SAMARITA – Solidargemeinschaft im Gesundheitswesen

Aus der Rubrik LAND IN SICHT der aktu­el­len Aus­ga­be BEFREIUNG. In der Rubrik stel­len wir Unter­neh­men oder zivil­ge­sell­schaft­li­che Pro­jek­te vor, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.

Samarita – Solidargemeinschaft im Gesundheitswesen

 

Wenn man krank ist, geht man zum Arzt. Ist man – wie etwa 72 Mil­lio­nen Deut­sche – gesetz­lich ver­si­chert, zückt man die Ver­si­cher­ten­kar­te und lässt sich behan­deln. Soweit so gut. Doch oft müs­sen gesetz­lich Ver­si­cher­te wochen­lang auf einen Ter­min war­ten. Für Ärz­te ist es pro­fi­ta­bler, bevor­zugt Pri­vat­pa­ti­en­ten – rund neun Mil­lio­nen Deut­sche – zu behan­deln. Seit den 1990er Jah­ren ist außer­dem der Anteil pri­va­ter Kran­ken­häu­ser, die einen Pro­fit erwirt­schaf­ten müs­sen, rapi­de ange­stie­gen. Im Jahr 2004 wur­de dann ein Sys­tem ein­ge­führt, das es pro­fi­ta­bler macht, wenn im Kran­ken­haus eine höhe­re Anzahl an Pati­en­ten behan­delt wird. So stie­gen die Pati­en­ten­zah­len in den letz­ten 20 Jah­ren um rund 20 Pro­zent, wohin­ge­gen im sel­ben Zeit­raum etwa acht Pro­zent der Stel­len in deut­schen Kran­ken­häu­sern abge­baut wur­den.

Eine Ori­en­tie­rung am Bedarf der Pati­en­ten fin­det immer weni­ger statt. Die Sama­ri­ta Soli­dar­ge­mein­schaft wur­de 1997 mit dem Ziel gegrün­det, die­ser Ent­wick­lung etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Sie zählt heu­te rund 320 Mit­glie­der. Neben der pri­va­ten und gesetz­li­chen Ver­si­che­rung ist sie eine drit­te und kaum bekann­te Mög­lich­keit, sich im Krank­heits­fal­le abzu­si­chern. Das funk­tio­niert so, dass vom Bei­trag, der sich am jewei­li­gen Ein­kom­men bemisst, die Hälf­te auf ein indi­vi­du­el­les Kon­to über­wie­sen wird und die ande­re Hälf­te in einen Soli­dar­fonds fließt. Vom indi­vi­du­el­len Kon­to wer­den klei­ne­re Aus­ga­ben bezahlt, im Fal­le einer schwe­re­ren Krank­heit greift der Soli­dar­fonds. Dies geschieht nicht nach einem Leis­tungs­ka­ta­log, son­dern ori­en­tiert sich am jewei­li­gen Bedarf der Per­son. Zusätz­lich sind alle Risi­ken über 5000 Euro pro Per­son und Jahr über eine pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung abge­deckt.

Die Sama­ri­ta orga­ni­siert sich außer­dem im Dach­ver­band der BASSG, in dem sich vier Soli­dar­ge­mein­schaf­ten im Gesund­heits­we­sen mit rund 8.000 Mit­glie­dern zusam­men­ge­schlos­sen haben. Aller­dings gibt es bei der Sama­ri­ta seit dem Jahr 2016 einen Auf­nah­me­stopp, da der Sta­tus von Soli­dar­ge­mein­schaf­ten im Gesund­heits­sys­tem noch nicht abschlie­ßend geklärt ist. Es bleibt des­halb zu hof­fen, dass die geleb­te Soli­da­ri­tät der Sama­ri­ta auch in Zukunft Bestand haben wird.

 

Mehr dazu unter samarita.de

Nach­ge­fragt bei Urban Vogel, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Sama­ri­ta Soli­dar­ge­mein­schaft

 


Wie ist die Idee zur Sama­ri­ta Soli­dar­ge­mein­schaft ent­stan­den?

Wir hat­ten damals gera­de die Fir­ma Ande­re Wege gegrün­det, die zunächst pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­run­gen ver­mit­telt hat. Dann haben wir gese­hen, was pas­siert, wenn ein Mensch schwe­rer erkrankt und eine pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung ver­sucht, ihn los­zu­wer­den. Des­halb war für uns klar: Gegen­sei­ti­ge Hil­fe darf kein Busi­ness-Modell sein. Es geht um den Men­schen und nicht um das Geschäft. Ärz­te brau­chen The­ra­pie­frei­heit und es soll­te ihnen mög­lich sein, ihrer eigent­li­chen Tätig­keit nach­zu­ge­hen – ohne wirt­schaft­li­che Beein­flus­sung. Heu­te wer­den im Kran­ken­haus vie­le Behand­lun­gen unter dem Aspekt der Wirt­schaft­lich­keit durch­ge­führt. Uns hin­ge­gen war die Fra­ge der Soli­da­ri­tät wich­tig. Wenn ein Mensch erkrankt, braucht er Zuspruch in über­schau­ba­ren Gemein­schaf­ten.

 

Ihnen wer­den bei die­sem Vor­ha­ben vie­le Stei­ne in den Weg gelegt. War­um?

Im Jahr 2007 wur­de die Ver­si­che­rungs­pflicht ein­ge­führt. Da wir kei­ne Ver­si­che­rung sind, haben wir uns an den Gesund­heits­aus­schuss gewandt und unse­ren genos­sen­schaft­li­chen Ansatz prä­sen­tiert. Die Abge­ord­ne­ten sowie die dama­li­ge Staats­se­kre­tä­rin im Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um haben dann ver­lau­tet, dass funk­tio­nie­ren­den Ein­rich­tun­gen nicht der Boden ent­zo­gen wer­den soll, sofern sie gewis­se Qua­li­täts­kri­te­ri­en erfül­len. Gemein­sam mit dem GKV-Spit­zen­ver­band wur­den die­se dar­auf­hin erar­bei­tet und soll­ten 2009 auch mit dem PKV-Ver­band abge­stimmt wer­den. Die­ser lehn­te jedoch die Kri­te­ri­en ab und eine Eini­gung war in Fol­ge des Regie­rungs­wech­sels mit dem Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um nicht mehr mög­lich. Der stell­ver­tre­ten­de Direk­tor des Ver­ban­des pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­run­gen wech­sel­te dann nach der Wahl als Abtei­lungs­lei­ter ins Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um und hat uns nahe­ge­legt, eine pri­va­te Ver­si­che­rung zu wer­den, was natür­lich unse­ren Wert­vor­stel­lun­gen wider­spricht.

 

Eine Ver­si­che­rungs­kun­din, die ger­ne zur Sama­ri­ta wech­seln möch­te, aber nicht darf, hat sogar geklagt. Hat­te sie damit Erfolg?

Die Bar­mer ver­wei­ger­te ihrem Mit­glied den Wech­sel zur Sama­ri­ta. Es klag­te dage­gen und dar­aus ent­wi­ckel­te sich ein Mus­ter­pro­zess. Die Haupt­fra­ge war, ob es bei uns einen Rechts­an­spruch auf Leis­tung gibt. Wir sichern uns per Sat­zung eine gegen­sei­ti­ge, umfas­sen­de Kran­ken­ab­si­che­rung zu, aller­dings ohne die Ein­schrän­kung eines Leis­tungs­ka­ta­logs, der die The­ra­pie­frei­heit behin­dert. Das Gan­ze ging bis zum Bun­des­so­zi­al­ge­richt, wel­ches lei­der kei­ne Ent­schei­dung in der Sache gefällt hat. Doch jetzt gibt es erfreu­li­che Nach­rich­ten, denn vor weni­gen Tagen hat die Bar­mer ihrem Mit­glied nun doch erlaubt, zur Sama­ri­ta zu wech­seln. Nach neun Jah­ren kön­nen wir die Frau end­lich als Mit­glied begrü­ßen. Die Bar­mer hat uns daher de fac­to als ander­wei­ti­ge Absi­che­rung im Krank­heits­fall aner­kannt. Die­se Aner­ken­nung kann es dem Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um erleich­tern, die Qua­li­täts­kri­te­ri­en für Soli­dar­ge­mein­schaf­ten nun bald zu ver­öf­fent­li­chen.

 

War­um ist die Sama­ri­ta den pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen so ein Dorn im Auge?

Es ist rät­sel­haft, beson­ders, wenn Sie sich die Grö­ßen­ver­hält­nis­se anschau­en. Viel­leicht befürch­ten sie Kon­kur­renz. Aber es bleibt für mich nicht nach­voll­zieh­bar, dass dort so ein gro­ßer Wider­stand vor­han­den ist. Trotz­dem tre­ten wir für eine ande­re Art des Wirt­schaf­tens ein und unser wich­ti­ger Impuls ist die Soli­da­ri­tät.

wbernhardt