Wer die Welt in Ordnung bringen will, gehe zuerst durchs eigene Haus“ – Interview mit Fräulein Ordnung

Wer die Welt in Ordnung bringen will, gehe zuerst durchs eigene Haus“

Inter­view mit Deni­se Col­quhoun ali­as Fräu­lein Ord­nung

Anlässlich der neuen agora42 zum Thema ORDNUNG haben wir Denise Colquhoun einige Fragen gestellt. Im Interview spricht sie über die Schwierigkeit, Dinge wegzuwerfen, Schränke, Schubladen und Minimalismus sowie die Bedeutung von Ordnung für ein friedliches Miteinander.

 

Frau Col­quhoun, auf Ihrem Blog schrei­ben Sie “Wenn man Ord­nung haben möch­te, muss man weg­wer­fen kön­nen”. Was ist so schwie­rig dar­an, sich von Din­gen zu tren­nen, die man kaum benutzt?

Wir Men­schen sind Jäger & Samm­ler. Da hat sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten nicht viel dran geän­dert. Und was man hat – das hat man! Din­ge fül­len also nicht nur unse­re Schrän­ke, son­dern auch unser Bedürf­nis nach Sicher­heit und Sta­tus, oft aber auch eine gro­ße Lee­re in uns.

Die­ses Gefühl, unse­ren Besitz nicht wie­der her­ge­ben zu wol­len, ist also tief in uns ver­wur­zelt. Das Argu­ment „Es hat doch mal viel Geld gekos­tet“ tut sein übri­ges. Nur wer den Mut fin­det, sich von unge­lieb­ten Din­gen auch wie­der zu tren­nen wird mer­ken, dass man die wenigs­ten Din­ge wirk­lich ver­misst.

Denise Colquhoun

ali­as Fräu­lein Ord­nung ist Blog­ge­rin und Wohn­raum­op­ti­mie­re­rin: Nach­dem sie als Chef­se­kre­tä­rin Ord­nungs­sys­te­me ken­nen- und lie­ben gelernt hat, berät sie heu­te Men­schen, die sich ein auf­ge­räum­te­res Leben wün­schen. fraeulein-ordnung.de

Ord­nung ist nie­mals gleich Ord­nung. Es gibt ver­schie­de­ne “Ord­nungs­ty­pen”. Wie äußern sich die­se ganz kon­kret?

Über die ver­schie­de­nen Ord­nungs­ty­pen mache ich mir ehr­lich gesagt weni­ger Gedan­ken. Mein Ziel ist es viel­mehr, den Men­schen indi­vi­du­ell zur Ord­nung zu hel­fen und zu gucken, wo das eigent­li­che Pro­blem liegt.

Jeder mei­ner Kun­den hat sei­ne ganz per­sön­li­che Geschich­te, so dass auch jeder Ein­satz anders ist. Des­halb habe ich auch kei­nen Mas­ter­plan in mei­ner Tasche, wenn ich mich auf den Weg zu einem neu­en Kun­den mache. Ich blei­be lie­ber offen, höre mir die Wün­sche der Kun­den an und freue mich, wenn wir am Ende mehr geschafft haben, als mei­ne Kun­den geplant oder erwar­tet hat­ten.

Manch­mal schaf­fen wir aber auch weni­ger, als ich mir gewünscht hät­te – doch so lan­ge mich die Kun­den mit einem guten Gefühl ver­ab­schie­den, bin auch ich zufrie­den.

 

Unord­nung ist nicht nur eine per­sön­li­che, son­dern auch eine zwi­schen­mensch­li­che Belas­tung – man den­ke nur an die Erb­schaft ver­ramsch­ter Kel­ler oder voll­ge­stell­ter Dach­bö­den. Ist Ord­nung die Basis für ein fried­li­ches Mit­ein­an­der?

Wer die Welt in Ord­nung brin­gen will, gehe zuerst durchs eige­ne Haus“, so lau­tet ein klu­ger Spruch aus Chi­na. Ich bin der vol­len Über­zeu­gung, dass Ord­nung ein wich­ti­ger Pfei­ler für mehr Glück und Zufrie­den­heit ist.

Mann über­le­ge nur mal, in wie vie­len Fami­li­en am Wochen­en­de dis­ku­tiert oder gestrit­ten wird über anfal­len­de Arbei­ten im Haus­halt und die herr­schen­de Unord­nung. Wie viel wert­vol­le Zeit geht dabei ver­lo­ren? Also ist es sehr zu emp­feh­len, weni­ger Din­ge anzu­häu­fen und dafür mehr Zeit für die schö­nen Din­ge im Leben zu haben.

 

Ist Ord­nung immer mini­ma­lis­tisch?

Auf kei­nen Fall! Ich ken­ne eine Fami­lie, die sehr mini­ma­lis­tisch scheint, doch bei einem Blick in die Schrän­ke bekom­me ich Schnapp­at­mung. Mini­ma­lis­mus ist das eine – Ord­nung das ande­re und muss nicht zwangs­läu­fig Hand in Hand gehen.

In mei­ner Küche ste­hen so vie­le Din­ge her­um, dass man die­sen Ort nicht mini­ma­lis­tisch nen­nen kann, doch die Ord­nung in mei­nen Schub­la­den ist immer 1A.

Tat­sa­che ist aber, je weni­ger Din­ge her­um­ste­hen, des­to schnel­ler ist eine schö­ne Ord­nung her­ge­stellt.

 

Die Gesell­schaft ins­ge­samt scheint zuneh­mend in Unord­nung zu gera­ten: Geset­zes­än­de­run­gen gehen am Leben vor­bei, Par­tei-Beschlüs­se sind zwar demo­kra­tie­kon­form, ver­kom­pli­zie­ren aber vie­le Abläu­fe, Büro­kra­tie und Ver­wal­tungs­auf­wän­de stei­gen und sinn­vol­ler Wan­del zu weni­ger Kon­sum, weni­ger Wachs­tum und mehr Nach­hal­tig­keit wird als uto­pisch abge­tan. Was ent­geg­nen Sie dem Pfad­ab­hän­gig­keits­ar­gu­ment: Es ist nicht zu ändern, das war schon immer so?

Erst ges­tern habe ich zu die­sem The­ma noch eine anre­gen­de Dis­kus­si­on geführt. Es ging um vega­ne Lebens­wei­se, was es bedeu­ten wür­de, wenn mehr Men­schen second-hand ein­kau­fen und aufs Fahr­rad umstei­gen wür­den und was das aktu­el­le Leben für nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Zukunft unse­rer Kin­der haben wird.

Ich füh­le mich rat­los, was die Poli­tik und die Macht der Wirt­schaft angeht und mache mir Sor­gen um unse­re maß­lo­se Ver­schwen­dung von Res­sour­cen. Ob wir das gan­ze über­haupt noch auf­hal­ten kön­nen? Ich wage es zu bezwei­feln und plä­die­re dafür, dass jeder im Klei­nen etwas tun soll­te!

So gehe ich schon seit Jah­ren mit mei­nem Ein­kaufs­beu­tel los und ver­zich­te auf Plas­tik­tü­ten. Sobald ich im Aus­land sehe, wie vie­le Schrit­te sie dort in Punk­to Nach­hal­tig­keit hin­ter­her hän­gen, wird mir wie­der Angst und Ban­ge.

Ein Satz auf mei­nem Blog lau­tet: „Kon­sum kann Unord­nung ver­ur­sa­chen“. Wer also sei­nen Kon­sum über­denkt und viel­leicht auch mal eine Kon­sum­pau­se ein­legt, tut damit nicht nur der Umwelt einen Gefal­len, son­dern kommt als Neben­ef­fekt der Ord­nung auch ein Stück näher.

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