01/2012 – Nachhaltigkeit

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agora42 1/2012 Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit
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Editorial


Nachhaltigkeit – dass das nicht leicht wird, lässt schon das Wort erahnen. Mit „Halten“ alleine ist es nicht getan, nein, da kommt mehr auf einen zu … Und tatsächlich: Was muss nicht alles berücksichtigt werden, will man nachhaltige Perspektiven für die Gesellschaft entwickeln? Im Bereich der Ökologie geht es um Umweltschutz (Wasser, Luft, Erhalt von Landschaftsräumen und der Artenvielfalt etc.), in der Ökonomie um ein Wirtschaften, das auch kommenden Generationen Wohlstand ermöglicht, im Bereich des Sozialen darum, in Zukunft eine gerechte und lebenswerte Gesellschaft zu ermöglichen. Schon in jedem dieser Bereiche geht die Zahl der zu berücksichtigenden Faktoren gegen unendlich. Wollte man ein Rundum-Nachhaltigkeitspaket schnüren, müssten die Bereiche zudem miteinander gekoppelt und alle Einflussgrößen einander zugeordnet und entsprechend gewichtet werden. Letztlich müsste sich jedes Produkt in ein Nachhaltigkeitsschema einfügen lassen, in dem unter anderem Wasserverbrauch und CO2-Produktion bei Herstellung und Transport, Verwendung von Chemikalien, Langlebigkeit, Auswirkung des Produkts auf Konkurrenzprodukte beziehungsweise auf die bestehenden Produktionsketten sowie auf die Lebensweise der Produktnutzer mit allen Folgen für die anderen Mitglieder der Gesellschaft etc. pp. berücksichtigt werden. Da hätte selbst der Supercomputer aus Douglas Adams Roman Per Anhalter durch die Galaxis Probleme, den Durchblick zu behalten.

Dabei bedarf es keines Supercomputers, um augenblicklich für Klarheit zu sorgen, man müsste nur der ungeschminkten Wahrheit ins Gesicht sehen. Da in Anbetracht eines kollabierenden Wirtschaftssystems Zukunftsprognosen reine Kaffeesatzleserei sind und sich insofern keine sinnvollen ökonomischen Strategien ableiten lassen, kann man das Nachdenken über ökonomische Nachhaltigkeit getrost bleiben lassen. Und weil die kommende globale Wirtschaftskrise fatale Folgen für die Industrie haben wird, ist auch damit zu rechnen, dass das Nachdenken über ökologische Nachhaltigkeit, das heißt in erster Linie über die Reduzierung des CO2-Ausstoßes, existenziellen Problemen weichen und womöglich durch die massive Deindustrialisierung weitgehend gegenstandslos wird. Es bleibt das Soziale als jenes Terrain, auf dem man noch etwas bewirken kann.
Hier gilt zweierlei. Erstens: Für eine künftige, verantwortungsvolle Katastrophenpolitik, welche die Lasten möglichst gerecht zu verteilen hat, wird es schwierig sein, Mehrheiten zu finden – dennoch muss man darauf vertrauen, dass die meisten Menschen die notwendigen Maßnahmen schließlich nachvollziehen und unterstützen werden. Zweitens: Wer gesellschaftliche Nachhaltigkeit ernsthaft will (und wer kann daran nicht interessiert sein?), muss diese unverzüglich und bedingungslos durchsetzen. Da gesellschaftliche Nachhaltigkeit ohne Gerechtigkeit undenkbar ist und der Gerechtigkeit heute vor allem betonierte Besitzverhältnisse und festgefahrene institutionelle Mechanismen entgegenstehen, muss folglich die Macht vieler Konzerne, Institutionen und Privatpersonen beschnitten werden – notfalls auch gewaltsam. Auf der anderen Seite werden auch weitere Einschnitte in den Bereichen Gesundheit und Soziales unumgänglich sein – und manch lieb gewonnene Gewohnheit (Stichwort: Konsum- und Freizeitverhalten), fälschlicherweise mit Freiheit verwechselt, muss sich ändern.
Das ist hart. Verhängnisvoll aber wird es, wenn die notwendigen Veränderungen nicht konsequent umgesetzt, sondern durch feige Kompromisse verhindert werden. Dann wird es „Willkommen im globalen 30-jährigen Verteilungskrieg“ heißen. Und, liebe Zaudernde: Jede historische Situation ist einmalig. Nur weil einige Versuche, die Welt gerechter zu machen, gescheitert sind, heißt das nicht zwangsläufig, dass auch der nächste Versuch scheitern wird. Und erst recht nicht heißt es, dass man es gar nicht erst versuchen sollte.


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