Gesamtgesellschaftlich durchlaufen wir gerade eine Periode der Gegenaufklärung” – Lars Grünewald

Gesamtgesellschaftlich durchlaufen wir gerade eine Periode der Gegenaufklärung

Lars Grünewald im Gespräch

 

Mit der Auf­klä­rung kam das Ver­spre­chen in die Welt, dass man letzt­lich Herr und Frau sei­nes Schick­sals sein kön­ne. Herr Grü­ne­wald, wo ste­hen wir heu­te? Hat sich die­ses Ver­spre­chen erfüllt oder ver­har­ren wir letzt­lich immer noch in Fremd­be­stimmt­heit und -abhän­gig­keit?

Lars Grünewald

Lars Grü­ne­wald stu­dier­te Musik­wis­sen­schaf­ten und Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten in Ham­burg sowie Phi­lo­so­phie im Selbst­stu­di­um. Er arbei­tet vor­wie­gend in der Erwach­se­nen­bil­dung mit Vor­trä­gen und Semi­na­ren zu phi­lo­so­phi­schen und sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen The­men und ist in der Leh­rer­aus­bil­dung aktiv. Mehr dazu unter selbstorganisierte-bildung.de

Gesamt­ge­sell­schaft­lich durch­lau­fen wir gera­de eine Peri­ode der Gegen­auf­klä­rung in Form einer zuneh­men­den Kor­rum­pie­rung des indi­vi­du­el­len Urteils­ver­mö­gens durch die Medi­en sowie durch poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Inter­es­sen­ver­bän­de. Die poli­ti­sche Ebe­ne hat dabei (for­mal betrach­tet) die Struk­tur einer Par­tei­en­dik­ta­tur; da aber die Par­tei­en an ihrer Spit­ze durch supra­na­tio­na­le Ein­bin­dun­gen und Inter­es­sen bestimmt wer­den, gehen die fun­da­men­ta­len Fremd­be­stim­mun­gen eben­falls zuneh­mend von über­staat­li­chen Orga­nen aus. Die­sem Ein­fluss kann sich nie­mand voll­stän­dig ent­zie­hen; die Fra­ge ist nun aller­dings, wel­chen Gebrauch die Men­schen von den ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Frei­hei­ten machen.

Denn das Ver­spre­chen lau­te­te ja ledig­lich, dass jeder Mensch Herr sei­nes Schick­sals sein kön­ne. Dass er es auch wird, kann einem nie­mand ver­spre­chen, son­dern hängt vom jewei­li­gen Wil­len des Ein­zel­nen ab, sei­ne dies­be­züg­li­chen Mög­lich­kei­ten zu rea­li­sie­ren. Da unser Schick­sal immer von äuße­ren Umstän­den abhängt, ist die Vor­stel­lung, unein­ge­schränk­ter Herr­scher sei­nes Schick­sals zu sein, ohne­hin illu­so­risch. Mit­ge­stal­ter sei­nes Lebens zu sein, ist dage­gen sehr wohl mög­lich; es ist aber kei­ne kol­lek­ti­ve, son­dern eine indi­vi­du­ell zu stel­len­de und zu beant­wor­ten­de Fra­ge, inwie­weit ein Mensch sein indi­vi­du­el­les Poten­zi­al ver­wirk­licht. Mein Ein­druck ist, dass sehr vie­le Men­schen die ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mög­lich­kei­ten zur Mit­ge­stal­tung des eige­nen Lebens nur in sehr gering­fü­gi­gem Maße rea­li­sie­ren. Das ist wohl auch ein Erkennt­nis-, vor allem aber ein Wil­lens­pro­blem.

 

Mitt­ler­wei­le leben wir in einer welt­ge­sell­schaft­li­chen Situa­ti­on in der ein „Wei­ter so“ nicht mehr mög­lich ist, ande­rer­seits besteht nur eine sehr gerin­ge Bereit­schaft sel­ber etwas am eige­nen Lebens­stil zu ändern. Wie kom­men wir da raus?

Ein „Wei­ter so“ ist immer mög­lich; man muss nur mit den Kon­se­quen­zen des eige­nen Tuns und Las­sens leben! Wenn „wir“ da raus kom­men woll­ten, so setz­te dies eine kol­lek­ti­ve Anstren­gung vor­aus. Genau die­ses kol­lek­ti­ve „Wir“ exis­tiert aber gar nicht mehr (wie sich an unse­rem all­mäh­lich zer­fal­len­den poli­ti­schen Sys­tem sehr deut­lich zeigt). Wir wer­den des­we­gen über­haupt nichts mehr ändern; was jedoch ein­zel­ne Men­schen und Men­schen­grup­pen ver­än­dern wer­den, ist eine ganz ande­re Fra­ge, denn jeder Mensch kann sei­nen indi­vi­du­el­len Lebens­stil ändern: Wenn er will. Wenn vie­le Men­schen das nicht wol­len, so ist dies eine Fol­ge der Frei­heit, es nicht zu müs­sen.

 

Seit der aus­ge­ru­fe­nen Alter­na­tiv­lo­sig­keit wächst der Wunsch nach Alter­na­ti­ven, aber dass es auch grund­sätz­lich anders in Poli­tik, Wirt­schaft und Gesell­schaft gehen kann, glaubt kaum jemand. So scheint die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve die in Rich­tung Abschot­tung und Regres­si­on zu sein. Was ist Ihre gesell­schaft­li­che Uto­pie?

War­um soll­te die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve Abschot­tung und Regres­si­on sein? – Eine Uto­pie habe ich nicht, son­dern hal­te Uto­pi­en viel­mehr für nutz­los und schäd­lich: Da unter­schied­li­che Men­schen unter­schied­li­che Uto­pi­en haben, leben die­se Men­schen durch­weg in unter­schied­li­chen Par­al­lel­uni­ver­sen, was der Mög­lich­keit gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens und -wir­kens wenig zuträg­lich sein dürf­te: Gesell­schaft­li­che Gestal­tung ist kein Wunsch­kon­zert! Mich inter­es­siert viel­mehr, 1. was wirk­lich ist (d.h. die tat­säch­lich vor­lie­gen­de Situa­ti­on), 2. wel­che Kon­se­quen­zen sich dar­aus not­wen­dig bzw. unaus­weich­lich erge­ben und 3. was vor die­sem Hin­ter­grund an rea­lis­ti­schen Per­spek­ti­ven mög­lich ist. Es dürf­te Erkennt­nis­ar­beit genug sein, das her­aus­zu­fin­den.

 

Der­zeit durch­fors­ten tech­nik­be­geis­ter­te Wis­sen­schaft­ler äußerst kapi­tal- und tech­nik­in­ten­siv das Welt­all, um einen Pla­ne­ten zu fin­den, auf den die Mensch­heit im Kata­stro­phen­fall aus­wan­dern kann. Wür­den Sie – im Fal­le des Fal­les – ger­ne auf einem ande­ren Pla­ne­ten neu anfan­gen?

Die Vor­stel­lung, dass die Mensch­heit vor ihren eige­nen Pro­ble­men auf einen ande­ren Pla­ne­ten flieht, ohne ihre selbst gemach­ten Pro­ble­me dort­hin mit­zu­neh­men, ist mir zu absurd, als dass ich mich einer der­ar­ti­gen Expe­di­ti­on anschlie­ßen wür­de 🙂

 


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