Über blöden Komfort und falsche Helden – Wolfgang Schmidbauer

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Über blöden Komfort und falsche Helden

von Wolfgang Schmidbauer

 

Warum erkennen Menschen das Richtige, billigen es – und tun dann doch das Falsche? Diese Frage wurde viele hundert Jahre lang von Moralisten gestellt (Der römische Dichter Ovid schrieb: „Das Bessere seh ich und lob ich, Schlechterem folget das Herz.“) und bezog sich auf das Handeln von Individuen, die beispielsweise wissen, dass Ehebruch verboten ist, diese moralische Haltung auch gegenüber ihrem Partner vertreten – und dann fremd gehen. Heute beschäftigt uns angesichts des Widerspruchs zwischen gutem Wissen und schlechtem Tun weniger die Moral von Individuen als die Stabilität von Staaten, der Erhalt der Biosphäre, globale Energie- oder Schuldenkrisen.

 

Fast alle Konsumgesellschaften treiben Raubbau an der Gegenwart, verbrauchen mehr Rohstoffe und Energieträger, als nachwachsen, und zahlen die Zinsen für ihre Kredite durch neue Schulden. Wer einen kleinen Kredit haben will und keine Sicherheit bietet, geht leer aus; wer einen Staat führt und nicht die geringste Wahrscheinlichkeit geltend machen kann, dass er dessen Schuldenlast mindern wird, kann sich geraume Zeit hohe Summen leihen.

Wenn uns gegenwärtig unsere Intelligenz nicht daran hindert, Atomkraftwerke zu bauen, Tropenwälder zu roden und die Ozonhülle zu schädigen, dann zeigt das, dass die materiellen Strukturen, die solche Entwicklungen bedingen, stärker geworden sind als die menschliche Einsicht. Zu den dümmsten Aussagen über Technik gehört die, sie sei neutral, es komme darauf an, was der verantwortliche Mensch mit ihr mache. Neutral ist Technik nur, solange sie nicht vorgaukelt, es gäbe einen Gewinn an Macht ohne Kosten. In der Konsumgesellschaft wird Technik systematisch benützt, um süchtig zu machen; kommerziell erfolgreiche Waren beruhen weitgehend auf solchen Mechanismen.

 

“In der Konsumgesellschaft wird Technik systematisch benützt, um süchtig zu machen.”

 

In der Fabel Der Ziehbrunnen aus China lehnt ein weiser alter Mann den Hebelbrunnen ab, weil er fürchtet, durch seine Benutzung selbst wie eine Maschine zu funktionieren. Günter Anders hat in seinem Buch Die Antiquiertheit des Menschen (1956) diesen Gesichtspunkt der Ansteckung durch die Maschine um den Aspekt der Beschämung durch sie ergänzt. Seine Formulierungen über die „prometheische Scham“ beschreiben die Reaktion auf Produkte angehäufter, überindividueller menschlicher Erfindungskraft, vor der die eigenen Fähigkeiten kümmerlich erscheinen. Diese Einwände gehören in eine Zeit, in der sich das selbstkritische Individuum noch von den regressiven Reizen der Konsumgesellschaft abgrenzen konnte (Regression – hier: unbewusster Rückgriff auf kindliche Verhaltensmuster).

Heute überwiegen Verschmelzungen mit den Maschinen, deren übermenschliche Qualitäten schamlos zur Steigerung des eigenen Machtempfindens und der Verwöhnungsbedürfnisse dienen. Solange Automobile, Handys und Laptops komfortabler werden, sind wir abgelenkt nachzudenken, ob sie nicht prinzipiell unbekömmlich für den Menschen sind. In der Verschmelzung und Identifizierung mit scheinbar immer fortschrittlicheren Produkten ist das erschlichene Machtgefühl nicht mehr erkennbar. Der Konsument ist Sieger, wenn nicht über die düstere Zukunft, dann doch über die hoffnungslos rückständige Vergangenheit, in der beispielsweise ein Auto noch eine Handkurbel hatte, um es anzuwerfen, ein Motorrad mit einem Fußtritt gestartet wurde, ein Fotoapparat mithilfe eines Daumendrucks den Film transportierte oder eine Uhr aufgezogen wurde und nicht alle zwei Jahre eine Portion Batteriegift in die Umwelt entließ.

“In der Welt der stummen Diener ist es selbstverständlich, dass die kleinste Unbequemlichkeit von einem geräuschlosen Servomotor beseitigt wird.”

 

Wären sie nicht selbst Teilhaber an diesem selbstverständlichen Machtgewinn, dann würden die Intellektuellen und die Angehörigen helfender Berufe (Ärzte, Sozialarbeiter, Therapeuten etc.) öfter darauf hinweisen, wie wenig die Warenverwöhnungen auf die unausweichlichen Enttäuschungen des Lebens vorbereiten. Die Gefahr wächst, dass erträgliche, unter Umständen sogar entwicklungsfördernde Einschränkungen in der Konsumgesellschaft wie unerträgliche Frustrationen erscheinen, die nach sofortiger Rache schreien. Neue Kategorien wie Mobbing und Stalking signalisieren, dass es den Menschen schwerer geworden ist, Kränkungen zu verarbeiten. Schließlich ist es in der Welt der stummen Diener um uns herum selbstverständlich, dass die kleinste Unbequemlichkeit von einem geräuschlosen Servomotor beseitigt wird. In einem gesellschaftlichen Klima, das die eigene Bequemlichkeit zum sittlichen Gut erklärt, ist Vertrauen schwerer zu haben als alles andere. Dabei wirkt die Warenbotschaft nachhaltiger als die ethische Erziehung, die nach wie vor Gemeinwohl, Altruismus und Vertrauensbeziehungen betont.

Wer die regressiven Neigungen der Konsumenten fördert und ausbeutet, macht mehr Umsatz und kann mehr Geld in Reklame investieren, die den Absatz seines Schundes weiter steigert. Die Ware programmiert den Konsumenten. Angesichts einer Störung fällt ihm nichts ein, weil er weder weiß, wie sein Gerät funktioniert, noch dieses ihm irgendetwas beigebracht hat. Dumme Dinge sagen uns nichts über ihr Innenleben und helfen uns nicht, aus ihren Störungen zu lernen. Der Konsument soll sie wegwerfen und das nächste Produkt kaufen, ohne nachzudenken.

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Dieser Artikel ist erstmals in agora42 WOHLSTAND erschienen.

Wer heute mit Ärzten spricht, kommt bald auf ein Thema, das vielen engagierten, nicht primär am Gelderwerb interessierten Medizinern die Freude am Beruf vergällt. Patienten wollen zwar ihre Gesundheit wiederhaben, aber auf nichts verzichten. Der Doktor soll doch, wozu verfügt er über diese wunderbaren Apparate und Medikamente, die Depression wegzaubern, das Herz in Ordnung bringen, die chronische Bronchitis wegschaffen, aber bitte ohne eigenes Bemühen, ohne den Verzicht auf Zigaretten und Alkohol. Hat er nichts Angenehmes zu sagen? Dann kaufe ich mir einen anderen Experten! Der Medizin sind Leistungen möglich, die der menschlichen Mobilität in einem Zweisitzer mit Zwölfzylindermotor entsprechen – die dritte Herztransplantation, Operationen im Greisenalter, die Rettung von Unfallopfern, die dann ein halbes Menschenleben im Koma liegen. Dabei gerät aus dem Blick, dass der Verzicht auf Junkfood, Zuckergetränke und Genussgifte sowie mehr Bewegung nachweislich mehr für die Lebensqualität der Bevölkerung leisten als alle chirurgischen und medikamentösen Neuerungen. Wir haben längst angefangen, eine durch Alkoholismus bedingte Leberzirrhose durch die Transplantation eines neuen Organs zu „heilen“ und Fettsüchtige dadurch zu behandeln, dass ihnen ein Stück Dünndarm herausgeschnitten wird. Die Solidargemeinschaft der Versicherten inszeniert so ihre eigene Auflösung.

Weil das neue Auto über 230 Stundenkilometer schnell ist und einen Motor von jener Stärke hat, die sonst einen Omnibus bewegt, braucht es Antiblockiersysteme, Gurtstraffer, Airbags rundum, einen Seitenaufprallschutz und ein denkendes Fahrwerk. Um zu verhindern, dass die machtvoll getriebenen Reifen beim Anfahren verheizt werden, ist eine Antriebsschlupfregelung eingebaut. Wer sich auf diese faszinierende Absurdität einlässt, ist von vertrauten Problemen und vertrauten Lösungen umgeben; er fühlt sich in der Beschäftigung mit einer lebensgefährlichen Maschine, die seinen Kindern Erde und Luft wegnimmt, geborgen.

Solche Exempel dokumentieren die Verwundbarkeit der Industriegesellschaft. Ein gut konstruiertes Auto oder Motorrad fasziniert uns wie ein Kunstwerk, das wir andächtig streicheln, begehren und nutzen. Diese emotionalen Reaktionen sind in einer handwerklich strukturierten Welt angemessen, in der es wenige solcher Dinge gibt und ihr ökonomisches Umfeld ihre herausgehobene Stellung rechtfertigt. In der Konsumgesellschaft ist es möglich geworden, diese Dinge massenhaft zu erzeugen. Da dies nur auf Kosten des ökologischen Gleichgewichts möglich ist, werden die geweckten Ansprüche zu einer schweren Hypothek.

 

Digitale Angebote verdummen mehr, als dass sie stimulieren.

 

Der Ulmer Nervenarzt Manfred Spitzer beschreibt die destruktiven Wirkungen eines übermäßigen Bildschirmkonsums auf die geistige Entwicklung von Kindern und Erwachsenen. Eines seiner Beispiele sind vergleichende Untersuchungen an Taxifahrern in London. Seit diese sich mithilfe elektronischer Hilfsmittel orientieren, müssen sie nicht mehr rund 20.000 Straßennamen lernen und räumlich zuordnen. Parallel dazu haben sich die für solche Funktionen zuständigen Gehirnareale messbar verkleinert.

Kinder, denen amerikanische Forscher 2010 eine Spielkonsole schenkten, verschlechterten sich bereits nach vier Monaten in ihren Schulleistungen, wenn sie mit Kindern verglichen wurden, die ohne solche Ablenkung in die Schule gingen. Ähnliche Studien gibt es über die Folgen von Gewaltspielen auf die Empathiefähigkeit.

Es ist Spitzer vorgeworfen worden, dass er mögliche positive Wirkungen von Computern auf die geistige Leistungsfähigkeit ignoriert. Aber solche Hinweise sollten nicht dazu führen, seine gut begründeten Einwände gegen die Verwöhnungen einer durch Mausklick und Joystick beherrschten Bildschirmwelt zu ignorieren.

Ähnlich wie Politiker vor Einführung des Privatfernsehens geistige Anregung und vielfältige Informationen versprachen, während die Realität der vielen Kanäle doch ein Überwiegen primitivster Unterhaltung zeigt, scheinen die verdummenden Folgen der digitalen Angebote mehr Wucht zu entfalten als die stimulierenden.

Überall, wo uns der Wohlstand geistige oder körperliche Übung abnimmt, wird er auch gefährlich. Er unterstützt Entwicklungen, die zur Sucht führen. Das beschränkt sich nicht auf Details wie das Übergewicht und den Diabetes, die nach einer von Spitzer zitierten Studie zu einem Sechstel auf die digitalen Medien zurückzuführen sind.

 

Das eigene, „veraltete“ Produkt wird zum Feind, die Dinge ziehen in den Krieg.

 

Die Logik der Dinge in der Konsumgesellschaft hängt mit der globalisierten Nachfrage zusammen; diese wiederum wird durch die Fortsetzung nationalistischer Eroberungspläne mit anderen Mitteln geprägt. Besonders deutlich ist diese Situation in der japanischen Industrie.

Die Japaner übertrugen nach ihrer dramatischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg und ihrem Verzicht auf eigene Waffenproduktion die Prinzipien der Rüstungsindustrie auf die Konsumgüterproduktion. So überwältigten sie die Wirtschaft ihrer Wettbewerber. Einige Jahre lang blickten die Festredner der deutschen optischen Industrie vom hohen Ross ihrer traditionsreichen Marken auf die japanischen „Billigkopien“. Ehe sie sich besonnen hatten, waren sie erledigt. Eine Entwicklung, die damals begann, prägt heute fast alle Konsumgüter. Selbst wo der Markt nicht von Japan bestimmt ist, wirkt er doch japanisiert. Das eigene, „veraltete“ Produkt wird zum Feind, die Dinge ziehen in den Krieg.

Wenn die gesamte Produktion sich gewissermaßen auf Kriegszustand einstellt, gewinnt sie gegenüber anderen Produzenten einen kurzfristigen Vorteil, dessen langfristige Nachteile erst später bemerkbar werden. Im Krieg sind viele – manche denken alle – Mittel erlaubt, den Feind zu schädigen. Er erzieht zur Rücksichtslosigkeit gegenüber den Ressourcen und zur Schamlosigkeit, mit der Zwecke die Mittel heiligen.

Die Militarisierung in der Konsumgüterproduktion führt zu sehr widersprüchlichen, gelegentlich absurd anmutenden Konsequenzen. Beispielsweise werden für Fahrräder Schnellspannnaben angeboten. Sie sind für Rennsportler sinnvoll, die ein defektes Rad rasch auswechseln müssen. In Rädern, die an einer Straßenlaterne geparkt werden, erfreuen Schnellspanner Diebe, welche mit einem Griff ein teures Laufrad mitnehmen können. So wurde eine Schnellspannnabe entwickelt, die zugesperrt werden kann.

 

Wir bräuchten Dinge, die unseren kritischen Bezug zur Wirklichkeit verbessern.

 

Wir bräuchten Dinge, die unseren kritischen Bezug zur Wirklichkeit verbessern, die vernünftige Verhältnisse zwischen Aufwand und Ertrag sinnfällig machen. Wir kaufen Dinge, die uns Verschwendung, Sucht nach maximaler Bequemlichkeit, Angst vor Anstrengung und Größenfantasien jeder Art beibringen.

Wer Konsumgüter von 1956 mit denen der Gegenwart vergleicht, findet eben so viele Rückschritte wie Fortschritte. Die verwirrende Vielfalt, die technische Extravaganz sind Belege für den Vorstoß der Ware in eine Zone, in der sie der Konsument nicht mehr erfassen, durchschauen, reparieren und zu hundert Prozent nutzen kann. Die typische Ware des Grenznutzens wird der Käufer in seinem Leben so wenig brauchen können wie einen Ferrari im Stadtverkehr.

Die modernen Konsumgüter entwickeln sich in zwei Richtungen. In beiden streben sie in die Todeszone des Grenznutzens, wo die Luft dünn wird. Einmal werden sie immer komfortabler, idiotensicher, nehmen uns alles ab. Die Funkuhr muss nicht einmal mehr auf die Sommerzeit gestellt werden. In Autos sind Apparate eingebaut, die einen Stadtplan ersetzen. Die Benutzeroberfläche erlaubt es bereits Kindern, einen Computer zu bedienen. Andererseits werden aber die Geräte immer komplizierter. Bei einer britischen Firma ergab eine Untersuchung, dass die Hälfte der als defekt eingeschickten Videokameras völlig in Ordnung war. Die Kunden hatten die Anleitung nicht verstanden. Obwohl die vorhandene, noch tadellos funktionierende Produktgeneration ihren Zweck perfekt erfüllt, werden neue Modelle angeboten, mit Millionenaufwand vermarktet und gekauft.

Während die Produzenten von lebensnotwendigen Gütern Bedürfnisse befriedigen, die immer wieder spontan entstehen (wie Hunger, Durst, Schutz vor Witterung), achten die Hersteller von Konsumgütern darauf, Abhängigkeiten zu schaffen. Eine davon ist die Undurchschaubarkeit: Nur der vom Hersteller ausgebildete Spezialist, der in aller Regel auch am Verkauf des Produkts und der Ersatzteile verdient, verfügt über genügend Kenntnisse, um Störungen zu beheben. In diese Richtung sind wir in zentralen Gebieten der Technisierung mit Riesenschritten marschiert.

James Bond ist ein Held der Konsumgesellschaft. Er bildet sich auch noch etwas darauf ein, dass er keines der Wunderdinge versteht, mit denen er seine Feinde narrt. Er kann keines reparieren; daher wechseln die Gadgets so schnell wie die Szenen und lösen sich in Explosionen auf.

 

Konsumismus schädigt nicht nur die Umwelt, sondern macht Menschen auch süchtig, primitiv und dumm.

 

1972 führte ich in meinen Buch Homo consumens aus, dass der Konsumismus nicht nur die Umwelt schädigt, sondern Menschen auch süchtig, primitiv und dumm macht – ein Plädoyer gegen die Konsum-Demenz. Seither verfolge ich die Differenzierungen der Kritik am blinden Wachstum, die unterschiedlichen akademischen Beiträge zur Ökologie, das Entstehen und Vergehen von Lösungsvorschlägen. Am meisten beeindruckt hat mich die Geduld und Gründlichkeit von Elinor Ostrom, die erforscht hat, unter welchen Bedingungen Menschen die Welt um sich herum stabilisieren können, indem sie sich untereinander einigen. Ostrom weist auch immer wieder darauf hin, wie gefährlich Patentrezepte und Ehrgeiz werden, auch wenn die Ideale untadelig sind, an denen sie sich orientieren.

Ich vermute, dass die Zeit vorbei ist, in der Menschen, von großen Idealen begeistert, den Planeten eroberten, Eingeborene missionierten und Kolonien gründeten. Die Menschheit hat ihre Grenzen gefunden, auch wenn sie das noch nicht wahrhaben mag. Sie wird auf dieser Erde bleiben, Eroberung ist Zerstörung geworden, die Pflege der Räume um uns herum die einzige Chance, einen sicheren Ort zu finden und zu behalten.

 

Wolfgang Schmidbauer ist Psychonanalytiker und Schriftsteller. Er gilt als einer der ersten Kritiker der Konsumgesellschaft aus ökologisch-psychologischer Sicht (Homo consumens, 1972; Jetzt haben, später zahlen, 1995).

 

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