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Vom Oasenmenschen zum Wüstenvagabunden – ein Essay

Vom Oasenmenschen zum Wüstenvagabunden

Leben Sie noch in der Oase oder schon in der Wüste? Das ist gar nicht mehr so einfach zu sagen, da angesichts des gesellschaftlichen Sinndefizits immer weniger Raum für ein erquickliches Oasenleben bleibt. Eine „blutige, tiefe Wunde“ öffnet sich zusehends zwischen den weniger werdenden „Oasenmenschen“, die sich ein gesundes und sinnvolles Weiterleben leisten können, und den vielen „Wüstenmenschen“, die mit ihrer Perspektivlosigkeit allein gelassen sind, sagt Frithjof Bergmann im Gespräch mit agora42.

Der Boden wankt, alles steht infrage. Eine diffuse Angst breitet sich aus, der säkularisierte Mensch hofft auf ein Wunder. Klar, dass da immer mehr Menschen ihrem Unmut Luft machen und Köpfe rollen sehen wollen. In Zeiten der Ungewissheit gehört die Straße dem Mob mit seinen einfachen Feindbildern und Hau-Drauf-Lösungen. Er bringt das Krisengefühl ins Wohnzimmer und räumt endgültig mit der Wohlstandsillusion auf. Doch der gefürchtete Rechtsruck wird im Niemandsland verpuffen: Hier richten Abgehängte ihre Kraft gegen diejenigen, die längst verloren haben. Das erregt Aufsehen, bringt aber keine Veränderung. Eine Revolution sieht anders aus. Sie richtet sich nicht gegen Menschen, sondern gegen Verhältnisse, die Menschen gegeneinander ausspielen. Sie trägt den Glauben im Herzen, dass die Welt schöner sein kann und schöpft ihre Kraft nicht aus Wut und Enttäuschung, sondern aus Daseinsfreude und Verbundenheit.

Also, warum regen sich so wenige über die Verhältnisse auf ? Ich meine so richtig, wild und wütend, laut und kraftvoll? Aus Angst vor der ruhigen Stimme des Psychiaters, der einem die Zurechnungsfähigkeit abspricht und damit jede Souveränität nimmt? Der überarbeitete Paketbote, die auf Sicht fahrende Merkel oder der unzuverlässige Mitarbeiter werden zwar ins Visier genommen, aber man weiß doch, dass ein anderer Paketbote, Bundeskanzler oder Mitarbeiter auch keine Veränderung bringen würde. Fehlen uns die Worte und Mittel, unseren Unmut über Systeme, Strukturen und Verhältnisse zu äußern? Hinter vorgehaltener Hand wird der wütende Aufschrei zu einem leisen Maulen, man übt sich darin, nichts persönlich zu nehmen, die Welt meditierend zu ertragen, sich selbst zu beschwichtigen. Dabei ist alles doch ganz furchtbar persönlich! Kein Roboter, kein System, kein Unternehmen wird unter den kommenden Wirtschafts- und Umweltkrisen leiden, sondern der Mensch. Wir sind es, die Wohnraum nicht mehr bezahlen können, obwohl wir ihn zum Leben brauchen, deren Sicherheiten schwinden und Lebensgrundlagen vergiften, deren Halt und Sinn ins Wanken gerät. „Kämpfe sind nicht falsch, nur weil die Ziele momentan unrealistisch erscheinen“ findet Hanna Poddig und Carlos García-Sancho ermutigt dazu, „ein bisschen revolutionäre Luft“ zu atmen und die Frage zu stellen, „ob nicht ein anderes Leben, eine andere gesellschaftliche Wirklichkeit möglich ist“.

Tanja Will
Tanja Will macht das Magazin agora42. In der aktuellen Ausgabe leitet ihr Essay die Rubrik zum Thema „Leben“ ein.

1922 sangen die Menschen im Angesicht der Krise: „Wir versaufen uns‘rer Oma ihr klein‘s Häuschen und die erste und die zweite Hypothek“. In der heutigen Krise singt niemand mehr. Stattdessen nennen zwei junge Musiker ihr Debütalbum „Sadnecessary“ – eine Verbindung der Wörter sadness (Traurigkeit) und necessary (notwendig). Es wird ein weltweiter Überraschungserfolg. Warum ist es notwendig, traurig zu sein? Weil wir Abschied nehmen vom schöpferischen Größenwahn und erkennen, dass jeder Fortschritt zugleich ein Rückschritt ist? Zukünftige Entscheidungen werden nicht danach beurteilt werden, ob sie richtig, gut oder gerecht sind. Sie werden schlicht notwendig sein – und Entbehrungen für jeden Einzelnen bedeuten. „Die Zukunft, an die wir glauben können, die kostet uns etwas“, fasst Heinz Bude zusammen. Mit den Gefühlen der Melancholie und Angst bereitet sich vor allem die jüngste Generation auf diese Verluste vor – und findet zu einer neuen Leichtigkeit, die das bittersüße Leben ohne Gepäck und Zukunft mit sich bringt.

Aber lesen Sie selbst!

Die aktuelle Ausgabe versammelt Gespräche, die wir in den letzten neun Jahren mit unterschiedlichen Persönlichkeiten geführt haben.

Mit dabei sind u.a.:

RICHARD DAVID PRECHT  – MARGARETE MITSCHERLICH – ULRIKE HERRMANN – FRITHJOF BERGMANN – HANNA PODDIG – HEINZ BUDE – GESINE SCHWAN – REINHOLD MESSNER

 

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