POST-CONCEPTUAL ART PRACTICES Kunst und Gesellschaft

Aus der Rubrik LAND IN SICHT aus der aktu­el­len Aus­ga­be.

Ein Euro­pa ohne Wien, kann man sich so etwas vor­stel­len? Könn­te man über­haupt von „Euro­pa“ spre­chen, hät­te es Wien als Boll­werk gegen die Osma­nen nicht gege­ben? Wie wäre es um das euro­päi­sche Selbst­ver­ständ­nis bestellt ohne die zahl­rei­chen kul­tu­rel­len Schöp­fun­gen, die in Wien ent­stan­den sind? Zuletzt kamen aus der geschichts­träch­ti­gen Stadt jedoch weni­ger ruhm­rei­che Schlag­zei­len.

So fin­det in Wien – genau­er: in der Wie­ner Hof­burg – der Aka­de­mi­ker­ball statt, der sich in den letz­ten Jah­ren als Ver­net­zungs­tref­fen für Euro­pas rech­te Par­tei­en her­aus­ge­bil­det hat.
Nun liegt nicht all­zu weit von der Wie­ner Hof­burg die Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te, eine der ältes­ten Kunst­aka­de­mi­en Euro­pas. Was hat das eine mit dem ande­ren zu tun? Eigent­lich nichts, so dach­ten zumin­dest die Stu­den­ten der Kunst­aka­de­mie, die auch am 24. Janu­ar 2014 nichts ahnend in die Uni gin­gen. Doch ehe sie sich ver­sa­hen, waren sie von Poli­zei­be­am­ten in Voll­mon­tur ein­ge­kes­selt. War­um das? Die­se Poli­zis­ten waren ursprüng­lich vor der Hof­burg pos­tiert, um die Besu­cher des Aka­de­mi­ker­balls vor Über­grif­fen durch Demons­tran­ten zu schüt­zen. Laut Aus­sa­ge der Poli­zei waren aber eini­ge gewalt­be­rei­te Demons­tran­ten in der Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te geflüch­tet. Bis die­se gefasst wären, durf­te kei­ner das Gebäu­de ver­las­sen.

Die­ses Ereig­nis war nur ein klei­ner Vor­fall am Ran­de des Aka­de­mi­ker­balls, der es zwar nicht in die öffent­li­che Bericht­erstat­tung schaff­te, aber unter den Stu­den­ten der Aka­de­mie zu einer Dis­kus­si­on über das Selbst­ver­ständ­nis von Kunst führ­te. Dass Kunst sich nicht von poli­ti­schen The­men fern­hal­ten darf, fin­det auch die Lei­te­rin des Fach­be­reichs Kon­zep­tio­nel­le Kunst der Aka­de­mie, die Künst­le­rin und Phi­lo­so­phin Prof. Dr. Mari­na Grzi­nic, die den Fach­be­reich jüngst in Post-Con­cep­tu­al Art Prac­tices (PCAP) umbe­nann­te und damit des­sen pro­gres­si­ve Aus­rich­tung unter­strich: Kunst ist in ihren Augen nicht eine „unschul­di­ge“ Zur­schau­stel­lung von Bil­dern und Wis­sen. Viel­mehr eig­net sich Kunst dazu, prä­zi­se Ana­ly­sen der Gesell­schaft zu lie­fern. Eine dring­li­che Auf­ga­be der Kunst muss es daher sein, poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen auf­zu­grei­fen und die Ver­bin­dung zwi­schen Kunst und kul­tu­rel­len, sozia­len und poli­ti­schen Sphä­ren zu über­den­ken. Dazu wur­de auch die künst­le­ri­sche Aus­bil­dung neu gestal­tet. So sol­len nicht nur bestimm­te Fer­tig­kei­ten antrai­niert und wei­ter­ge­ge­ben, son­dern ein­ge­fah­re­ne Per­spek­ti­ven und Aus­drucks­wei­sen hin­ter­fragt wer­den. Für die Aus­bil­dung bedeu­tet das nicht weni­ger, als dass von den Stu­die­ren­den selbst eine gesell­schafts­kri­ti­sche poli­ti­sche Wir­kungs­macht ihrer Kunst­wer­ke gefor­dert wird.

Die rech­ten Par­tei­en des Aka­de­mi­ker­balls haben in den Stu­die­ren­den unter Frau Prof. Dr. Grzi­nic ihre krea­ti­ven Gegen­spie­ler gefun­den. Auf der Werk­schau der PCAP wer­den Ras­sis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung in scho­nungs­lo­sen Kunst­wer­ken ent­tarnt und ver­ur­teilt. The­men wie die „Fes­tung Euro­pa“, der glo­ba­le Kapi­ta­lis­mus, die Demo­kra­tie west­li­cher Prä­gung und der Impe­ria­lis­mus oder der Umgang mit Migra­ti­on bewe­gen die ange­hen­den Künst­ler. Damit sind die Leit­ide­en Euro­pas – Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit – neu ver­or­tet: In Wien ist wie­der ein Boll­werk ent­stan­den, dass rech­tem Gedan­ken­gut den Vor­marsch ver­wehrt.

wbernhardt