Leserbrief: Die Rolle der Aufklärung hat für mich einen unangenehmen Beigeschmack

Leserbrief: Die Rolle der Aufklärung hat für mich einen unangenehmen Beigeschmack

 

Lie­ber Herr Precht,
ich habe eben Ihre State­ments zum gesell­schaft­li­chen Stand der Din­ge gele­sen. Ihr stim­me Ihrer Dia­gno­se zu, wenn­gleich ich “Ver­nunft” durch “Ver­stand” erset­zen wür­de. Ver­nunft bedeu­tet für mich mehr als nur ratio. Man kann das der­zei­ti­ge Mehr-vom-Glei­chen ratio­nal durch­aus recht­fer­ti­gen (Sach­zwän­ge, öko­no­mi­sche und poli­ti­sche Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung…), so wenig ver­nünf­tig es auch ist. Der Ver­stand ist allen geis­tig Gesun­den zu eigen, was man von der Ver­nunft wohl nicht so behaup­ten kann.

Dar­um hat auch die Rol­le der Auf­klä­rung für mich einen unan­ge­neh­men Bei­ge­schmack. Sie konn­te die bei­den Mega-Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts nicht ver­hin­dern, und wie Zyg­munt Bau­man über­zeu­gend dar­ge­stellt hat (in Dia­lek­tik der Ord­nung), war der Holo­caust kein Rück­fall in vor­mo­der­ne (vor-auf­klä­re­ri­sche) Bar­ba­rei, sodass er durch Auf­klä­rung künf­tig ver­hin­dert wer­den könn­te. Nein, im Gegen­teil: Er war gera­de die logi­sche Kon­se­quenz der Moder­ne und des Ratio­na­lis­mus.

Was ins­be­son­de­re die jun­gen Men­schen heu­te zu Hun­dert­tau­sen­den auf die Stra­ßen treibt, in den Ham­ba­cher Forst etc., ist nicht die Ratio. Es ist eine neue Qua­li­tät, eine neue Fähig­keit: Ihre Her­zen den­ken und spre­chen. Den­ken, Vor­stel­len und Emp­fin­den ist für sie nicht mehr zu tren­nen wie z.B. für die meis­ten Intel­lek­tu­el­len. Die viel­fa­che Wahr­neh­mung, ja die blo­ße Vor­stel­lung des­sen, was auf uns zukommt wenn alles wei­ter geht wie bis­her löst bei ihnen vehe­men­te Gefüh­le aus, die sie zur Initia­ti­ve antrei­ben. Mit Lich­ten­berg gespro­chen, es tut ihnen vie­les weh, was ande­ren nur leid tut, Das wird in die­sem Video über­deut­lich. Mit “Auf­klä­rung” ist das nicht mehr zu umfas­sen.

Mei­nes Erach­tens ist gera­de das ein Kern­pro­blem: dass es Men­schen in Füh­rungs­po­si­tio­nen nach wie vor pro­blem­los mög­lich ist, ihren Ver­stand von ihren Emo­tio­nen abzu­spal­ten und ihr Herz irgend­wo aus­zu­la­gern wie im Mär­chen vom Rie­sen ohne Herz: socialkairos.wordpress.com/2018/10/16/maerchenstund-hat-gold-im-mund Das Heil für die Zukunft liegt also mei­ner Über­zeu­gung nach nicht in einem Rück­griff auf die Ver­gan­gen­heit, auf Kon­zep­te des 18. Jahr­hun­derts, son­dern dar­in, jenes Herz­Den­ken auf­zu­grei­fen und aus­zu­bil­den. Die Zukunft liegt in Men­schen wie der jun­gen Frau in dem Video.

Mich hat das alles zu einem gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rungs­im­puls geführt:
socialkairos.wordpress.com/2018/10/17/unteilbar-eine-viertelmillion-menschen-und-das-wars Aber das ist mehr als in so einen Leser­brief passt.
Mit herz­li­chen Grü­ßen aus Okzita­ni­en

Hans­pe­ter Rosen­lech­ner