Ich bevorzuge die positive Kraft des negativen Denkens” – Interview mit Reinhard K. Sprenger

Ich bevorzuge die positive Kraft des negativen Denkens”

Inter­view mit Rein­hard K. Spren­ger

 

Herr Spren­ger, frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Brau­chen wir in Zukunft mehr oder weni­ger staat­li­che Regle­men­tie­run­gen?

Dr. Rein­hard K. Spren­ger ist Autor zahl­rei­cher Manage­ment-Bücher. Zuletzt erschien Radi­kal Digi­tal. Weil der Mensch den Unter­schied macht (DVA-Ver­lag, 2018).

Jede Regel ist Frei­heits­ent­zug. Gleich­zei­tig ermög­licht sie Frei­heit. Die­se Para­do­xie ist unhin­ter­geh­bar. Für Kant war ja Anar­chie das selbst­ge­setz­li­che, geord­ne­te Zusam­men­le­ben. Den­noch soll­te sich der Staat nicht an einer posi­ti­ven Ethik ori­en­tie­ren, son­dern an einer nega­ti­ven. Er soll­te nicht ver­su­chen, das Gute zu erstre­ben (wie etwa Lohn­gleich­heit), son­dern das Schlech­te zu ver­hin­dern: „Was du nicht willst, dass man dir tue…“. Denn das Schlech­te ist immer schlecht, wäh­rend das Gute sel­ten nur gut ist. Und das Schlech­te ist kon­kre­ter, von gerin­ge­rer Anzahl und mit einem „Du sollst nicht….“ ein­deu­ti­ger ein­klag­bar. Die Suche nach dem Guten soll­ten wir den Indi­vi­du­en über­las­sen.

 

Vie­le Men­schen füh­len sich heu­te zu etwas gezwun­gen, was sie nicht mögen: ob lan­ge Über­stun­den, sinn­lo­se Arbeit, stän­di­ger Kon­sum­zwang oder ein Leben in über­füll­ten Städ­ten – Unzu­frie­den­heit macht sich breit über die “Gesell­schaft” ohne genau zu ver­ste­hen, was damit gemeint ist und wie sie wirkt. Wie kann man als Teil von etwas leben, was man nicht ver­steht?

Ent­schul­di­gen Sie – dies­mal bin ich es, der etwas nicht ver­steht. Näm­lich Ihre Fra­ge. Das Leben war noch nie „ver­steh­bar“ in einem fun­da­men­ta­len Sin­ne. Ver­ste­hen ist in die­sen Dimen­sio­nen das Hin­zu­fü­gen von Sinn. Nicht das Be-Grei­fen eines poten­zi­ell vor­find­ba­ren Sinns. Es ist Akti­vi­tät des Indi­vi­du­ums; ohne sein Hin­zu­tun ist es onto­lo­gisch obdach­los. Wenn es hin­ge­gen stimmt, dass Men­schen heu­te unzu­frie­de­ner sind als frü­her, dann ist das mul­tik­au­sal. Zwei­fel­los sind die Ansprü­che an ein gelun­ge­nes Leben gestie­gen, das Frei­heits-Para­dox lässt uns über die vie­len unge­leb­ten Leben kla­gen, und die mul­ti­me­di­al indu­zier­te Ver­gleich­bar­keit aller Lebens­be­din­gun­gen lässt uns über das Grün in Nach­bars Gar­ten ver­zwei­feln. Dabei soll­te die Unent­rinn­bar­keit unse­rer Sterb­lich­keit uns hei­ter sein las­sen, das war schon Nietz­sches Weg­wei­sung.

 

Ist die Mäßi­gung der ent­schei­den­de Schritt zur Befrei­ung von all­täg­li­chen Zwän­gen und “alter­na­tiv­lo­sen” Wirt­schafts­wei­sen?

Der ent­schei­den­de Schritt ist Les­sings unbe­streit­ba­re Bot­schaft: „Nie­mand muss müs­sen.“ In einem star­ken Sin­ne ist nie­mand gezwun­gen, irgend­et­was zu tun. Er will es immer. Des­halb tritt Sene­ca hin­zu: „Nicht wol­len ist der Grund, nicht kön­nen nur ein Vor­wand.“ Und es gibt immer eine Alter­na­ti­ve. Aller­dings ist die nicht kos­ten­los zu haben. Wie hoch der Preis aber ist, den der Ein­zel­ne zu zah­len bereit ist, ist nur von ihm selbst zu ent­schei­den. Lei­der leben vie­le Men­schen so, als hät­ten sie noch ein zwei­tes Leben im Ruck­sack. Aber auch das ist selbst­ge­wählt.

 

Wel­che poli­ti­sche Bewegung/Idee Euro­pas sind für Sie der­zeit am viel­ver­spre­chends­ten im Hin­blick auf eine lebens­wer­te Zukunft?

Wie gesagt, ich bevor­zu­ge die posi­ti­ve Kraft des nega­ti­ven Den­kens. Ich kann Ihnen nur sagen, wel­che poli­ti­sche Bewe­gun­gen ich für beson­ders schäd­lich hal­te: Alle jene, die die Ambi­gui­tät der Wer­te ver­nich­ten wol­len, die Ein­deu­tig­keit behaup­ten, die die Viel­falt redu­zie­ren wol­len, die uns von Aris­to­te­les ablen­ken und der Stoa zuwen­den wol­len (Dobel­li), die das Iden­ti­tä­re glau­ben erken­nen zu kön­nen. Die Zukunft wird mehr­deu­tig, unscharf und inso­fern frei sein – oder sie wird nicht sein.