03/2012 – Wir wissen genug!

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agora42 3/2012 Wir wissen genug!

Wir wissen genug!

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Editorial


Kann denn Wissen Sünde sein? Kann es sein, dass die Wissensmanie, die heute in allen Bereichen unserer (Wissens-)Gesellschaft auszumachen ist, zur Ausblendung der Frage nach dem „Wozu?“ des Wissens führt? Zumindest scheint es, als ob mit der besseren Verfügbarkeit des Wissens auch die Fähigkeit abgenommen habe, es zu bewerten und für eine adäquate Umsetzung Sorge zu tragen.
Beispielsweise weiß jeder, dass die Art und Weise, wie wir leben – sprich: wirtschaften und konsumieren – über kurz oder lang dazu führt, dass wir unsere Lebensgrundlagen ruinieren und uns in globalen und regionalen Verteilungskämpfen die Köpfe einschlagen werden. Eine entsprechende Reaktion bleibt jedoch aus. Und was hat es genützt, dass die Welt über lange Zeit hinweg – für die Betroffenen unendlich lange Zeit – darüber Bescheid wusste, dass in Syrien die Zivilbevölkerung abgeschlachtet wird? Was nützt es, dass wir als vorgeblich aufgeklärte Individuen nicht mehr an Gott glauben, es aber gläubig hinnehmen, dass die Hohepriester unserer Wirtschaftsreligion hundert Mal mehr verdienen als die Laien? Was nützt es, dass wir genau wissen, wie viele Kinder in welchem Entwicklungsland auf welche Weise sterben? Unser Wissen ist impotent geworden. Es hat sich von unserem Handeln genauso abgekoppelt wie die wirtschaftliche Logik von unseren Bedürfnissen.
Wissen kann sogar schädlich sein. Zum Beispiel, was die Liebe angeht. Wer an mehr als einer pragmatischen Partnerschaft interessiert ist und gleichzeitig versucht, ein bestimmtes Wissen über die Liebe (oder die potenziell zu liebende Zielperson) anzuhäufen, der untergräbt sein eigenes Anliegen. Denn Liebe ist nun eben genau das, was sich nicht wissensmäßig unterlegen, sprich begründen oder definieren lässt, sondern umgekehrt alles „vernünftige“ Wissen infrage stellt. Oder Stichwort Kinder: Tausende Ratgeber informieren darüber, was bei der Kindererziehung wissenswert ist. Wer sich die Über-Ich-Keule der versammelten Ratgeberliteratur über den Kopf gezogen hat, der wird kaum noch auf sein Gefühl hören und muss schon eine Menge Mut aufbringen, bei der Erziehung seiner Kinder einen eigenen Weg zu beschreiten.

Weshalb dann eine Ausgabe zum Thema Wissen? Weil es beim Wissen nicht bloß um zählbare Ergebnisse geht, nicht nur um feststellbares Wissen, sondern um den Wissenserwerb als solchen. Zum einen, weil beim Streben nach Wissen das Denken geschult wird, zum anderen und vor allem aber, weil es zu einer Leidenschaft werden kann; zu einer jener wenigen Leidenschaften, die das Leben eines Menschen erfüllen. Diese Leidenschaft kann überdies – allen Relativisten und Zynikern zum Trotz – auch zu Erkenntnis führen; nicht zu plumpen, zeitlosen Wahrheiten, aber dazu, dass man die Zeit, in der man lebt, und seine eigene Rolle in ihr versteht.


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