Lieber locker lassen – von Viola Nordsieck | Teil 2

Aus der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 BEFREIUNG.

Pho­to by Maar­ten van den Heu­vel on Uns­plash

Lieber locker lassen – Teil 2

Locker lassen

Wie aber kön­nen wir über Frei­heit nach­den­ken, die nicht bloß wie­der Herr­schaft wäre, wie kön­nen wir uns von die­sem Frei­heits­be­griff befrei­en? Wäre es mög­lich, locker zu las­sen? Das soll nicht hei­ßen „uns mal locker zu machen“, also Arten von Krän­kun­gen und Über­grif­fen wider­stands­los über uns erge­hen zu las­sen, um nicht als „unlo­cker“ zu gel­ten. Locker las­sen, das heißt: nicht so fest zugrei­fen, son­dern tas­ten; fra­gen; erst ein­mal spü­ren, was da ist, wie wir selbst sind – und wo sich die Gren­zen der ande­ren befin­den; kom­mu­ni­zie­ren und ler­nen, sich aus­tau­schen.

Locker las­sen, das heißt auch, durch­läs­sig wer­den, und das ist für den (neo-)liberal gepräg­ten Erwach­se­nen beson­ders angst­be­setzt. Wir glau­ben, geschlos­se­ne Sub­jek­te zu sein, und sind in Wahr­heit erfah­ren­de, spü­ren­de Pro­zes­se in Ver­flech­tun­gen von Wir­kun­gen, die wir nicht kon­trol­lie­ren kön­nen. Die dunk­le Sei­te die­ser Fremd­ein­wir­kun­gen macht uns sol­che Angst, dass wir sie nicht ein­mal zu den­ken wagen. Ver­skla­vung, Krank­heit, Wahn­sinn, Auf­lö­sung ver­drän­gen wir durch unse­re ima­gi­nier­te Geschlos­sen­heit, in die nichts ein­drin­gen kann, und fan­ta­sie­ren uns ein sou­ve­rä­nes Leben, das wir durch Kon­sum zemen­tie­ren. „Was kos­tet uns die Fähig­keit, zu emp­fin­den?“ fragt die Phi­lo­so­phin Rosi Brai­dot­ti.

Locker las­sen wäre auch ein Zulas­sen der Angst. Es wäre ein Anneh­men neu­er Gewohn­hei­ten. Denn wenn wir an eine Hal­tung nicht gewöhnt sind, wird sie sich fremd­be­stimmt anfüh­len, wenn man uns dazu zwingt. Sie wird sich danach anfüh­len, erzo­gen zu wer­den und nicht nach einer eige­nen Ent­schei­dung. Um uns aber an ein ande­res Ver­ständ­nis von Frei­heit zu gewöh­nen, müs­sen wir neue Geschich­ten über uns erzäh­len. Denn, so bringt es die öster­rei­chi­sche Auto­rin Ste­fa­nie Sarg­na­gel auf den Punkt: „In Kom­fort und Luxus fin­det man zwar Ent­span­nung und das Gefühl, etwas Bes­se­res zu sein, aber gute Geschich­ten hat man kei­ne zu erzäh­len.“

Die Frei­heit des Locker­las­sens wäre erst ein­mal, eine ande­re Geschich­te über uns selbst, unse­re Rech­te und unse­re Pflich­ten zu erzäh­len. Statt einer­seits ent­hemmt zu kon­su­mie­ren und sich ande­rer­seits zu dis­zi­pli­nie­ren, um die glän­zen­de Fas­sa­de des Selbst auf­recht­zu­er­hal­ten, soll­ten wir mehr auf Pfle­ge und Sor­ge für uns selbst set­zen und dabei nicht gleich wer­ten, was wir dafür benö­ti­gen. Um noch ein­mal Brai­dot­ti zu bemü­hen: „Was immer dich durch den Tag bringt [ist] legi­tim.“ Statt uns auf Per­fek­ti­on und Funk­ti­on in Rich­tung eines geschlos­se­nen Sys­tems zuzu­rich­ten und zu mana­gen, könn­te Frei­heit bedeu­ten, Offen­heit, Brü­che, neue Schwel­len, neue Kon­tak­te und neue For­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on zuzu­las­sen. Die ers­te Emp­feh­lung wäre also: Weni­ger arbei­ten, weni­ger Geld aus­ge­ben und sich dafür mehr Zeit neh­men! Um was zu tun?

Ja, das ist die ers­te wich­ti­ge Fra­ge. Von hier aus kann es nur inter­es­san­ter wer­den.

Mehr Zeit für echte Freiheiten

Eine Frei­heit wäre bei­spiels­wei­se die Frei­heit des Suchens: sich einen Weg zu suchen, statt ein Ziel zu set­zen. Vie­le Berei­che, in denen Men­schen frei sein konn­ten, gemein­sa­me öffent­li­che Räu­me in Stadt und Natur, sind immer mehr in Besitz genom­men und an Ein­zel­ne ver­kauft wor­den. Wo es sich ein­mal frei und ohne Geld her­um­wan­dern, zel­ten oder im Frei­en schla­fen, in den Fluss sprin­gen und durch den Wald strei­fen ließ, wer­den Grund­stü­cke pri­va­ti­siert, Zugän­ge ver­baut und neue, pri­vi­le­gier­te Zugän­ge eigens geschaf­fen.

Ein Weg aus der Kon­trol­le wäre ein Weg des Wan­derns und Ent­de­ckens

Ein Weg aus der Kon­trol­le wäre ein Weg des Wan­derns und Ent­de­ckens: Nicht die Zeit ver­schwin­den las­sen, in- dem ich mich durch die Qua­si-Magie der Tech­nik an einen ande­ren Ort zau­be­re, um dann dort zu sein und das Maxi­mum an Erleb­nis oder Ent­span­nung her­aus­zu­ho­len, son­dern die Zeit selbst nut­zen, in- dem ich mich auf einen Weg mache. Am bes­ten mit Freun­den oder sol­chen, die wel­che wer­den könn­ten, in den Wald, an den See, in die Stadt, um dort etwas zu ent­de­cken, das ich so noch nicht gese­hen habe.

Eine ande­re Frei­heit wäre eine Frei­heit des Gebens, wie sie der fran­zö­si­sche Kon­vi­via­list Alain Cail­lé mit Bezug auf Mar­cel Mauss’ Die Gabe (1924) ent­wirft. Zusam­men­le­ben als koope­ra­ti­ve Pra­xis zu den­ken, ist schon ein­mal eine gute Vor­aus­set­zung für ein neu­es Nach­den­ken über Frei­heit, die nicht auf einer Erklä­rung der Unab­hän­gig­keit, son­dern auf einer Aner­ken­nung der „wech­sel­sei­ti­gen Abhän­gig­kei­ten“ beruht, wie es im kon­vi­via­lis­ti­schen Mani­fest heißt.

Wenn wir in die­sem Gefecht von Abhän­gig­kei­ten ste­cken, ist die freie Gabe nicht ein sou­ve­rä­nes Abge­ben der Rei­chen an die Armen, son­dern ein frei­wil­li­ger Bei­trag zu einem Gan­zen, dem wir sel­ber auch ange­hö­ren. Und geben kann man vie­les: Zeit, Auf­merk­sam­keit, Lie­be, Zuwen­dung, Gehör, Gedan­ken, Hil­fe, Unter­stüt­zung.

Und geben kann man vie­les: Zeit, Auf­merk­sam­keit, Lie­be, Zuwen­dung, Gehör, Gedan­ken, Hil­fe, Unter­stüt­zung.

Wich­tig ist dabei nur, dass nicht erwar­tet wird, nach einer markt­wirt­schaft­li­chen Tau­sch­lo­gik etwas zurück­zu­be­kom­men. Die Frei­heit liegt in der Bewe­gung in die Teil­nah­me hin­ein: Ich tra­ge etwas bei, da- mit das Gan­ze zu mei­nem Gan­zen wird.

Eine ande­re Frei­heit wäre eine Frei­heit des Gestal­tens. Das Gan­ze zu mei­nem Gan­zen zu machen, geht am bes­ten in krea­ti­ver Zusam­men­ar­beit, in der man sich orga­ni­siert, um die gemein­sa­men Bedürf­nis­se zu ver­tre­ten. Dabei kann man fei­ern, Musik machen, sich poli­tisch arti­ku­lie­ren, kochen, malen, Maga­zi­ne her- aus­ge­ben, sich aus­tau­schen oder Räu­me schaf­fen, in denen es sich tätig sein lässt. Die Selbst­wirk­sam­keit der Ein­zel­nen ist oft auf eine Dicho­to­mie des Kon­sums redu­ziert: etwas tun (kau­fen) oder nichts tun (ster­ben). Aber im gemein­sa­men Han­deln erschließt sich neue Selbst­wirk­sam­keit, weil Grup­pen anders wirk­mäch­tig sind als Ein­zel­ne. Sie kön­nen Din­ge tun, die allei­ne nicht gelin­gen. Und so ist es auch mög­lich, die Bil­der zu ver­än­dern, die wir von uns selbst haben.

Eine ande­re Frei­heit wäre schließ­lich noch die Frei­heit, zu gehen und es ein­fach sein zu las­sen. „I would pre­fer not to“

Eine ande­re Frei­heit wäre schließ­lich noch die Frei­heit, zu gehen und es ein­fach sein zu las­sen. „I would pre­fer not to“, ich möch­te lie­ber nicht, erwi­der­te Her­man Mel­vil­les „Bart­le­by the Scri­vener“ (1853) auf jedes Ansin­nen, das man an ihn rich­te­te. Es ist eine Geschich­te über die Unmög­lich­keit von Frei­heit – wenn man sie als die Sou­ve­rä­ni­tät des Indi­vi­du­ums denkt, sei­ne Frei­hei­ten aus­zu­üben. Doch der Ansatz einer ande­ren Frei­heit fin­det sich in der For­mel „I would pre­fer“. Ich wür­de es vor­zie­hen – wenn es etwas vor­zu­zie­hen gäbe. Wie müss­te die Welt aus­se­hen, damit ich etwas vor- zuzie­hen hät­te, damit ich mich frei bewe­gen könn­te zwi­schen der Ver­wei­ge­rung und der Beja­hung? In der bru­ta­len Logik unse­rer Welt bedeu­tet Ver­wei­ge­rung den Tod, die freie Wahl ist eine Illu­si­on. „I would pre­fer not to“ deu­tet einen Bewe­gungs­spiel­raum an, den wir uns erst ein­mal selbst erlau­ben müss­ten.

Von der Auto­rin emp­foh­len:

SACH-/FACHBUCH
Rosi Brai­dot­ti: Poli­tik der Affir­ma­ti­on (Mer­ve Ver­lag, 2017)

ESSAY
Vir­gi­na Wolf: Ein Zim­mer für sich allein (Reclam, 2012)

ROMAN
Jona­than Fran­zen: Frei­heit (Rowohlt Ver­lag, 2012)

FILM
Sys­tem Error von Flo­ri­an Opitz (2018)

 


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