Schöne Aussicht oder dünne Luft?

Schöne Aussicht oder dünne Luft?

Die 9. Münchner Hochschultage

von Feli­ci­tas Som­mer*

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Die Fra­ge “Schö­ne Aus­sicht oder dün­ne Luft?” war der Auf­hän­ger für eine Juni­wo­che mit Expert Slam, Podi­ums­dis­kus­si­on, Lunch Time Col­lo­qui­um und Nach­hal­tig­keits-Memo­ry. Zusam­men mit BenE Mün­chen e.V., der Dis­kurs­are­na und der LMU-Stu­die­ren­den­ver­tre­tung wur­de in Mün­chen wie­der das nöti­ge finan­zi­el­le und sozia­le Kapi­tal zusam­men gebracht, um ein diver­ses Publi­kum auf Exper­ten und Exper­tin­nen der Nach­hal­tig­keit tref­fen zu las­sen. Die Hoch­schul­ta­ge fan­den bereits in über 30 deut­schen Städ­ten statt. Die semes­ter­wei­se geplan­te Ver­an­stal­tungs­rei­he zum The­ma Nach­hal­tig­keit und öko­so­zia­le Markt­wirt­schaft, ehren­amt­lich orga­ni­siert von Stu­die­ren­den, ist offen und kos­ten­los.

Ob von ewi­gem Wirt­schafts­wachs­tum die Aus­sicht bes­ser — oder die Luft dün­ner wird, das fragt sich die Giraf­fe über den Wol­ken auf dem Pos­ter der dies­jäh­ri­gen Münch­ner Hoch­schul­ta­ge**.

 

Ers­ter Tag. Wäh­rend Schwal­ben im Abend­licht über die LMU-Ter­ras­se in der Schel­ling­stra­ße flie­gen, folgt die inter­es­sier­te Com­mu­ni­ty der Podi­ums­dis­kus­si­on zwi­schen Prof. Rein­hard Los­ke und Prof. Joa­chim Wei­mann. In den Vor­trä­gen der bei­den Pro­fes­so­ren geht es um die Lösung der glo­ba­len Umwelt­pro­ble­me: durch ‘tech­ni­sche Effi­zi­enz’ oder durch ‘sozia­le Inno­va­ti­on’ ? Für Rein­hard Los­ke heißt es her­aus­zu­fin­den, wie wir in Zukunft ler­nen kön­nen, anders und weni­ger Res­sour­cen zu ver­brau­chen. Für ihn ist ein „Weni­ger“ an Res­sour­cen­ver­brauch not­wen­dig für eine zukunfts­fä­hi­ge Welt, aber die Zivil­ge­sell­schaft soll an der Ent­wick­lung von Lösun­gen betei­ligt wer­den. Joa­chim Wei­mann sieht das anders: „Als Wis­sen­schaft­ler habe ich sowie­so nicht das Recht irgend­je­man­dem zu sagen, ob das was er glaubt, dass es ihm nützt, ihm wirk­lich nützt. Auch nicht mit dem Argu­ment, sonst geht die Welt unter.“ Mit mora­li­schen Vor­wür­fen wird locker geschos­sen: neo­li­be­ra­le Fort­schritts­ideo­lo­gie gegen grü­ne Ver­bots­kul­tur. Es wird nicht kom­men­tiert, dass Prof. Wei­mann Mit­glied bei Aca­tech ist, der „Stim­me der Tech­nik­wis­sen­schaf­ten“. Die­se wis­sen­schafts­po­li­ti­sche Insti­tu­ti­on mit Ein­fluss auf For­schungs­för­de­run­gen der Bun­des­re­gie­rung ent­schei­det durch­aus, was an dritt­mit­tel­ab­hän­gi­gen Uni­ver­si­tä­ten beforscht und pro­du­ziert wird.  So bestimmt sie dann auch die Aus­wahl an Tech­no­lo­gi­en, inner­halb derer der Kon­su­ment sich frei ent­schei­dend füh­len darf.

Als nächs­tes ver­här­ten sich die Fron­ten in der Debat­te um den Emis­si­ons­han­del. Red­ner und sogar Mode­ra­tor ver­ha­ken sich schon in der Fra­ge der Defi­ni­ti­on der EEG-Umla­ge. Ein leben­di­ges Bei­spiel dafür, wie kom­plex vie­le poli­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen häu­fig gemacht sind. Wenn sie sich schon in ihren Grund­la­gen dem All­ge­mein­ver­ständ­nis ent­zie­hen, wird es noch schwe­rer, ihre Fol­gen im öffent­li­chen Dis­kurs abzu­wä­gen. Wei­mann erwähnt, dass er bereits die noch nicht ver­öf­fent­lich­te Ver­si­on des Kli­ma­schutz­plans 2050 der Bun­des­re­gie­rung gele­sen hat. Da heißt es, wir müs­sen bis 2050 70% unse­rer Ener­gie aus Erneu­er­ba­ren schöp­fen und alle Berei­che elek­tri­fi­ziert haben. Aber momen­tan hält er eine deut­sche Vor­rei­ter­rol­le beim CO2-Spa­ren, z.B. durch EEG-Umla­ge für sinn­los. Denn da über­schüs­si­ge Emis­si­ons­rech­te immer ver­kauft wer­den, wäre dies für Deutsch­land zwar eine Ein­nah­me­quel­le, aber kein Kli­ma­schutz. „Ent­schul­di­gen Sie, ich habe an dem EEG-Gesetz mit­ge­schrie­ben“ unter­bricht Los­ke Wei­mann, dem er ein Den­ken aus dem Elfen­bein­turm attes­tiert. Öko­no­men könn­ten dies gut aus­blen­den, aber aus poli­ti­schen Grün­den funk­tio­nie­re das bestechen­de Instru­ment Emis­si­ons­han­del der­zeit nur auf dem Papier. Die Men­ge der Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te im Umlauf ‘deckelt’ über­haupt nichts, weil sie grö­ßer ist als der Bedarf. Irgend­wann bringt sich FÖS-Grün­der Anselm Gör­res aus dem Publi­kum  ein: Bei der Dring­lich­keit des Kli­ma­wan­dels aus ideo­lo­gi­schen Grün­den nur auf den Emis­si­ons­han­del zu fokus­sie­ren sei fata­lis­tisch.  Man kön­ne auf Werk­zeu­ge, wie öko­lo­gi­sche Steu­er­re­form und EEG-Umla­ge nicht ver­zich­ten. Er scherzt: Nicht ein­mal die Ehe­frau des Wirt­schafts­ex­per­ten Hans-Wer­ner Sinn han­de­le kon­se­quent nach Gesichts­punk­ten eines Emis­si­ons­han­dels!

In der Hit­ze des Gefechts weiß sich der Mode­ra­tor nicht anders zu hel­fen, als das Publi­kum zu fra­gen, was es lie­ber möch­te: die­se Dis­kus­si­on wei­ter über die Feh­ler und Poten­tia­le einer EEG-Umla­ge füh­ren, oder zur ursprüng­li­chen Wachs­tums­fra­ge zurück kom­men? Bei letz­te­rem Ange­bot gehen die Hän­de fast aller Anwe­sen­den unge­dul­dig in die Höhe. Sie zei­gen, dass der Wil­le da ist, Dis­kus­sio­nen auch wie­der grund­sätz­lich zu füh­ren. Aber für die­sen Abend ist es zu spät, um jen­seits der übli­chen Fron­ten zu fra­gen,  wel­chen Fort­schritt, wel­chen Wohl­stand, wel­che Umver­tei­lung erreicht wer­den soll, falls dies nicht mehr mit Wachs­tum zu errei­chen ist. Nach dem Vor­trag kann man zufäl­lig ein stil­les State­ment dazu am Snack- und Geträn­ke­tisch fin­den. Es wird Bier von einer Braue­rei ange­bo­ten, die der ‘Wach­se oder Weiche’-Mentalität kri­tisch gegen­über steht. „Als Unter­neh­men sind wir Teil des natür­li­chen Sys­tems. Wachs­tum ist für uns daher auch nur in dem Maße denk­bar, in dem die Natur uns die Res­sour­cen hier­für bereit­stellt“, sag­te des­sen Inha­ber in einer Stu­die des Insti­tuts für Öko­lo­gi­sche Wirt­schafts­for­schung (IÖW).

 

Schnitt. Der zwei­te Hoch­schul­tag beginnt am üppi­gen Buf­fett  beim Luncht­i­me Kol­lo­qui­um im Rachel-Car­son-Cen­ter der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät. Das Publi­kum wur­de neu zusam­men gewür­felt. Der Refe­rent Oli­ver Rich­ters ver­öf­fent­licht in Wis­sen­schafts­ma­ga­zi­nen der Phy­sik und pro­mo­viert jetzt in VWL. Wie geht das? Eigent­lich ganz gut. Spä­tes­tens seit Ende des 19. Jahr­hun­derts zieht die Volks­wirt­schafts­leh­re einen gro­ßen Teil der Berech­ti­gung ihres Welt­ver­ständ­nis­ses aus phy­si­ka­lisch anmu­ten­den Model­len. Viel­leicht genau des­we­gen, weil er den Unter­schied zwi­schen Natur­ge­set­zen und gesell­schaft­li­chen Regeln ein­schät­zen kann, tas­tet Rich­ters in sei­nem Vor­trag fast frech die schein­ba­ren Wachs­tums­zwän­ge unse­rer Gesell­schaft ab.  Sei­ne The­se lau­tet: das Pro­blem­kind ist die Ver­selbst­stän­di­gung der tech­ni­schen Ent­wick­lung unter dem wirt­schaft­li­chen Wett­be­werbs­zwang. In einer ‘Mur­mel­run­de’ vor Abschluss des Vor­trags tauscht ‘mein’ Grüpp­chen sich dar­über aus, wie Wachs­tum denn Arbeits­plät­ze schaf­fen soll, wenn das Ziel von tech­ni­scher Inno­va­ti­on doch eigent­lich ist, die­se zu erset­zen. Auch in der Publi­kums­dis­kus­si­on fällt die Fra­ge nach den Ent­schei­den­den und Pro­fi­tie­ren­den im der­zei­ti­gen Wachs­tums­sys­tem. Ist es da ziel­füh­rend, sämt­li­che Pro­ble­me auf einer Ver­selbst­stän­di­gung der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung zu redu­zie­ren?

Abends war­ten wir auf dem son­nen­ge­seg­ne­ten Dach der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Mün­chen auf den Beginn der ‘Wirt­schafts­qui­ckies’. Neun Initia­ti­ven stel­len die eige­ne Visi­on in acht Minu­ten vor. Drau­ßen wird Ape­rol Spritz und Weiß­wein­schor­le getrun­ken und drin­nen noch mehr Stüh­le auf­ge­stellt um alle Inter­es­sier­ten unter zu brin­gen.

Von den Mode­rie­ren­den als ers­tes auf die Büh­ne gebe­ten, setzt Phil­ipp Scharf einen Leit­ge­dan­ken des FÖS in Sze­ne. „Tax the bads, not the goods“! Es ist wider­sprüch­lich, zu ethi­schem Kon­sum auf­zu­for­dern, solan­ge nicht öko­lo­gi­sches Han­deln finan­zi­ell und steu­er­lich pri­vi­le­giert wird, wie bei Dienst­wa­gen, Kero­sin oder Regio­nal­flug­hä­fen der Fall. „Öko­no­mi­sches“ Den­ken könn­te so leicht in Ein­klang mit Nach­hal­tig­keit gebracht wer­den, wenn die Anrei­ze rich­tig gesetzt wür­den. Zu öko­no­mi­schem Den­ken spricht auch Oli­ver Rich­ters ein zwei­tes Mal. Er stellt eine Wirt­schafts­uto­pie vor, in der alle Akteu­re auf dem Markt eben­bür­tig sind und kei­nen Ein­fluss auf die Poli­tik neh­men kön­nen, in der Geld nur ein Tausch­mit­tel ist, es kei­ne Über­schul­dung, kei­ne Kri­sen gibt und die­je­ni­gen, die öko­lo­gi­sche Kos­ten erzeu­gen, die­se auch selbst bezah­len müs­sen. Am Ende kommt die Poin­te: genau davon gehen Makro­öko­no­men die gan­ze Zeit aus!

Abschlie­ßend gibt ein Tech­nik-Phi­lo­so­phie-Stu­dent der TU Ein­blick in die Bio­kraft­stoff­for­schung: „Wie mein Motor ein Vega­ner wur­de“. Er lässt die Zuschau­en­den bei dem Erfolgs­pro­zess teil­ha­ben, einem leis­tungs­fä­hi­ge­ren Misch­ver­hält­nis von Bio­kraft­stof­fen näher zu kom­men. Öff­net er gera­de mit dem Ernäh­rungs­ver­gleich die Hin­ter­tür für das intrin­si­sche Exis­tenz­recht des Auto­mo­bils?

Es stell­te sich außer­dem die Soci­al Entre­pre­neurship Aca­de­my mit einem Video vor, das Haus der Eigen­ar­beit spiel­te ein retro­schi­ckes Video aus sei­ner Zeit in den 90gern ab,  Attac kam mit Thea­ter­per­for­mance und Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal mit einer flam­men­den Kri­tik an Kor­rup­ti­on, einem Relikt des Feu­da­lis­mus. Es wur­den an dem Abend Scho­ko­küs­se im Saal ver­teilt und so eini­ges neu- und umin­ter­pre­tiert. Am Ende war man erhellt von vie­len klei­nen Ein­bli­cken in die Palet­te von Pro­blem­an­sät­zen, die alle in den Rah­men Nach­hal­tig­keit fal­len wol­len. Kapi­ta­lis­mus­kri­ti­ker, Sozi­al­un­ter­neh­mer, Akti­vis­ten und Mit­ar­bei­ter bei Lob­by­or­ga­ni­sa­tio­nen stan­den auf der sel­ben Büh­ne. Sie ist eben sehr divers, die­se „Zivil­ge­sell­schaft“.

Ich war dafür zustän­dig, die Fra­gen ein­zu­sam­meln und zu sor­tie­ren, die in der übrig blei­ben­den Zeit noch  an die Referent_Innen gestellt wer­den kön­nen. Ein älte­rer Mann mit Bart warf sei­ne inzwi­schen fünf­te Fra­ge ein. Die letz­te hät­te ich aus Spaß fast ins Ren­nen geschickt: „Wann wer­det ihr end­lich revo­lu­tio­när?“

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*Die Auto­rin ist Eth­no­lo­gin und Refe­ren­tin für The­men­fel­der der sozi­al-öko­lo­gi­schen Trans­for­ma­ti­on und hat die Hoch­schul­ta­ge und ihre Vor­be­rei­tun­gen  in Mün­chen beglei­tet. Die nächs­ten münch­ner Hoch­schul­ta­ge beschäf­ti­gen sich mit den The­men Ungleichheit/Gleichheit/Gerechtigkeit. Für wei­te­re Infos www.hochschultage.org oder eine Mail an muc@foes.de.

 

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**Wie kön­nen wir unse­re Gesell­schaft zukunfts­fä­hig und nach­hal­tig gestal­ten? Wel­che Kon­zep­te und Best Prac­tice Bei­spie­le gibt es? Was kann jeder ein­zel­ne tun?

Um die­se und ande­re Fra­gen mit Stu­die­ren­den, Hoch­schul­leh­rern und wei­te­ren Exper­ten zu dis­ku­tie­ren gibt es das Pro­jekt Hoch­schul­ta­ge Öko­so­zia­le Markt-wirt­schaft & Nach­hal­tig­keit.

Das zen­tra­le Anlie­gen die­ses Pro­jek­tes ist es, gemein­sam zu dis­ku­tie­ren, wie eine öko­lo­gisch-sozia­le Wen­de rea­li­siert wer­den kann. Hoch­schul­ta­ge sind eine Mög­lich­keit um Wis­sen­schaft­ler, Poli­ti­ker und Unter­neh­mer an einen Tisch zu brin­gen, um zusam­men zukunfts­fä­hi­ge und inter­dis­zi­pli­nä­re Kon­zep­te zu ent­wi­ckeln.

wbernhardt