Populistische Versprechungen sind nicht von Dauer – Interview mit Thorsten Hasche

Anlässlich der aktuellen Ausgabe haben wir ausgewählten Personen zum Thema LEITBILDER ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Thorsten Hasche.

 

Populistische Versprechungen sind nicht von Dauer

Interview mit Thorsten Hasche

 

Allerorten macht sich Orientierungslosigkeit breit (EU – wohin? Wachstum – ja, nein, wo? Nachhaltigkeit – wie?). Haben wir den Glauben an Leitbilder verloren, die früher Orientierung boten?

Thorsten Hasche

Dr. Thorsten Hasche arbeitet als Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Politikwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen. Er unterrichtet dabei u.a. in den Anfänger- und Aufbaumodulen der Bereiche Internationale Beziehungen, Politische Theorie und Ideengeschichte sowie im Rahmen des BA-Studiengangs Sozialwissenschaften.

Als politischer Theoretiker, der stark durch das Lebenswerk des deutschen Soziologen und Systemtheoretikers Niklas Luhmanns geprägt ist, möchte ich an dieser Stelle eine zweistufige Antwort geben. Erstens sollte die Bindungskraft von gesellschaftlichen Leitbildern nicht überschätzt werden, in dem Sinne, dass diese zu bestimmten Zeiten eine voll umfängliche Orientierung für individuelle Menschen, politische Bewegungen oder gesellschaftliche Kräfte geboten hätten. Leitbilder wirken durchaus und sie können gesellschaftliche Kräfte bündeln, aber der Anschein ihrer umfänglichen Bildungskraft ist in der Regel eine retrospektive Konstruktion, die immer dann eintritt, wenn Leitbilder sich wandeln, sie brüchig werden. Zweitens bedeutet dies, dass die in der BRD aktuell so wirkmächtige Imagination eines stabilen Deutschlands, etwa zur Hochphase des Kalten Krieges, vor allem dem Wunsch nach Stabilität Ausdruck verleiht. Doch würde man nun einen Blick in die Archive öffentlicher Debatten der 70er und 80er Jahre wagen (RAF-Terrorismus, Angst vor dem Atomkrieg, Super-GAU in Tschernobyl etc.), zeigte sich wieder nur die retrospektiv wirksame Stabilität eines Leitbildes, welches es so, wie derzeitig imaginiert, wohl nie gegeben hat.

 

Klare Leitbilder versprechen klare Orientierung. So helfen Leitbilder in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft handlungsfähig zu bleiben. Bricht also eine Zeit der Auseinandersetzung um neue Leitbilder an? Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass allzu einfache (populistische) Lösungen propagiert werden. Ist also die Zeit der Leitbilder in einer modernen Gesellschaft, von der erwartet wird, stets konsensfähig und offen zu sein, vorbei?

Wichtig ist an dieser Stelle das Verb „versprechen“. Leitbilder sind keine festen gesellschaftlichen Größen, sondern sehr stark abhängig von dem Vertrauen, dass Personen oder Personengruppen ihnen entgegenbringen. Gelingt dieses „Versprechen“, geben Leitbilder auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen Orientierung. Sie wirken somit stabilisierend und beruhigend. Umso chaotischer wirken dann Phasen großflächiger gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Dies ist derzeit vor allem der sich fortsetzende Globalisierungsprozess, der sowohl die Fundamente der EU seit dem Brexit erschüttert und gleichsam mit den gewaltsamen Konflikten in Nordafrika und Westasien (umgangssprachlich „Naher Osten“) Migrationsbewegungen unbekannten Ausmaßes in Gang gesetzt hat. Wenn solchen Prozessen weder das Erfolgsnarrativ einer fortschreitenden europäischen Integration noch dasjenige einer fassbaren nationalen Identität entgegengesetzt werden kann, können populistische, also per se reduktionistisch angelegte Leitbilder, ein neues Ordnungsversprechen abgeben. Doch streng genommen ist zu erwarten, dass die gegenwärtige Hochkonjunktur populistischer Versprechen abnehmen wird, da sie an sich unterkomplex angelegt sind und ihre Versprechungen in dem Moment in sich zusammenfallen müssten, da auch sie der sozialen Realität und ihrer Widersprüchlichkeiten nicht mehr gerecht werden. So ist zu konstatieren: Leitbilder kommen und gehen. Ihre Zeit ist nie vorbei, doch sind sie selten länger befriedigend und besteht gesellschaftlich stets ein Suchen nach neuen oder alten Leitbildern.

 

Welches Projekt oder welche Person würden Sie gerne stärker in der Öffentlichkeit vertreten sehen, weil es/sie für ein Leitbild steht, das Ihrer Ansicht nach wichtig für die Gesellschaft ist?

Politische Leitbilder in der BRD und in Europa stehen vor enormen Herausforderungen. Die liberale Hoffnung einer immer weiter wachsenden, offenen und supranationalen EU zerfällt aufgrund von Zentrifugalkräften bereits an ihrer östlichen und südlichen Peripherie und mit dem Brexit wackelt auch erstmals ihr historisch bedingtes, westeuropäisches Zentrum. Doch populistische und nationalistische Verheißungen können der multiethnischen und multireligiösen Realität der europäischen Länder nicht gerecht werden, vermögen nur kurzfristig befriedigen. Somit bräuchte Europa im Sinne des US-amerikanischen E pluribus unum – Aus Vielen Eines – ein neues Leitbild. Dieses sollte jedoch nicht nur die europäischen Gesellschaften, sondern auch die Länder südlich und östlich des Mittelmeeres verbinden können. Welthistorisch betrachtet sind die Länder nördlich, südlich und östlich des Mittelmeeres seit mehr als 2.000 Jahren miteinander verbunden. Doch anstatt der wechselseitigen Verbindungen, werden derzeit vor allem die kulturellen, politischen und religiösen Differenzen betont, geschürt und verstärkt. Diesem Trend der Ab- und Ausgrenzung müsste mit einem neuen Leitbild eines umfassenden Mittelmeerraumes entgegengewirkt werden. Solche Stimmen gab es, gerade in den 1990er Jahren, doch sind sie derzeit zu Unrecht verstummt.

wbernhardt