beziehungen. Jederzeit stehen wir in sozialer Gemeinschaft mit anderen, dass sollte uns bewusst sein, auch wenn wir uns in anonymen Strukturen bewegen. Beispielgebend für Kontexte in denen das wieder eingeübt wird ist für mich die Solidarische Landwirtschaft, in der Menschen miteinander im Dialog aushandeln, wie sie die landwirtschaftliche Leistung des Bauern gemeinsam finanziell ermöglichen.

 

4. Ist eine nachhaltige Entwicklung im Kapitalismus denkbar?

Wir haben verschiedene Möglichkeiten, Nachhaltigkeit zu definieren. Wenn wir sie im Hinblick auf die ökologische Erhaltung der menschlichen Art betrachten, ist der Kapitalismus sicher in der Lage, die Existenz der Menschheit fortzuführen. Zur Not ernähren wir uns mit Lebensmitteln aus dem Labor wenn die Natur regenerieren muss. Derzeit wird die Natur zur Kühltheke der Menschheit degradiert und hat keinen Wert an sich. Ich denke, die Frage, wie wir in eine wechselseitig fruchtbare Beziehung zur Natur treten können, werden wir nicht in Geldwerten beantworten können, sondern eine Sprache abseits quantitativer Logik finden müssen.
Hinsichtlich einer sozial nachhaltigen Entwicklung ist es komplizierter, weil sie historisch kontingent ist. Sklaven zu halten war einmal sozial verträglich, ebenso wie die Unterdrückung der Frauen. Heute gehen wir wie selbstverständlich davon aus, in einem Arbeitsverhältnis inhaltlich, zeitlich und örtlich weisungsgebunden sein zu müssen, wenn wir dafür entsprechend kompensiert werden. Auch hier frage ich mich, ob wir den Wert einer menschlichen Leistung beziffern und gleichzeitig ihre Würde beibehalten können.
Die ökonomische Perspektive auf Nachhaltigkeit ist angesichts von den Wachstumszwängen, Krisen und Ungleichheiten vielleicht ein Dreh- und Angelpunkt einer nachhaltigen Entwicklung. Wir können viel darüber diskutieren, inwiefern sich der Kapitalismus ohne Wachstum denken lässt, aber für mich ist die Idee eines allseitigen Profits ohne entsprechende Expansion schlicht utopisch.