01/2014 – Veränderung

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Editorial


Geld verklebt die Welt. Da mutet es wie eine List der Geschichte an, dass die Auflösung der Welt, wie wir sie kannten, ausgerechnet dort begann, wo das Geld das Licht der Welt erblickt: im Finanzsektor. Das war 2007, als das Geld durch allzu lässige Kreditvergabe seine Haftkraft verlor und sich buchstäblich in Nichts auflöste. In der Folge breitete sich dieses Nichts immer weiter aus; nicht nur Banken, sondern auch Unternehmen und ganze Staaten zeigten Auflösungserscheinungen.
Diese Ereignisse waren die unmissverständliche Aufforderung, den Kurs radikal zu ändern – das heißt anzuhalten, Pflöcke einzurammen und dadurch die Ausbreitung des Nichts einzudämmen. Doch wofür entschied man sich? Ohne lange nachzudenken? Man folgte der Macht der Gewohnheit, dem einfacheren Weg – und öffnete dem Nichts Tür und Tor.
Heute, über sechs Jahre nach Beginn der Krise, dürfte noch dem letzten Optimisten klar geworden sein, wie naiv die Hoffnung war, man könne den Wohlfahrtsstaat retten, ohne die verNICHTende ökonomische Logik zu verändern, in die er eingebettet ist. Dabei weiß man doch schon seit 1979, dem Erscheinungsjahr von Michael Endes Unendlicher Geschichte, um die Gefahren des Nichts: Wer sich seiner magischen Anziehungskraft nicht widersetzen kann, wird zu – nichts. Diesem Schicksal konnten der Protagonist Atréju und sein Begleiter, der Glücksdrache Fuchur, gerade noch entkommen; weil sie dem Nichts jedoch schon gefährlich nahe gekommen waren, färbten sich Atréjus Haare und Fuchurs Fell grau. Es wundert daher nicht, dass heute Leitbegriffe wie Demokratie, Wachstum, Wohlstand und Fortschritt ihre Strahlkraft einbüßen …
Nun kann man sich heutzutage kaum mehr auf Drachen berufen, um die Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung zu begründen. Vernünftige Argumente stoßen aber genauso auf taube Ohren, fehlt es doch an der Bereitschaft, sich eine Welt jenseits des Status quo vorzustellen. So bekam ich von einer Bekannten kürzlich Folgendes zu hören: „Ja, grundsätzlich finde ich schon, dass sich etwas ändern sollte. Ich bin nur gerade unheimlich eingespannt, das wird jedes Jahr schlimmer. Lass mal sehen … Ja, nächste Woche habe ich tatsächlich noch eine Lücke im Terminkalender, da können wir gerne mal darüber reden.“ Hm! War es nicht der Mangel an Fantasie, der das Nichts in der Unendlichen Geschichte immer mächtiger werden ließ?
„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit“ – selten trafen diese Worte Schillers mehr zu als heute. Wir leben in einer Zwischenzeit: Das Alte löst sich auf, die Umrisse des Neuen zeichnen sich noch nicht ab. Was also tun? Die neue Welt in Endes Roman ist dadurch entstanden, dass die Menschen ihrer Fantasie wieder Raum gaben. Dafür muss man sich aber Zeit nehmen und den Mut haben, die Erfordernisse des Alltags hintanzustellen. Man muss die Zukunft experimentierend gewinnen und Dinge ausprobieren, die bislang für unmöglich gehalten wurden. Alles, was uns daran hindert, alles, was uns an der zum Tode verurteilten Realität festhält, dient der Ausbreitung des Nichts. Wer jedoch glaubt, er könne das Neue bekommen, ohne sich vom Alten zu verabschieden, wird am Ende mit nichts dastehen.

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