Der Kapitalismus ist nicht dafür da, dem Leben einen Sinn zu stiften” – Paul Nolte

Der Kapitalismus ist nicht dafür da, dem Leben einen Sinn zu stiften

Inter­view mit Paul Nol­te

 

Anläss­lich der neu­en agora42 ORDNUNG haben wir dem His­to­ri­ker Paul Nol­te zum The­ma eini­ge Fra­gen gestellt. Er spricht über die Frei­heits­ge­win­ne kapi­ta­lis­ti­scher Gesell­schaf­ten, die Angst vor Ver­än­de­rung sowie die Gefahr ein­fa­che Sün­den­bö­cke für kom­ple­xe Pro­ble­me zu suchen …

 

 

Herr Nol­te, das Gefühl einer zer­fal­len­den, chao­ti­schen Gesell­schaft macht sich auch in Deutsch­land seit eini­ger Zeit breit. Mal anders­her­um gefragt: Was ord­net die heu­ti­ge deut­sche Gesell­schaft eigent­lich noch?

Zer­fall und Cha­os – das ist das Gefühl einer Min­der­heit, und von einer Min­der­heit wird dar­aus ein Nar­ra­tiv, das poli­tisch instru­men­ta­li­siert wird. Ein Gefühl, das breit geteilt wird, wäre doch eher: Sicher­hei­ten, Ver­bind­lich­kei­ten, star­re Zuord­nun­gen lösen sich auf. Dar­in kom­men Frei­heits­ge­win­ne zum Aus­druck. Man kann das mit den Aggre­gat­zu­stän­den von Stof­fen ver­glei­chen: Im fes­ten Zustand ist gewiss mehr Ord­nung als im flüs­si­gen oder gas­för­mi­gen – aber zugleich deut­lich weni­ger Bewe­gungs­frei­heit. Aber wie gehen wir mit den radi­ka­len Frei­heits­po­ten­tia­len einer „gas­för­mi­gen Gesell­schaft“ um, und was hält die Mole­kü­le noch zusam­men? Ich bin da opti­mis­tisch, aber nicht nur ein­fach so, son­dern mit kla­ren empi­ri­schen Indi­zi­en: Bei allen wei­ter­be­stehen­den Ein­schrän­kun­gen hat­ten Frau­en und Min­der­hei­ten nie grö­ße­re Ent­fal­tungs­chan­cen als heu­te. Wir haben einen bei­spiel­lo­sen Rück­gang von Gewalt in Auto­ri­täts­ver­hält­nis­sen erlebt, uns also als Gesell­schaft auf beein­dru­cken­de Wei­se „zivi­li­siert“ – die schlech­ten Nach­rich­ten, die es trotz­dem gibt, fal­len umso mehr in den Medi­en auf. Und das Bild aus dem Che­mie­un­ter­richt stimmt auch nicht ganz, denn Fami­li­en­be­zie­hun­gen und Gene­ra­tio­nen­ver­hält­nis­se sind so eng und sta­bil wie sel­ten zuvor. Noch grund­sätz­li­cher müss­te man sagen: Eine libe­ra­le Gesell­schaft ord­net sich sel­ber, statt durch häus­li­che oder väter­li­che, kirch­li­che oder staat­li­che Auto­ri­tät geord­net zu wer­den. Gewiss ist das manch­mal ris­kan­ter, und es braucht Auf­fang­net­ze für die, die das Risi­ko objek­tiv oder sub­jek­tiv nicht ertra­gen kön­nen. Aber noch ein­mal, auf der Haben­sei­te steht eine nie dage­we­se­ne Frei­heit.

 
Robert Men­as­se ver­gleicht in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 die heu­te Zeit mit dem Jahr 1913: Auch damals gab es eine „radi­ka­le Ent­wick­lung der Tech­nik, rasan­tes Fort­schrei­ten der Glo­ba­li­sie­rung, rela­ti­ver Wohl­stand, lan­ge Frie­dens­zeit, in der Habs­bur­ger Mon­ar­chie etwa von 1848 bis 1913 – aber zugleich das Gefühl von begin­nen­der Unord­nung und eine Sehn­sucht, das alles zu zer­stö­ren, damit etwas Neu­es ent­ste­hen kann.“ Was kön­nen wir aus der Ver­gan­gen­heit für unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on ler­nen? Wovor soll­ten wir uns hüten?

Ja, sol­che Par­al­le­len sehe ich auch, aber es ist wohl falsch, sie auf das Jahr 1913 zuzu­spit­zen und damit zu insi­nu­ie­ren, wir stün­den vor einem neu­en Welt­krieg oder zumin­dest vor einem kata­stro­pha­len Kol­laps unse­rer Ord­nun­gen. Dafür spricht wenig – hof­fent­lich auch des­halb, weil wir aus der Geschich­te gelernt haben, weil wir uns ein Stück weit zivi­li­siert haben und weil eine Anne­xi­on der Krim nicht die „Ehre“ von Staa­ten und Völ­kern so her­aus­for­dert, dass man zur Gene­ral­mo­bil­ma­chung ruft. Wohl aber: Am Anfang des 20. Jahr­hun­derts hat­ten die Men­schen in Euro­pa eine Zeit gewal­ti­ger tech­ni­scher und öko­no­mi­scher Wand­lungs­pro­zes­se hin­ter sich, eine Beschleu­ni­gung des Lebens, ver­bun­den mit kul­tu­rel­len Zumu­tun­gen – nach dem Ers­ten Welt­krieg wur­de das erst recht offen­bar, in den 1920er Jah­ren. Für vie­le Men­schen war das fas­zi­nie­rend und befrei­end – eine jun­ge Frau allei­ne auf der Stra­ße, und sogar Ziga­ret­te rau­chend! Aber das glei­che Bild mach­te ande­ren Angst, und sie beklag­ten die ver­lo­re­ne Ord­nung. Genau das ist die Par­al­le­le zu heu­te: Nicht alle Men­schen kom­men mit den Ver­än­de­run­gen mit. Das braucht Zeit, und muss viel­leicht auch bes­ser erklärt wer­den. Ob für die­se Erklä­rungs­kom­pe­tenz ein „Hei­mat­mi­nis­te­ri­um“ die rich­ti­ge Ant­wort ist, scheint mir aber sehr zwei­fel­haft. Wovor soll­ten wir uns hüten? Nach den Erfah­run­gen des frü­hen 20. Jahr­hun­derts vor allem davor, den Ängs­ten und Sor­gen neue Nah­rung zu geben, sie ohne empi­ri­sche Grund­la­ge – Ver­schwö­rungs­theo­ri­en und Sün­den­bö­cke gab es damals wie es sie heu­te gibt! – zu schein­bar plau­si­blen Nar­ra­ti­ven zu ver­dich­ten, die eine gefähr­li­che Eigen­macht gewin­nen: Die Juden sind an allem schuld! Die Ein­wan­de­rer spren­gen alle Ord­nung unse­rer Gesell­schaft! Und dar­aus wer­den dann poli­ti­sche Kon­se­quen­zen gezo­gen, die von einer libe­ra­len Staats- und Gesell­schafts­ord­nung weg­füh­ren. Dem müs­sen wir ent­ge­gen­tre­ten.

 
Gab es schon ein­mal eine gesell­schaft­li­che Ord­nung, die den Men­schen so wenig Sinn (in per­sön­li­cher, exis­ten­zi­el­ler Hin­sicht) für ihr Leben gab, wie die heu­ti­ge kapi­ta­lis­ti­sche?

Der Kapi­ta­lis­mus ist nicht dafür da, den Men­schen einen Sinn ihres Lebens zu stif­ten. Trotz­dem die Gegen­fra­ge: Gab es schon ein­mal eine gesell­schaft­li­che Ord­nung, die den Men­schen so viel Frei­räu­me für ihre per­sön­li­che Ent­fal­tung, für den Ent­wurf eines gelin­gen­den Lebens gab wie die heu­ti­ge kapi­ta­lis­ti­sche? Nein. Oder wel­ches Gegen­bei­spiel kön­nen Sie mir nen­nen? Ich höre immer, der Kapi­ta­lis­mus sei in alle Poren ein­ge­drun­gen und bemäch­ti­ge sich der intims­ten sozia­len Bezie­hun­gen. Aber waren Part­ner­wahl, Lie­be und Freund­schaft je frei­er als heu­te? Wir sind sogar frei, uns nicht zu bin­den – dafür darf man dann aber nicht dem Kapi­ta­lis­mus die Schuld geben. Ein „sinn­vol­ler“ Lebens­ho­ri­zont muss in unse­rer Gesell­schaft nicht den Märk­ten irgend­wie abge­trotzt wer­den. Reli­gi­on pro­spe­riert auch in einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft. Wem das nicht zusagt, der kann sich für sozia­les Enga­ge­ment ent­schei­den, kann am Wochen­en­de als Tea­mer eine Jugend­frei­zeit beglei­ten statt bloß Par­ty zu machen. Hören wir end­lich auf, den Kapi­ta­lis­mus zum Sün­den­bock für unse­re Faul­heit und unse­ren Nar­ziss­mus zu machen. Rich­tig bleibt dann: In einer libe­ra­len Gesell­schaft wird Sinn nicht zwangs­ver­ord­net, und die Frei­heit, ihn im eige­nen Leben zu fin­den, ist ein Risi­ko und eine Zumu­tung.

 
His­to­risch betrach­tet: Was waren bis­lang die übli­chen Aus­lö­ser für einen tat­säch­li­chen gesell­schaft­li­chen Wan­del: Poli­ti­sche, ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen, oder her­ein­bre­chen­de Kata­stro­phen? Oder gar etwas drit­tes?

Gewiss tech­no­lo­gi­sche Ver­än­de­run­gen, zumal in den Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Ver­kehrs­mit­teln: von der Eisen­bahn bis zum Inter­net. Und danach zual­ler­erst: die Dyna­mik sozia­ler Bewe­gun­gen, also von Men­schen, die mit den bestehen­den Ver­hält­nis­sen unzu­frie­den sind, die mehr Frei­heit und Gleich­heit, Selbst­be­stim­mung und Par­ti­zi­pa­ti­on ein­for­dern und das laut­stark und gemein­schaft­lich tun, in klu­gen Tex­ten und mehr noch im prak­ti­schen Han­deln, ob in der Revo­lu­ti­on von 1848 oder der 68er-Bewe­gung, oder in der heu­te wei­ter­trei­ben­den Bewe­gung für die Rech­te von Min­der­hei­ten, für glo­ba­le Gerech­tig­keit und vie­les mehr. Das führt zu Kon­flik­ten, zu kom­pli­zier­ten Aus­hand­lungs­pro­zes­sen. Und nicht immer haben die Ver­än­de­rer recht, oder kann alles auf ein­mal und um jeden Preis erreicht wer­den. Letz­te­res schon gar nicht, da sind und blei­ben wir gebrann­te Kin­der des 20. Jahr­hun­derts: nicht zuletzt Lenins und der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on. Die Beglü­ckung der Men­schen oder ein radi­ka­ler Gleich­heits­an­spruch darf die Frei­heit nicht ein­schrän­ken oder abschaf­fen, und schon gar nicht buch­stäb­lich über Lei­chen gehen. Ob man den Wan­del noch, wie das der klas­si­sche Libe­ra­lis­mus und erst recht der Sozia­lis­mus getan haben, als ziel­ge­rich­te­ten „Fort­schritt“ beschrei­ben kann, ist schwer zu sagen. Oft müs­sen wir zufrie­den sein, uns ganz gut an neue Bedin­gun­gen anzu­pas­sen. Aber trotz aller Gegen­be­we­gun­gen, wie sie sich zur Zeit im Popu­lis­mus bün­deln: Eine gro­ße Regres­si­ons­be­we­gung, einen Wan­del als Abstieg und Ver­lust­ge­schich­te, ver­mag ich jeden­falls in den west­li­chen Gesell­schaf­ten des frü­hen 21. Jahr­hun­derts nicht zu erken­nen.

 

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Paul Nol­te ist Pro­fes­sor am Fried­rich-Mein­ecke-Insti­tut der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. Von ihm sind unter ande­rem erschie­nen: Ris­kan­te Moder­ne. Die Deut­schen und der neue Kapi­ta­lis­mus (C.H.Beck, 2006); Demo­kra­tie. Die 101 wich­tigs­ten Fra­gen (C.H. Beck, 2015)