Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen” – Peter Schaar im Interview

Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen”

Peter Schaar im Interview über schubsende Algorithmen und den Verlust der Privatsphäre

 

Herr Schaar, wel­che Hoff­nun­gen ver­bin­den Sie mit der Digi­ta­li­sie­rung? Was ist ihre größ­te Errun­gen­schaft? 

Digi­ta­le Tech­ni­ken erleich­tern vie­le Din­ge, die unse­ren All­tag aus­fül­len. Sie ste­hen damit in der Tra­di­ti­on tech­ni­scher Inno­va­tio­nen, prin­zi­pi­ell seit der Stein­zeit statt­fin­det. Dies ist grund­sätz­li­ch posi­tiv, jeden­falls dann, wenn wir von den neu­en Mög­lich­kei­ten sinn­voll Gebrauch machen und die Neben­wir­kun­gen im Bli­ck behal­ten. Mit Sor­ge erfül­len mich ins­be­son­de­re das Tem­po, mit dem die Digi­ta­li­sie­rung sich durch­setzt und die Sorg­lo­sig­keit beim Umgang mit ihr. Die damit ein­her­ge­hen­den Risi­ken wer­den viel­fach aus­ge­blen­det, sowohl im Hin­bli­ck auf den Ver­lust der Pri­vat­sphä­re als auch im Hin­bli­ck auf die man­geln­de Zuver­läs­sig­keit und die Ver­letz­lich­keit der Sys­te­me.

 

Per­sön­li­che Daten gehen durch glo­ba­le Netz­wer­ke und gelan­gen poten­ti­ell auch in die Hän­de Drit­ter. Wel­che Aus­wir­kung hat dies auf die Gesell­schaft und die Rech­te des Ein­zel­nen?

Peter Schaar war von 2003 bis 2013 Bun­des­be­auf­trag­ter für den Daten­schutz und die Infor­ma­ti­ons­frei­heit. Seit 2013 ist er der Vor­sit­zen­de der Euro­päi­schen Aka­de­mie für Infor­ma­ti­ons­frei­heit und Daten­schutz (EAID). Für sein Buch “Das Ende der Pri­vat­sphä­re” wur­de Schaar 2008 von der Fried­rich-Ebert-Stif­tung aus­ge­zeich­net. Bild: Wiki­pe­dia, Alex­an­der Klink, CC-BY 3.0

Wenn mit den tra­di­tio­nel­len Instru­men­ten des Daten­schut­zes kon­kre­te Miss­brauchs­fäl­le ver­hin­dert wer­den kön­nen, ist das zwar erst­mal gut, reicht aber ange­sichts der alle Berei­che durch­drin­gen­den Digi­ta­li­sie­rung bei wei­tem nicht aus. Schon jetzt sehen wir, dass immer mehr Daten bei sehr weni­gen Unter­neh­men und mäch­ti­gen Geheim­dienst­zen­tra­len zusam­men­lau­fen. Die­ses struk­tu­rel­le Pro­blem ist bis­her nicht gelöst, denn die Ent­wick­lung läuft wei­ter­hin auf immer grö­ße­re Macht­kon­zen­tra­ti­on in weni­gen Hän­den hin­aus. Die Men­schen – aber auch klei­ne­re Unter­neh­men – wer­den dadurch für die gro­ßen Platt­form­an­bie­ter und ggf. auch für staat­li­che Stel­len sehr trans­pa­rent, wäh­rend nie­mand wirk­li­ch weiß, was mit die­sem Wis­sen geschieht. Infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung – ein Begriff, den wir in Deutsch­land syn­onym zum Ter­mi­nus “Daten­schutz” ver­wen­den –setzt aber vor­aus, dass der Ein­zel­ne dar­über infor­miert ist, wer was über ihn weiß. Wenn wir immer stär­ker von daten­ge­füt­ter­ten Algo­rith­men gesteu­ert oder geschub­st wer­den (Nud­ging), ent­steht ein erheb­li­cher Kon­for­mi­täts­druck. Die­ser zwei­fel­haf­te Effekt wird noch dadurch ver­stärkt, dass wir viel­fach nicht ein­mal wahr­neh­men, dass wir gera­de Gegen­stand einer auto­ma­ti­sier­ten Ent­schei­dung wer­den, oder von einer Ent­schei­dung, die zwar for­mell noch von einem Men­schen getrof­fen wird, die aber auf einem intrans­pa­ren­ten Score­wert beruht. Schließ­li­ch stellt sich die Fra­ge, inwie­weit wir unter der­ar­ti­gen Bedin­gun­gen zukünf­tig über­haupt noch frei ent­schei­den kön­nen.

 

Mit dem Aus­bau der Tech­nik wächst auch die Abhän­gig­keit von ihr. Best­sel­ler wie “Black­out” von Marc Els­berg zei­gen, dass das Unbe­ha­gen gegen­über lebens­wich­ti­gen High-tech-Ver­sor­gungs­sys­te­men wächst. Brau­chen wir mehr low-tech?

Wir dür­fen die Tech­nik nicht ein­fach lau­fen las­sen. Dort, wo nega­ti­ve Effek­te ein­ge­tre­ten oder zu befürch­ten sind, ist mehr gesell­schaft­li­che Ein­fluss­nah­me auf die Gestal­tung der Sys­te­me gefragt. In die­sem Zusam­men­hang ste­hen auch recht­li­che Regeln auf der Tages­ord­nung. Auf EU-Ebe­ne gibt es zum Glück eine neue Daten­schutz­ver­ord­nung, die in allen Mit­glieds­staa­ten gilt. Sie sieht bei ris­kan­ten Tech­ni­ken Daten­schutz­fol­gen­ab­schät­zun­gen vor und sie ver­pflich­tet Unter­neh­men und staat­li­che Stel­len dazu, Daten­schutz­me­cha­nis­men in früh­zei­tig die Sys­te­me zu inte­grie­ren (Pri­va­cy Byte Desi­gn). Eine sinn­vol­le Gestal­tungs­maß­nah­me kann auch ein Down­si­zing sein. Nicht jeder Gegen­stand, nicht jedes tech­ni­sche Sys­tem muss ver­netzt sein und nicht sämt­li­che Daten müs­sen zwangs­läu­fig in der Cloud lan­den. Zudem muss sich jeder Men­sch und jedes Unter­neh­men letzt­li­ch mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­zen, wie weit sie sich von ver­letz­li­chen Tech­ni­ken abhän­gig machen. Gera­de die Vor­fäl­le der letz­ten Wochen haben gezeigt, wel­che Kon­se­quen­zen sich aus einem ziem­li­ch besin­nungs­lo­sen Tech­nik­ein­satz erge­ben kön­nen.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Zen­tra­le Wer­te und auch Grund­rech­te unse­rer Gesell­schaft wer­den doch nicht des­halb obso­let, weil tech­ni­sche Sys­te­me es ermög­li­chen oder gar erfor­dern, davon abzu­wei­chen. Wir brau­chen des­halb eine sehr viel brei­te­re Debat­te dar­über, wie Tech­nik in unse­rer Gesell­schaft ein­ge­setzt wer­den soll. Dazu gehört auch ein bewuss­ter Abschied von Gewohn­hei­ten, die in den letz­ten Jah­ren ein­ge­ris­sen sind. Dazu gehört etwa der Wahn von der jeder­zei­ti­gen Erreich­bar­keit und Ver­füg­bar­keit.

 
 
 
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