Lieber locker lassen – von Viola Nordsieck | Teil 1

Aus der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 BEFREIUNG.

Lieber locker lassen

von Viola Nordsieck

Die Gesell­schaft fürch­tet Unfrei­heit, denn Moral­apos­tel und Staat dro­hen mit Ver­bo­ten. Aus Angst ent­steht Trotz und jede ver­blie­be­ne Frei­heit wird kon­se­quent ver­tei­digt – wie kann es sein, dass wir nicht tun und las­sen kön­nen, was wir wol­len? Die­ses Ver­tei­di­gen hält uns so sehr in Atem, dass wir dar­über ver­ges­sen, was da über­haupt ver­tei­digt wird und Gar­ten­par­tys zum poli­ti­schen Wider­stands­sym­bol auf­ge­la­den wer­den. Kon­sum ist Teil der Rebel­li­on gewor­den – aber ist Frei­heit über­haupt mit Kon­sum ver­ein­bar?

 

Pfings­ten 2018: herr­li­ches Wet­ter, bes­te Grill­sai­son; gro­ße Men­gen Fleisch ein­kau­fen, mehr als einer essen kann; es mit dem Auto nach Hau­se trans­por­tie­ren, im Gar­ten des Ein­fa­mi­li­en­hau­ses den Grill anwer­fen und den Holz­koh­le-Qualm schön lang­sam durch die Gegend zie­hen las­sen. Das ist ein tra­di­tio­nel­les deut­sches Ver­gnü­gen, in das man sich nur ungern rein­re­den lässt. Auch wenn wir wis­sen, dass etwas schäd­lich ist, las­sen wir es uns nicht ver­bie­ten oder gar ein schlech­tes Gewis­sen machen. Die AfD-Frak­ti­on im Deut­schen Bun­des­tag hat das ver­stan­den. Sie pos­tet auf Face­book: „Schatz, ich bin noch mal kurz mit dem Die­sel zur Tank­stel­le. Holz­koh­le ein­kau­fen! – Wir wün­schen Ihnen ein schö­nes Wochen­en­de – ohne Ver­bo­te!“ Und dane­ben wird noch bekräf­tigt: „Sei­en Sie ver­si­chert: Wir ste­hen hin­ter Ihnen.“

Die AfD posi­tio­niert sich mit die­sem Post in einer Linie mit dem poli­ti­schen Libe­ra­lis­mus: der Ver­tei­di­gung der per­sön­li­chen Frei­hei­ten des Bür­gers, des­sen Besitz – Grund­stück, Fami­lie, Die­sel – und des­sen Rech­te vor staat­li­chen Ein­grif­fen geschützt wer­den sol­len. Nie­mand lässt sich ger­ne etwas ver­bie­ten, und das Miss­trau­en gegen­über repres­si­ven Staats­for­men, in denen die Men­schen zu ihrem Glück gezwun­gen wer­den sol­len, ist groß. Der Staat soll sich zurück­hal­ten, so die libe­ra­le Hal­tung, der freie Markt wird es schon regeln. Statt auf Ver­bo­te setzt man daher lie­ber auf ver­hal­tens­öko­no­mi­sche Stra­te­gi­en aus dem Mar­ke­ting, das soge­nann­te „Nud­ging“ durch Anrei­ze in die rich­ti­ge Rich­tung. Den Libe­ra­len gilt aber auch das als unver­schäm­ter Ein­griff, denn es schmeckt nach Erzie­hung. Kei­ne Ver­bo­te, kei­ne Erzie­hung, da bleibt nur die viel­ge­rühm­te Auf­klä­rung. Doch auch die wird schnau­bend abge­wun­ken oder weg­ra­tio­na­li­siert. Redet man uns jetzt in alles rein und ver­sucht uns ein schlech­tes Gewis­sen zu machen? Sind wir nicht frei, um das gute Leben zu genie­ßen, für das wir stän­dig so hart arbei­ten?

 

Freiheit durch Herrschaft

Das sozia­le Gefü­ge unse­rer Welt ist immer auch öko­no­misch geprägt. In sei­nem Buch Schul­den. Die ers­ten 500 Jah­re hat David Graeber dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die in allen Gesell­schaf­ten lau­ern­de Gefahr des Ver­sklavt-Wer­dens his­to­risch gese­hen dazu bei­ge­tra­gen hat, eine selt­sa­me Vor­stel­lung von Frei­heit ent­ste­hen zu las­sen: Frei­heit sei der sou­ve­rä­ne Besitz des eige­nen Kör­pers. Das bedeu­tet, dass Frei­heit auch ein Abspal­ten vom eige­nen Kör­per ist, den ich dabei als Objekt den­ken muss, das ich besit­ze. Das bedeu­tet aber auch, dass Frei­heit durch Unfrei­heit defi­niert wird: Die Fremd­herr­schaft ist zuerst da, die Frei­heit besteht in der Rebel­li­on gegen sie – in der Selbst­be­herr­schung.

Die bür­ger­li­che Vor­stel­lung vom Selbst ist eine Geschich­te des Sich-Aneig­nens der eige­nen His­to­rie, der eige­nen See­le, bis hin zur bür­ger­li­chen Klein­fa­mi­lie als leben­di­ge Aus­stat­tung die­ses rei­chen Innen­le­bens. Wir stel­len uns das Selbst als etwas vor, das sich sou­ve­rän besit­zen lässt. Die­se Sou­ve­rä­ni­tät scheint bedroht, wenn das Recht auf die Aus­übung bür­ger­li­cher Frei­hei­ten ein­ge­schränkt wird: Frei­hei­ten sind etwas, das uns zusteht.

Die Frei­heit zu sagen, was man möch­te, ohne dabei auf ande­re Rück­sicht neh­men zu müs­sen; die Frei­heit, Auto zu fah­ren und mal kurz in den Urlaub zu flie­gen, ohne sich über das Kli­ma und die Umwelt Gedan­ken zu machen; die Frei­heit, zu rau­chen und Fleisch zu essen, ohne … und so wei­ter: Wir erken­nen ein Mus­ter. Das bür­ger­li­che Indi­vi­du­um defi­niert sich bis zu einem gewis­sen Grad über die­se Frei­hei­ten, die es sich nimmt. An ihre Gren­zen stößt es durch mög­li­che Ansprü­che der ande­ren. Die­ses Pro­blem ver­schwin­det, wenn das Sich-Neh­men nicht als Frei­heit, son­dern als Kon­sum ange­se­hen wird. Denn sind Kon­sum­pro­duk­te nicht prin­zi­pi­ell für alle da?

Die­ses Pro­blem ver­schwin­det, wenn das Sich-Neh­men nicht als Frei­heit, son­dern als Kon­sum ange­se­hen wird.

Sich eine Frei­heit zu neh­men, ist mar­ke­ting­stra­te­gisch ein genia­ler Aus­druck für Kon­sum. Geni­al dar­um, weil „die Frei­heit nehm’ ich mir“ sug­ge­riert, dass mit die­sem „Neh­men“ ein Men­schen­recht ein­ge­löst, ja, das eige­ne Mensch­sein überhaupt erst ver­wirk­licht wird. In den 1990er Jah­ren war das der Wer­be­slo­gan für eine Kre­dit­kar­ten­fir­ma, womit die stra­te­gi­sche Syn­the­se von Wir­kung und Bedeu­tung noch einen Schritt wei­ter­ging: Das „Neh­men“ der Frei­heit war nicht ein­fach nur Kon­sum, nicht nur ein Kauf, son­dern der Kauf auf Kre­dit – das Hin­aus­grei­fen über die engen Gren­zen des vor­han­de­nen Gel­des hin­aus in ein Reich der Frei­heit. „Erle­ben ist das neue Besit­zen“, las ich kürz­lich (völ­lig iro­nie­frei) in einer Repor­ta­ge. Belieb­te Dis­tink­ti­ons­ge­win­ne sind nun auch Rei­sen, Bun­gee­jum­ping und Tief­see­tau­chen. Flü­ge ans ande­re Ende der Welt sind so bil­lig wie nie. Ihre Beliebt­heit liegt nicht nur dar­in, dass sie so güns­tig sind, son­dern dass sie unse­ren Kon­troll­be­reich, das schein­ba­re Reich der Frei­heit, fast ins Unend­li­che erwei­tern. In der weni­gen Zeit, die mir bleibt, wenn ich mein kon­sum­ori­en­tier­tes Leben durch­or­ga­ni­siert habe, steht mir jede Stadt des Pla­ne­ten, jedes fer­ne Land offen, für zwei Wochen oder nur ein paar Tage. Ich kann dahin, wo ich will – wenn ich das Geld dafür habe.

Frei­hei­ten sind etwas, das wir kon­su­mie­ren kön­nen. Und spä­tes­tens an die­sem Punkt, bei der Ver­schmel­zung mit einer Ideo­lo­gie des Kon­sums, kippt die Ver­tei­di­gung bür­ger­li­cher Frei­hei­ten gegen den Anspruch der All­ge­mein­heit in neo­li­be­ra­le Ideo­lo­gie.

Sich eine Frei­heit her­aus­zu­neh­men, ist auch ein alter Aus­druck dafür, frech zu sein.

Sich eine Frei­heit her­aus­zu­neh­men, ist auch ein alter Aus­druck dafür, frech zu sein. Es geht um das Sich-Her­aus­neh­men von Frei­hei­ten auf Kos­ten ande­rer, damals wie heu­te ein Pri­vi­leg weni­ger, die sozia­le Sank­tio­nen nicht zu fürch­ten haben. Frei­hei­ten sind etwas, das nur Ein­zel­ne sich erlau­ben kön­nen. Die Gesell­schaft als sank­tio­nie­ren­de Instanz erhält in die­ser libe­ra­len Vor­stel­lung die Spott­ge­stalt einer stren­gen Gou­ver­nan­te, die dem klei­nen Jun­gen auf die Fin­ger haut, wenn er über­grif­fig wird.

Es ist inter­es­sant, dass einer­seits oft die­ses Bild bemüht wird, wenn es dar­um geht, in gesell­schaft­li­chen Debat­ten „Frei­hei­ten“ zu ver­tei­di­gen: Femi­nis­tin­nen etwa, die im Rah­men der #metoo-Debat­te sexu­el­le Über­grif­fe sank­tio­nie­ren, wer­den als „vik­to­ria­nisch“ beschrie­ben (Sven­ja Flaß­pöh­ler), Trig­ger­war­nun­gen, die eben­falls als Ein­schrän­kung von Frei­hei­ten gedeu­tet wer­den, als „puri­ta­nisch“ (Robert Pfal­ler). Ein sich ein­mi­schen­der Staat wird in libe­ra­len Kon­tex­ten als „nan­ny sta­te“ bezeich­net, als Kin­der­mäd­chen­staat. Zugleich wird ande­rer­seits insis­tiert, es sei­en eben die vik­to­ria­nisch oder puri­ta­nisch prü­den Moralwächter(innen) selbst, die kind­lich-regres­si­ve Züge trü­gen. Bei Flaß­pöh­ler bei­spiels­wei­se gel­ten die besag­ten Femi­nis­tin­nen als „infan­til“, denn sie woll­ten Frau­en vor Über­grif­fen schüt­zen, als sei­en die­se Kin­der. Pfal­ler hat der „Erwach­se­nen­spra­che“ ein gan­zes Buch gewid­met, in dem als „erwach­sen“ gilt, dass man Befind­lich­kei­ten aus­hal­ten kön­ne und die­se nicht eigens the­ma­ti­sie­ren müs­se; Emp­find­sam­keit gilt im Umkehr­schluss als kind­lich.

Das heißt: Erwach­se­ne sind sou­ve­rän, sie sind in der Lage, Herr­schaft über ihre Gefüh­le und ihr Selbst aus­zu­üben. Kin­der dage­gen gehö­ren zur Welt des Leben­di­gen, sie spü­ren sich und sind mit ihrer Umwelt eng ver­bun­den. Dar­um gehö­ren sie zu dem, was beherrscht wer­den muss. Auf wel­che Sei­te man gehö­ren möch­te, so sug­ge­rie­ren die­se Argu­men­ta­tio­nen, müs­se man selbst ent­schei­den: herr­schen oder beherrscht wer­den; Sub­jekt oder Natur; Sou­ve­rä­ni­tät und Frei­heit von Emo­tio­nen – oder Skla­ve­rei, schutz­lo­ses Aus­ge­lie­fert­sein, Miss­brauch.

Die­ses Bild vom Kind hat das Bür­ger­tum selbst geschaf­fen und in ihm alles Ver­letz­li­che, Bedroh­li­che aus­ge­son­dert, das in Wahr­heit jedem Men­schen in sei­ner Ver­bun­den­heit mit sei­ner Umge­bung und sei­ner Geschich­te ange­hört. Wir alle sind ver­letz­lich, wir alle haben Gefüh­le, wir alle sind mit­ein­an­der ver­bun­den. Indem wir krampf­haft dar­an fest­hal­ten, sou­ve­rän sein zu wol­len, uns bestimm­te Din­ge her­aus­neh­men zu dür­fen, indem wir den Dis­tink­ti­ons­ge­winn unse­res bür­ger­li­chen Selbst am Maß unse­rer Macht über etwas mes­sen, womit wir eigent­lich nur unse­re eige­ne Hand­lungs­macht sym­bo­lisch zurück­kau­fen, machen wir uns gera­de unfrei.

Teil 2 folgt in Kür­ze.

Die­ser Text stammt aus der agora42 zum The­ma BEFREIUNG.

 


wbernhardt