Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

Anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir ausgewählte Personen um Antworten auf die zentralen Fragen des Heftes gebeten. Hier die Antworten von Sarah Mewes.

 

Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

1. Welchen Aspekt des Kapitalismus finden Sie am interessantesten und am ehesten zu bedenken?

Sarah Mewes

Sarah Mewes: Ich bin 26 Jahre alt und studiere im Master Ökonomie an der Cusanus Hochschule. Als sechszehnjährige Schülerin, verließ ich zum ersten mal für einen einjähriger Schüleraustausch in Argentinien, den europäischen Kontinent. Nach dem Abitur verbrachte ich ein weiteres Jahr in Lateinamerika. In diesen Jahren entwickelten sich die Fragen, welche mich dazu brachten Wirtschaft zu studieren. Aufgrund der anderen Lebensrealitäten, denen ich in Südamerika begegnete, die oft stark von wirtschaftlichen Aspekten dominiert waren, fragte ich mich, was Wirtschaft ist, was sie sein sollte und wie man sie menschenwürdiger und umweltfreundlicher gestalten könnte. In meinem Bachelorstudium VWL und Philosophie fand ich darauf keine Antworten und begann im Arbeitskreis „Plurale Ökonomik“ Ringvorlesungen zu organisieren, um mich wenigstens am Rande mit diesen Fragen beschäftigen zu können. Erst das Masterstudium an der Cusanus Hochschule hat mir dann die Möglichkeit eröffnet eigenen Fragen an Wirtschaft nachgehen zu können.

Schwierig zu sagen, weil es „den Kapitalismus“ ja gar nicht gibt. Der Begriff „Kapitalismus“ wird ja für alles und nichts verwendet. Mal ist er Ausdruck für Marktwirtschaft, schrankenlosen Wettbewerb und Privateigentum an Produktionsmitteln, mal beschreibt er eine Form der Kapitalakkumulation, eine bestimmte Rationalitätsform, die Praxis der Gewinnmaximierung, die Ausschaltung der Demokratie durch die Wirtschaft oder wiederum die Wirtschaftsform welche Demokratie erst ermöglicht hat. Er wird dualistisch als Gegenbild von Planwirtschaft gesehen oder als politischer Kampfbegriff gegen ausbeuterische Wirtschaftsstrukturen. Je nach Interpretation, erscheinen dabei unterschiedliche interessante Aspekte.

Wenn man den Begriff unter der Brille eines Strebens nach Gewinnmaximierung betrachtet, erscheint mir das dahinterstehende Menschenbild als ein interessanter Aspekt. Es wird oft mit dem sogenannten „Homo Oeconomicus“ in Verbindung gesetzt, der als autonomes Individuum in der Welt steht und lediglich seinen individuellen Nutzen maximiert. Der daraus resultierende fehlende Blick für die menschliche Einbettung in eine Sozialstruktur und damit auch eine Verantwortung für selbige, erscheinen mir ein problematischer Aspekt zu sein, den dieses Bild von Kapitalismus in die Welt setzt. Da Theorien nie nur abstrakt bleiben, sondern handlungsleitend wirken und performativ Welt gestalten, kann ein solches Menschenbild verheerende Auswirkungen haben. Wenn sich jeder nur für sein eigenes Wohl verantwortlich fühlt, kann das – entgegen der Annahme Adam Smiths, der unsichtbaren Hand – zu einer Kollision des Sozialwesens führen, wie wir es gerade im Niedergang unseres Sozialstaats beobachten können.

 

2. Warum konnten sich die Menschen so schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistern? Entspricht der Kapitalismus unserer Natur?

Wie kommt die Aussage zustande, dass sich Menschen schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistert hätten? Wenn ich in die Geschichte zurückblicke drängt sich mir dieses Bild nicht gerade auf.

Man denke nur daran, dass sich im Mittelalter zunächst nur in den italienischen Stadtstaaten aktive Geld- und Kapitalvermehrung betrieben wurde, Beispiel erster kapitalistischer Hochburgen betrachtet wird. Das war weiß Gott keine Massenbewegung. Auch von Seiten der Kirche und darüber in nahezu der gesamten Gesellschaft wurde die Praxis der Zinsnahme und das weltliche Gewinnstreben ja lange Zeit verpönt. Begeisterung sieht meines Erachtens anders aus. Dass sich eine auf Kapitalakkumulation beruhende Wirtschaftsweise dennoch durchgesetzt hat, wird vermutlich zu einem großen Teil im Zusammenhang mit begünstigenden Machtverhältnissen stehen. Gewiss ist dabei auch eine gewisse Pfadabhängigkeit mit im Spiel. Allerdings zeigt ja auch schon ein Blick auf die unterschiedlichen Wirtschaftsweisen, die als Kapitalismus bezeichnet werden, dass Menschen auf sehr verschiedene Arten des wirtschaften – diese Einsicht bestätigt sich erst recht, wenn wir es wagen unseren Eurozentrismus hinter uns zu lassen und einen Blick über unsere westliche Welt hinaus zu wagen. Nur weil wir es in den letzten Jahrhunderten durch verschiedenste Kolonialisierungspraktiken geschafft haben, viele andere Kulturen erfolgreich zu zerstören und es heute ein mächtiges globales Wirtschaftssystem gibt, das weltweit Menschen seine Sachzwanglogik aufdrückt, hat das noch lange nichts damit zu tun, das es der menschlichen Natur entspricht – es entspricht vielmehr aktuellen globalen Machtverhältnissen. Die menschliche Natur zeichnet sich dagegen dadurch aus, dass sie offen ist, d.h. ihre Praktiken nicht festgeschrieben sind und Menschen sie anpassen, überdenken und ändern können.

 

3. In unserer aktuellen Ausgabe liegt der Kapitalismus auf der Couch. Er ist ausgebrannt, kaum jemand glaubt noch ernsthaft an ihn, immer häufiger fragt man sich “wozu”, Krisenstimmung macht sich breit. Ist die Blütezeit des Kapitalismus vorüber? Und wie geht es weiter?

Die Perspektive einer allgemein verbreiteten Krisenstimmung kann ich nicht mittragen. Vielmehr sehe ich zwei gewissermaßen gegenläufige Entwicklungen: auf der einen Seite ist die herrschende finanzkapitalistische Weltwirtschaftsordnung so stark wie noch nie – man bedenke nur, dass die letzte Finanzkrise zugleich die erste in der Geschichte war, in der keiner der Verantwortlichen für sein Handeln juristisch belangt worden ist. Da macht es eher den Eindruck, als hätte sich der globale Finanzkapitalismus so eine feste Burg gebaut, dass nicht einmal seine eigene Krise ihn mehr erschüttern kann. Allerdings glaube ich weder, dass „der Kapitalismus“ Burgen baut, noch, dass er müde ist. Der Kapitalismus ist keine Person die auf der Couch liegt. Es ist eine gesellschaftliche Fiktion, die wir alle in unserem alltäglichen Handeln reproduzieren… und momentan sind viele Menschen sehr erfolgreich damit.

Wenn jemand müde ist, müssen wir das sein – die Menschen und das ist die andere Seite der Medaille. Verschiedenste Krisenphänomene, welche, das menschliche Dasein existenziell bedrohen und seine aktuelle Lebens- und Wirtschaftsweise infrage stellen, bringen Menschen immer mehr zum Nachdenken, wie er sein Handeln ändern könnte, um auf nachhaltige Weise zu einem guten Leben für Mensch und Umwelt beizutragen.

Eine Perspektive darauf könnte sein, dass weltweite Beschleunigungsprozesse und das endlose Streben nach „mehr“, nicht nur die Umwelt zerstört, sondern auch viele Menschen ermüdet haben. Sie stehen vor einer Sinnkrise, fragen sich, was das alles soll. Das Leben erscheint als Hamsterrad, in dem sie nach etwas Streben, was sie weder wollen, noch sie glücklich macht. Ein Attest was daraus häufig folgt ist Burnout. Heute können wir verschiedenste Gegenbewegungen dazu beobachten. Einerseits gibt es Menschen, die für völlig aussteigen und ihr Leben ändern, auf der anderen Seite versuchen aber auch Unternehmen sich zu ändern und mehr dem Sinnbedürfnis der Menschen anzupassen und ihnen ein Umfeld zu bieten, in dem solche Krisen nicht auftauchen. Ob sie damit auch Verantwortung für die anderen Problematiken, wie dem Umweltwandel übernehmen, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Ich denke, dass diese Entwicklung weitergehen wird. Menschen werden aussteigen und aus der Erfahrung von Problematiken andere Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens entwickeln, andererseits werden Unternehmen versuchen sich anzupassen – ob sie dabei Greenwashing betreiben oder authentische Verantwortung übernehmen und anderes Wirtschaften möglich machen wollen steht letzten Endes auch im Zusammenhang damit, was wir fordern – politisch und persönlich.

 

4. Ist eine nachhaltige Entwicklung im Kapitalismus denkbar?

Das kommt stark darauf an, was man einerseits unter Kapitalismus versteht und wie man andererseits Nachhaltigkeit interpretiert. Wenn nachhaltige Entwicklung in einem sozial- ökologischen Wandel besteht, der sich dadurch auszeichnet, dass nutzenmaximierendes Handeln zugunsten des Gemeinwohls aufgegeben und Privateigentum zugunsten von Umweltbewahrung weitgehend aufgehoben wird, bräuchte es schon einen ziemlich weiten Begriff von Kapitalismus, damit das daraus erwachsende System damit noch gefasst würde. Wenn nachhaltige Entwicklung allerdings damit einherginge, dass Unternehmen sich zunehmend ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden und diese aktiv in Bezug auf einen Erhalt von Umwelt und Gesellschaft wahrnehmen, wäre es vielleicht eher möglich, den Begriff des Kapitalismus weiter zu verwenden – auch wenn der Homo Oeconomicus dann rausfallen würde. Ich glaube, dass das System letztendlich aus den Menschen besteht die darin agieren, und diese legen fest, wie es konkret ausgestaltet ist. Gegenwärtig sehe ich beide Entwicklungen – den Entwurf einer völlig neuen Wirtschaftsweise unter anderen Arbeits- und Eigentumsbedingungen, sowie den Versuch in alten Strukturen verantwortungsvoll zu handeln, um nachhaltige Entwicklung voran zu treiben. Ich denke eine nachhaltige Entwicklung braucht beides: ein Bewusstsein für die Strukturen, die nicht immer wieder verheerende Auswirkungen haben, wie Kapitalmarktblasen, sowie aber auch eine individuelle Verantwortungsübernahme für das jeweilige Handeln. Ein System kann keine Verantwortung übernehmen, das kann nur der Mensch und bestenfalls strukturiert er dabei das System so, dass es ihm dies auch ermöglicht.