Keine Angst vorm Sensenmann – Interview mit Anabel Ternès

Keine Angst vorm Sensenmann – Interview mit Anabel Ternès

Anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema “ÖKONOMIE & SPIRITUALITÄT” haben wir ausgewählte Personen um Antworten auf die zentralen Fragen des Interviews gebeten. Hier die Antworten von Prof. Dr. Anabel Ternès, Geschäftsführerin des Instituts für Nachhaltiges Management (IISM), srh Hochschule Berlin.

 

Von Søren Kierkegaard stammt folgender Satz, den er 1836 formulierte, als eine Wirtschaftskrise in Europa herrschte: „Man befürchtet im Augenblick nichts mehr als den totalen Bankrott, dem, wie es scheint, ganz Europa entgegengeht, und vergisst darüber die weit gefährlichere, anscheinend unumgehbare Zahlungsunfähigkeit in geistiger Hinsicht, die vor der Tür steht.“ Kirkegaard meinte damit den Verlust der Freiheit durch ein Denken, das nach dem sogenannten Tod Gottes nur noch rational und rein äußerlich ist und die menschliche Seele beziehungsweise die subjektive Seite des Menschen ausblendet. Stimmen Sie Kierkegaard zu?

Anabel Ternes.swDas Zitat ist interessant, scheint es doch auf den ersten Blick trotz der Jahreszahl absolut aktuell zu sein. Sicher befinden wir uns in einer von Krisen geprägten Zeit. Und dies betrifft auch Europa. Und richtig ist auch, dass sich in den letzten 5 Jahren immer mehr Menschen von der Kirche abgewendet haben, viele davon ausgelöst durch die Vorfälle in der katholischen Kirche. Doch kann man Kierkegaard auf die Situation, wie sie sich heute in Deutschland bzw. auch Europa darstellt, nicht übertragen.

Dass nicht Rationalität die Gesellschaft, Wirtschaft und Politik bestimmt, sieht man allein an der Zunahme von Radikalisierungen Einzelner, Gruppen und dem Zustrom zu radikalen Gruppierungen. Hinter der Radikalisierung stehen in den meisten Fällen Emotionen – nicht selten sind Menschen von der gemäßigten Politik und von Kirchenvertretern enttäuscht und fühlen sich nicht mehr verstanden. Rationalität würde hier helfen, die aktuelle Situation nüchtern zu betrachten, um festzustellen, dass eine Radikalisierung wenig hilft und die Situation eher verschlimmert.

Dass die Zunahme des Äußerlichen eine Herausforderung geworden ist, dem stimme ich zu. Digitalisierung, Globalisierung und Technisierung haben dazu geführt, dass Prozesse schneller und oftmals simultan nebeneinander laufen, dass angesichts einer Informationsflut über digitale Medien die wichtigen Informationen oftmals nur schwer erkannt werden. Zusammen mit der Radikalisierung bedeutet dies eine Gefahr und zieht die Herausforderung nach sich, Informationen zu kanalisieren, ohne durch zu stark gesteuerte Informationsauswahl zu manipulieren und sich selbst zu fokussieren, um einen soliden Überblick und vertieftes Wissen erlangen zu können.

 

Der Kapitalismus und die Aufklärung haben das Erlösungsversprechen aus dem Jenseits ins Diesseits geholt. Somit mussten viele Menschen nicht mehr darauf hoffen, dass es im Jenseits besser wird, sondern wurden ihres eigenen Glückes Schmied. Auf der anderen Seite wurde dadurch der Druck im kapitalistischen Kessel immer weiter erhöht, denn immer mehr Menschen wollten alles hier und sofort erreichen. Was würde sich ändern, wenn man wieder an ein Danach glauben würde?

Betrachtet man dies für Deutschland, kann man nicht sagen, dass viele der Menschen nicht mehr an ein Leben nach dem Tod glauben. Dazu greifen die vorliegenden aktuellen Marktforschungsergebnisse zu kurz und was in der Tendenz für das Christentum gelten mag, muss nicht für Muslime gelten. In Deutschland leben aktuell immer mehr Menschen aus anderen Kulturkreisen. Familienzusammenhalt, Religiosität und der Glaube an ein Leben nach dem Tod sind hier im Durchschnitt noch deutlich stärker verankert als in vielen deutschen Kleinfamilien.

Je nach Religion ist es zudem sehr unterschiedlich, was einen Menschen nach seinem Tod im Leben bzw. Weiterexistieren danach erwartet. So unterschiedlich würden sich auch Änderungen darstellen, wenn wieder mehr Menschen an ein Danach glauben.

Grundsätzlich kann man feststellen, dass die Menschen, die an ein Leben nach dem Tod glauben, deutlich weniger angstbesetzt, zuversichtlicher, positiver und entspannter leben. Wenn man nicht alles hier auf dieser Welt erreichen muss, dann bleibt einem Zeit und die Hoffnung, dies in einem anderen Leben tun zu können. Wenn Materielles nicht den Alltag bestimmt dann nimmt die Bedeutung von Immateriellem deutlich stärker zu. Das Auseinandersetzen mit anderen Menschen, das Zeit nehmen für Dinge, die nicht monetär sind, das sich Zeit lassen für sich selbst, zum Nachdenken und zu sich selbst finden, das hat dann wieder weit mehr Platz. Auch die Selbstdarstellung in sozialen Medien im Internet könnte dann abnehmen. Letztendlich kann der Glaube an ein Leben nach dem Tod zum Rückgang psychosomatischer Krankheiten führen.

 

Kann es eine Form von Spiritualität geben, die nicht selbstgefällig, klebrig oder kitschig ist? Wenn ja, wie ließe sich solch eine Spiritualität mit der Wirtschaft zusammenbringen?

Grundsätzlich empfinde ich Spiritualität weder als selbstgefällig noch als kitschig. Sicher gibt es Darstellungsweisen, die sich des Wortes bedienen, die so daherkommen. In seiner ureigenen Bedeutung allerdings geht es bei Spiritualität ja nur um das Leben einer und die subjektive Beschäftigung bzw. Auseinandersetzung mit einer Religion oder Philosophie. Dieser Ansatz lässt sich in die Wirtschaft miteinbringen. Angefangen mit dem großen Wurf von einem Spiritualitätsbegriff, der dem Materialismus gegenübersteht, bis hin zu spirituellen Ansätzen für das Verständnis der eigenen beruflichen Tätigkeit für das Führungsverständnis und für den Umgang miteinander im beruflichen Alltag.

 

Warum gibt es ein Ressentiment gegenüber paranormaler Forschung beziehungsweise gegenüber dem Thema Spiritualität im Allgemeinen?

Das hat unterschiedliche Ursachen. Zum einen wurden die Ergebnisse paranormaler Forschung von Medien oftmals als Wunder und unerklärliche Absonderheiten, wie eine Sensation, ein Showact dargestellt. Das hat Tradition. In einigen Gruppierungen hat sich dies geändert. Hier wird die paranormale Forschung und Spiritualität in esoterische Tendenzen eingebettet. Da Esoterik in der Allgemeinheit oftmals als Flucht in Scheinwelten begriffen wird, färbt das auf paranormale Forschung und Spiritualität ab. Die Vermischung allein von paranormale Forschung und Spiritualität greift zusätzlich zu kurz und schafft falsche Definitionen. Hinzukommt eine Angst vor dem, was wir uns nicht erklären können. Experimente haben bewiesen, dass Menschen eher negative Dinge bevorzugen, die sie kennen und zu verstehen glauben, als positive Dinge, die sie nicht begreifen können, d. h. eine negative Folge, die konkret und fassbar ist, wird dann einer Chance vorgezogen, die fremd erscheint und nicht eingeordnet werden kann.

 

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Übrigens, Frau Anabel Ternès wird auch zu Gast sein beim XXXI. INTERDISZIPLINÄRER SALON zum Thema "Spirituelle Aufklärung" am 23. März 2016 um 18:00 in der Konrad Adenauer Stiftung, Berlin.

wbernhardt