05/2010 – Schulden und Sühne

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agora42 5/2010 Schulden und Sühne

Schulden und Sühne

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Editorial


Die Banker sind schuld – und natürlich die Politiker, die mit ihnen unter einer Decke stecken. Schuld an den Schulden, die uns die Luft zum Atmen nehmen; die verhindern, dass man all den drängenden Problemen in Zukunft mit den nötigen finanziellen Mitteln begegnen kann.
Nun, ganz so einfach ist es sicherlich nicht. Die Übergänge zwischen gerade noch legal und kriminell sind fließend. Und auch Otto Normalverbraucher ist ja kein Engel gewesen: Höhere Zinsen einstreichen hier, Autofahren, Fliegen, Luxus, Energie und Essen auf Kosten kommender Generationen und vieler Millionen Menschen in rohstoffreichen Länder dort.
Sind wir also alle schuldig? Auch das wäre zu einfach, denn das hieße, alle in einen Topf zu werfen: jene, die selbstherrlich, berechnend und rücksichtslos über Milliarden gegangen sind, mit jenen, die bloß einen über den Durst getrunken haben. Und: Wenn alle schuldig wären, wären ja auch alle irgendwie unschuldig – jeglicher Maßstab gesellschaftlichen Zusammenlebens ginge verloren. Es kommt aber gerade darauf an, zu differenzieren – in täglicher Arbeit und unter Berücksichtigung verschiedener Perspektiven. Was finde ich richtig, was falsch? Was will ich, was nicht? Sage ich Ja, weil es gerade angebracht erscheint, oder stehe ich zu meinen Überzeugungen? Und: Läuft die gesamtgesellschaftliche Entwicklung in eine Richtung, die ich gutheiße, oder nicht? Es ist, um Verwechslungen vorzubeugen, also nicht jene Art von Arbeit gemeint, die nur um der Arbeit willen getan wird und die gerade dazu führt, dass man sich solche Fragen nicht mehr stellt.
Eine Gesellschaft braucht, um überleben zu können, aufgeklärte Egoisten. Das heißt Menschen, die wissen, was sie wollen – und nicht bloß wollen, was von ihnen verlangt wird.
Doch statt eigener Willensbildung findet man nur Vereinheitlichungen allerorten: eine Partei (mit fünf Flügeln), die einer einzigen Religion (Wachstum beziehungsweise „Funktionieren“ der Wirtschaft) dient, die wiederum andere nur so lange toleriert, wie diese dem Wachstum beziehungsweise dem möglichst reibungslosen Funktionieren nicht schaden. Eine einzige Lebenshaltung (Individualität), welche die Menschen durch „individuellen“ Konsum noch mehr an die eine Religion bindet.
Bereits 1979 bezeichnete der französische Philosoph Michel Foucault die Bundesrepublik als einen „radikal ökonomischen Staat“ – „radikal“, wie er schrieb, „im strengen Sinne des Begriffs“, das heißt: „Seine Wurzel ist vollkommen ökonomisch.“
Wenn man heute von Schuld spricht, darf man also nicht außer Acht lassen, dass man der künftigen Schuld bereits dadurch kräftig zugearbeitet hat, dass man sich mit Haut und Haaren hat „vereinheitlichen“ – das heißt vor allem: durchökonomisieren – lassen. Insofern hat man sich tatsächlich in die Hände eines „Monsters“ (Horst Köhler) begeben.


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