03/2010 – Zeit

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agora42 3/2010 Zeit

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Editorial


Es ist zu spät. Wir können den Untergang all dessen, was uns selbstverständlich geworden ist, nicht mehr aufhalten. Wohlstand, freie Bewegungsmöglichkeiten, Sicherheit für Leib und Leben – all das ist vorbei. In Zukunft wird es müßig sein, die Arbeitslosenstatistik zu studieren, weil auch jene, die noch Arbeit haben, vom Lohn nicht mehr werden leben können. In Anbetracht von Gewalt, Krankheit und Hunger wird müde belächelt werden, wer sich über Fragen der gerechten Güterverteilung, der Grundrechte oder der Meinungsfreiheit den Kopf zerbricht.
Zu schwarz gemalt? Wirklich? Das vergangene Jahrhundert war ja nun wahrlich nicht frei von Katastrophen. Warum sollte keine neue bevorstehen? Etwa, weil wir bessere Menschen geworden sind? Oder weil uns der technische Fortschritt vor dem Schlimmsten bewahren wird? Doch so, wie beispielsweise die Medizin fortgeschritten ist, sind es auch die Möglichkeiten, Menschen durch „fortgeschrittene“ Waffensysteme massenweise umzubringen. Was hilft uns außerdem Spitzentechnologie in der Medizin, wenn andererseits die medizinische Grundversorgung nicht mehr gewährleistet werden kann – oder nur noch für wenige?
Wir bewegen uns auf einen Abgrund zu. Alles, was uns an Informationen zur Verfügung steht, spricht dafür. Nichts dagegen. Zunehmender sozialer Unfriede, unfassbare Staatsverschuldung, Klimakatastrophe, das Wiederaufflammen zwischenstaatlicher Konflikte – was ließe sich dem an Positivem entgegensetzen? Weil wir aber in der überwiegenden Mehrzahl nichts anderes kennen als das, was in der Nachkriegszeit selbstverständlich wurde und das nun immer weniger ist, nehmen wir diese Informationen nicht zur Kenntnis. Wir denken „Oh!“ oder „Schlimm!“, und das war’s. Wir sind Zugreisende, die seit vielen Jahren im selben Zug sitzen und darum das Innere des Abteils für das Ganze der Realität halten. Jetzt blicken wir aus dem Fenster und sehen, dass die Brücke, auf die der Zug zufährt, eingestürzt ist; wir sehen es, aber wir können es nicht begreifen.
Dennoch gibt es Hoffnung. Wir können den Absturz des Zugs zwar nicht mehr verhindern, weil die Brücke schon zu nah ist; aber wir können noch rechtzeitig abspringen. Dazu müssen wir uns frei machen von der Vorstellung eines vorherbestimmten – „ökonomiegegebenen“ – Schicksals.
Wir lassen uns heute mit „historischer Alternativlosigkeit“ (Robert Menasse) erpressen. Die alles durchdringende ökonomische Logik mit ihren sogenannten Sachzwängen erscheint uns gleichsam als „Naturgesetzlichkeit“. Da unsere Gegenwart von dieser Gesetzlichkeit bestimmt wird, betrachten wir auch die Vergangenheit in ihrem Licht und sehen für die Zukunft keine anderen Perspektiven – die ökonomische Ordnung hat sich gewissermaßen verewigt. Vonseiten der sogenannten Volksvertreter wird diesem fatalen Ewigkeitsglauben zugearbeitet. Da werden von allen Parteien falsche Versprechungen gemacht, ökonomische Bewusstseinsdrogen unters Volk gemischt, die glauben machen sollen, dass der Zug in der Luft weiterfährt („Wachstum“) oder der Absturz nicht so schlimm sein wird („der Sozialstaat ist zu retten“); da wird die Fahrgeschwindigkeit sogar noch erhöht („Reformen“). Jedenfalls sollen wir im Zug bleiben. Man nimmt billigend in Kauf, dass sich immer mehr Menschen vor lauter Funktionieren-Müssen im Rahmen der ökonomischen Ordnung psychisch wie auch physisch kaputtmachen: Opfer auf dem Altar der ökonomischen „Vernunft“. Und auf der anderen Seite lässt man sich allzu bereitwillig mit Drogen vollpumpen, zum Gläubigen der Zug-Innenwelt machen.
Wir müssen aufhören, gegen unsere eigenen Interessen zu handeln; verlassen müssen wir die gewohnten Verhältnisse sowieso, schon weil sie uns verlassen. Die Parteien, gefangen in „Sachzwängen“, sind dabei zum größten Hindernis geworden: Sie halten jenen Glauben aufrecht, der uns dem Abgrund näher bringt. Wie lange wollen wir uns das noch bieten lassen? Es ist Zeit, dass wir unsere Passivität ablegen und die politischen Koordinaten grundlegend verändern. Wir sind der oberste Souverän.


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