Man muss das Richtige tatsächlich tun – Luise Tremel im Interview

Man muss das Richtige tatsächlich tun

Interview mit Luise Tremel

 

© Kathrin Borer "Don't sell me fear", 2016

Anlässlich der neuen agora42 WA(H)RE ANGST haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Luise Tremel. Sie spricht über die motivierende Kraft zum Handeln, die Anerkennung für politische Arbeit, die zwei Arten von Hoffnung und über die Tapferkeit  …

 

Frau Tremel, viele Menschen blicken zurzeit mit Sorge in die Zukunft. An die großen Gesellschaftsentwürfe glaubt heute keiner mehr. Wie aber kann man dennoch Zukunft gestalten, wenn man kein Bild mehr von ihr hat an das man glauben kann?

Luise Tremel

Luise Tremel (*1983) ist Mitglied der Geschäftsführung des Start-ups INJU und Fellow der FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit, für die sie in den vergangenen Jahren als Redakteurin tätig war. Die Dynamiken langfristiger gesellschaftlicher Veränderungsprozesse stehen im Mittelpunkt ihrer Forschungsarbeit am Norbert Elias Center for Transformation Design and Research der Europa-Universität Flensburg. Luise Tremel studierte Geschichte und Literaturwissenschaften in Harvard und London und lebt in Berlin. Foto: FUTURZWEI / Jens Gyarmaty

Die Frage ist ja, was man braucht, um mit dem Gestalten anzufangen - ob das wirklich eine Vision ist, z.B. in Form eines Gesellschaftsentwurfs, oder ob es eher um den gewissen Druck geht, der aus Sorge oder Angst entsteht, oder ob vielleicht einfach ein Anwendungsbereich gebraucht wird, in dem man persönlich aktiv werden kann, eine Spielwiese.

Wenn ich auf die kollektiven Mythen unserer Gegenwart schaue – also auf Filme, die jeder junge Mensch gesehen hat, von Harry Potter über Avatar und Herr der Ringe bis hin zu allen Comic-Superhelden –, dann teilen alle ein zentrales Motiv, nämlich dass das Dunkle, Böse, Zerstörerische gewinnen könnte. Das, was Angst machen könnte oder auch macht, muss deshalb von den Helden und wenigen Heldinnen aufgehalten oder verhindert werden. Und genau daraus entsteht die Kraft zum eigenen Handeln.

Beim „Gestalten", das Sie meinen, scheint mir das ganz ähnlich zu sein: Dadurch, dass die Zukunft in den letzten Jahren dunkel geworden ist, steht wieder etwas auf dem Spiel. Das, was ich als Einzelne für eine bessere Zukunft tue, ist auf einmal von erheblicher Bedeutung, weil ja die Gefahr besteht, dass es schlecht kommt, wenn ich nichts tue. Das hat meines Erachtens eine enorme motivierende Kraft – wenn man es schafft, eine persönliche oder kollektive Vision davon zu entwickeln, was man erreichen möchte (die aber kein „großer Gesellschaftsentwurf“ zu sein braucht). Und wenn man Zutritt zu einer Spielwiese hat, auf der man überhaupt mitgestalten darf. Wenn man also irgendeinen Ort findet, an dem die eigenen Fähigkeiten relevant sind und an dem es irgendwie möglich ist, etwas zu bewirken. Wenn Letzteres fehlt, bleibt nichts übrig, als sich passiv zu fühlen und sich zu fürchten – und das ist entsetzlich.

 

Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Politik den heutigen Problemen nicht mehr gewachsen ist. Woran liegt das? Ist das ein strukturelles Problem oder haben wir die falschen Politiker?

Irgendwie haben wir auch die falschen Politiker, ja, aber das kann man den Politikern nicht vorwerfen, finde ich. Ich habe gigantische Achtung vor jeder Person, die sich für ein Leben als Politiker oder Politikerin entscheidet, mit endlosen Arbeitszeiten, permanentem Ringen um Lösungen teilweise absurder Probleme, grenzenloser Öffentlichkeit, Häme auf allen Ebenen. Und das ist gleichzeitig auch das Problem, denn zumindest in Deutschland sehe ich für qualifizierte Leute kaum Anreize, in die Politik zu gehen – abgesehen von dieser fragwürdigen Belohnung „Macht“. In den USA zum Beispiel ist das anders, da ist die grundsätzliche Anerkennung für politische Arbeit, monetär wie ideell, gigantisch viel größer.

Ich würde mir sehr wünschen, dass sich die großen Probleme unserer Zeit politisch lösen ließen, aber das ist meines Erachtens überhaupt nur denkbar, wenn die Achtung vor der Politik und dem politischen Personal wieder steigt. Dazu können Politikerinnen und Politiker selbst auch etwas beitragen, aber ich halte das wirklich für eine gemeinschaftliche Übung in Respekt, Anerkennung und Verständnisbereitschaft. Denn die Struktur der Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, vom Klima über Ungerechtigkeit (beide wiederzufinden in globalen Fluchtbewegungen) bis hin zu Datenmonopolen, lässt die größtenteils national ausgerichtete Politik nicht besonders stark aussehen. Politik wird sich deshalb sicherlich auch strukturell wandeln müssen; ohne eine andere Haltung von Bürgerinnen und Bürgern zur Politik wird das meines Erachtens aber wenig bringen.

 

Die Probleme, mit denen wir uns konfrontiert sehen – bspw. Erderwärmung, außer Kontrolle geratene Finanzmärkte und Geheimdienste, Lobbyismus und zunehmende Ungleichheit –, scheinen übermächtig. Dennoch haben Sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Woher nehmen Sie die Kraft zu hoffen?

Für mich gibt es zweierlei Hoffnung. Erstens die Hoffnung, dass irgendwann alles gut wird, allen Problemen zum Trotz, und andererseits die Hoffnung, dass das, was man dafür tut, einen entscheidenden positiven Effekt haben wird.

Im ersten Sinne bin ich gar nicht besonders hoffnungsvoll. Ich kann mir kaum realistische Wege vorstellen, auf denen sich all diese Probleme lösen lassen, noch dazu gleichzeitig, noch dazu global. Das ist aber für mein persönliches Handeln – und auch für meinen alltäglichen Grad von Zuversicht – gar nicht so wichtig, denn entscheidend ist die zweite Art von Hoffnung: die Hoffnung, dass schon etwas Gutes entstehen wird, wenn ich mich für etwas Gutes einsetze.

Entscheidend ist die zweite Art von Hoffnung: die Hoffnung, dass schon etwas Gutes entstehen wird, wenn ich mich für etwas Gutes einsetze.

Diese Hoffnung wird bei mir in den letzten Jahren immer stärker, da kommen nämlich alle meine Arbeitsbereiche zum selben Ergebnis; da deckt sich das, was ich aus vergangenen Transformationsprozessen weiß, mit dem, was ich bei einzelnen Nachhaltigkeitspionieren in der Gegenwart sehe, und auch mit meinen persönlichen Erfahrungen auf meiner eigenen Suche nach Wegen, positiv zu wirken.

Nämlich: Wenn man etwas tut, was man richtig findet, ist gar nicht so wichtig, ob man gleich „gewinnt“. Viel wichtiger ist, dass man dieses Richtige tatsächlich tut – und zwar ist es das sowohl für einen selbst als auch für alle anderen, die das sehen. Für die Handelnde selbst bedeutet dieses Handeln Freiheit – von Angst, von Starre, von Ohnmacht, von dem beschämenden Gefühl, es sich zu einfach gemacht zu haben. Und "allen anderen" wird dadurch ein Beispiel geschenkt, von dem sie sich inspirieren lassen können, das ihnen Mut machen kann. Oder auch ein Projekt, dem sie sich anschließen können, eine Spielwiese im oben genannten Sinn. Diese anderen können auch für die zuerst Handelnde ein großer Quell von Hoffnung sein: Wenn man erstmal etwas tut, was irgendwie großartig ist, kommen (hoffentlich) schnell alle möglichen Menschen, die man nicht kennt und mit denen man nicht gerechnet hat, und wollen unterstützen oder mitmachen.

Zusammengefasst: Ich würde diese „kleine“ Hoffnung nie aufgeben, weil sich in der Gegenwart des eigenen Handelns unmöglich erkennen lässt, ob man gerade Erfolg hat oder nicht. Man kann mit etwas auf ganzer Linie scheitern, damit aber jemand anderen, irgendwo anders auf der Welt und auch zu einer anderen Zeit, so tief beeindrucken, dass am Ende doch ein Erfolg steht. Darauf muss man es wohl ankommen lassen.

 

Ist es möglich, keine Angst zu haben? Und wäre das gut?

Ob das möglich ist, hängt sehr stark von der eigenen Persönlichkeit ab. Ich bin in meiner Grundstruktur eher sorgenvoll, andere Menschen in meinem Umfeld haben sehr wenig Angst. Entscheidend für mich ist, was man aus der eigenen Angst macht; insofern glaube ich, es würde nicht helfen, wenn niemand mehr Angst hätte.

Tapferkeit ist das rechte Maß zwischen Furcht und Übermut.

Ein befreundeter Philosoph hat mich darauf aufmerksam gemacht, welches Verständnis die griechische Philosophie von der Tapferkeit hatte: Die ist nämlich das rechte Maß zwischen Furcht und Übermut. Eine Person, die vor einer Herausforderung schlotternd wegläuft, ist nicht tapfer; ebensowenig ist das aber jemand, der sich ohne jedes Zögern in die Gefahr stürzt. Tapferkeit misst sich daran, dass man sich die Gefahr – und auch die Möglichkeit des Scheiterns – bewusst macht und dennoch für das einsteht, woran man glaubt. Dann stellt sich noch die Frage, wofür es sich lohnt, tapfer zu sein, also welche Schlachten man lieber meidet, welchen man sich aber stellen möchte. Und das entscheidet man laut meinem Philosophenfreund mit dem Herzen. Zentral für die Entscheidung, an welcher Stelle man das rechte Maß zwischen Furcht und Übermut aufbringen möchte, ist also die Liebe. Das gefällt mir.

 

Herzlichen Dank, Frau Tremel.

 

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