Low-tech Magazine – Zweifel an Fortschritt und Technik

LOW-TECH MAGAZINE

Zweifel an Fortschritt und Technik

 

Die zuneh­men­den digi­ta­len High­tech-Lösun­gen für all­täg­li­che rou­ti­nier­te Abläu­fe machen uns vor allem eins: ver­letz­lich. Spä­tes­tens seit dem Hor­ror­sze­na­rio gehack­ter Strom­net­ze, das Marc Els­berg in sei­nem Thril­ler Black­out ent­wirft, ist klar, dass unse­re ver­netz­te Gesell­schaft längst von digi­ta­len Steue­run­gen abhän­gig ist. Der unein­ge­schränk­te Glau­be an die Seg­nun­gen der digi­ta­len maschi­nel­len Ver­net­zung beginnt zu brö­ckeln und die Absi­che­rung der mäch­ti­gen Kris De Deckerdigi­ta­len Net­ze ver­schlingt immer grö­ße­re Men­gen an Geld, Strom und Zeit. Man­che mun­keln schon, dass es voll­kom­men unöko­no­misch ist, in künst­li­che Intel­li­gen­zen zu inves­tie­ren, die mensch­li­che Arbeit über­flüs­sig machen.

Der gebür­ti­ge Bel­gi­er Kris De Decker wehrt sich ent­schie­den gegen die Annah­me, dass jedes Pro­blem eine High­tech-Lösung habe. 2007 begann er mit der Grün­dung des Online-Maga­zins lowtechmagazine.com den Tech­nik­glau­ben infra­ge zu stel­len. Ein­mal pro Monat ver­öf­fent­licht er einen Arti­kel, in dem er über­ra­schend unkon­ven­tio­nel­le, ana­lo­ge Lösun­gen für unse­re All­tags­pro­ble­me vor­stellt, oder über die fata­len Fol­gen, wel­che durch „High­tech-Lösun­gen“ her­vor­ge­ru­fen wer­den, auf­klärt. Das Low-tech Maga­zi­ne wirft einen neu­en Blick auf unse­re „fort­schritt­lich“ aus­ge­stat­te­ten Büro­räu­me und zeigt deren Kehr­sei­te: die rasan­te Zunah­me des Ener­gie­ver­brauchs. Es unter­sucht, wie man auch in der Stadt ener­gie­aut­ark leben kann oder stellt eine Bau­an­lei­tung für ein unab­hän­gi­ges Low­tech-Inter­net zur Ver­fü­gung. Sol­che selbst­ge­bau­ten dezen­tra­len Net­ze sind bereits welt­weit zu fin­den – das größ­te zählt der­zeit 35.000 Nutzer.

 

Ich finde Hightech ziemlich langweilig.

Kris De Decker, Gründer des Low-tech Magazines

Herr Decker, leh­nen Sie tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt per se ab?

Ich leh­ne tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt nicht prin­zi­pi­ell ab, wohl aber die Rich­tung, die er ein­ge­schla­gen hat. Schließ­lich wer­den bei der Ent­wick­lung neu­er Tech­no­lo­gi­en die wah­ren Kos­ten, der Ener­gie­ver­brauch und die Aus­wir­kun­gen auf unse­re öko-sozia­le Umwelt noch lan­ge nicht berück­sich­tigt. Sämt­li­che „Inno­va­tio­nen“ füh­ren nur dazu, dass immer mehr der end­li­chen Res­sour­cen ver­braucht wer­den. Wir müss­ten tech­ni­sche Inno­va­tio­nen völ­lig neu den­ken, damit sie uns in ganz ande­ren Kon­tex­ten wirk­lich hilf­reich sind.

 

Was erach­ten Sie als die größ­te Bedro­hung durch die Digitalisierung?

Da ist zum einen der stei­gen­de Ener­gie­ver­brauch, der mit der Digi­ta­li­sie­rung ver­bun­den ist. Außer­dem erhöht die Digi­ta­li­sie­rung die Gefahr eines Kom­plett­aus­falls unse­rer Tech­nik: Das Ers­te, was Afri­ka­ner machen, wenn sie ein impor­tier­tes Auto aus dem Wes­ten recy­celn ist, dass sie sämt­li­che Elek­tro­nik ent­fer­nen. Zuletzt darf man nicht ver­ges­sen, dass die Digi­ta­li­sie­rung einen immensen Ein­fluss auf die zwi­schen­mensch­li­che Inter­ak­ti­on hat – wer weiß, viel­leicht ver­ges­sen wir irgend­wann, dass wir auch ohne tech­ni­sche Gerä­te mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren kön­nen? Wir nähern uns jeden Tag der dys­to­pi­schen Kurz­ge­schich­te „When the Machi­ne Stops“, die E. M. Fors­ter bereits 1905 geschrie­ben hat. Dar­in kom­mu­ni­zie­ren die Men­schen nur noch über Bild­schir­me miteinander.Kris De Decker Low-tech
 
 
 

Low-tech Magazine refuses to assume that every problem has a high-tech solution.”

 
 
 
In der Moder­ne ist Tech­nik weit mehr, als die Fähig­keit mit­tels einer Maschi­ne eine Arbeit zu erle­di­gen. Gera­de wenn man sich den Kult um ein glän­zen­des neu­es iPho­ne ansieht. Glau­ben Sie, dass Low­tech jemals so sexy sein kann wie ein iPhone?

Also ich fin­de Low­tech sogar viel sexy­er! Wäh­rend mir ein iPho­ne reich­lich egal ist, kann ich gera­de­zu in Ver­zü­ckung gera­ten, wenn ich ein stra­pa­zier­fä­hi­ges Werk­zeug ent­de­cke, dass ganz ohne Strom funk­tio­niert, oder ein Schub­kar­ren, der vom Wind ange­trie­ben wird, oder einen Zug mit Peda­lan­trieb. Ehr­lich gesagt, fin­de ich High­tech ziem­lich langweilig.

 

Wie wür­de sich unse­re Wirt­schaft ändern, wenn Low­tech an Stel­le der High­tech-Lösun­gen tre­ten würden?

Die Idee des unend­li­chen Wachs­tums geht ein­her mit der Vor­stel­lung eines unend­li­chen tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts. Unter­neh­men ver­su­chen stän­dig, ihre Pro­fi­te zu stei­gern, indem sie „Inno­va­tio­nen“ vor­an­trei­ben. Wenn wir die­se Dyna­mik ein­fach durch Low­tech-Lösun­gen erset­zen wür­den, wäre unser heu­ti­ges Wirt­schafts­sys­tem am Ende. Letzt­lich geht es mir also auch um alter­na­ti­ve Wirt­schafts­sys­te­me. Aber ich glau­be, dass es ein­fa­cher ist, sich eine alter­na­ti­ve Wirt­schaft vor­zu­stel­len, wenn man sie anhand von alter­na­ti­ver Tech­nik und nicht-digi­ta­len Werk­zeu­gen, die uns jeden Tag hel­fen, ver­an­schau­licht – anstatt nur im theo­re­ti­schen Dis­kurs zu bleiben.

 

Sie schrei­ben neben dem Low-tech Maga­zi­ne auch noch für das No Tech Maga­zi­ne. Was ist Ihnen lie­ber: Low­tech oder Notech?

Auch wenn der Titel es sug­ge­riert, plä­die­re ich mit dem No Tech Maga­zi­ne nicht für eine radi­ka­le Abkehr von der Tech­nik. Der Mensch braucht Tech­nik, um zu über­le­ben – sei es ein Speer oder ein Feu­er­stein. Oft wird jedoch ange­nom­men, dass die ein­zi­ge Lösung für ein Pro­blem eine tech­ni­sche Lösung sei, anstatt sich zu über­le­gen, wie man anders mit dem Pro­blem umge­hen könn­te. Bei­spiels­wei­se sehen wir immer ener­gie­ef­fi­zi­en­te­re Kühl­schrän­ke, stel­len uns aber nie die Fra­ge, wie sinn­voll es ist, dass unser Lebens­mit­tel­sys­tem auf kon­stan­te Küh­lung ange­wie­sen ist. Wir befin­den uns als Gesell­schaft an einem Punkt, an dem wir über extrem fort­schritt­li­che Tech­no­lo­gi­en ver­fü­gen. War­um soll­ten wir nicht kurz inne­hal­ten und uns fra­gen, ob wir die­sen Weg wei­ter­ge­hen wol­len – vor allem da die Pro­ble­me ja nicht weni­ger, son­dern mehr werden?

 

Das Low-tech Maga­zi­ne von Kris De Decker fin­den Sie hier.