4/2016 – Sein und Fleisch

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agora42 Sein und Fleisch

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Editorial

Geld kann man nicht essen.
Und doch behandeln wir es, als ob es unsere Hauptnahrungsquelle wäre. Wir hüten und mehren es wie vormals unser Vieh und das Getreide auf unseren Feldern. Statt food first gilt – davon zeugen paradigmatisch global agierende Agrarunter- nehmen und Lebensmittelhersteller – heute money first. Dabei ist offenkundig, dass die Art und Weise, wie Nahrung zumeist produziert wird, nämlich profitorientiert, der Menschheit gleichermaßen gewaltigen wie unnötigen Schaden zufügt. Das zeigt sich, wie in dieser Ausgabe nachzulesen ist, nirgends deutlicher als bei der Fleischproduktion.
All das hat mit vernünftigem Wirtschaften und gesundem Egoismus nichts zu tun, sondern ist schlichtweg verrückt. Und doch entbehrt diese Art der Produktion nicht einer eigenen Logik. Denn Geld ist viel mehr als ein Tauschmedium, das bloß der Warenvermittlung dient. Längst ist es selbst zur Ware mutiert. Nicht nur das: Es ist zur heiligen Ware geworden, zur einzig wahren Ware, deren Mehrung alle anderen Waren zu dienen haben. Um die Zukunft zu gewinnen, wird man diesem monetären Fundamentalismus abschwören müssen. Aber das heißt auch, einer Form des Wirtschaftens den Rücken zu kehren, die der Mehrung des Geldes dient. So muss Wachstum in der Fleischindustrie, wie in vielen anderen Bereichen der Wirtschaft auch, absolut vermieden werden. Im Gegenteil, ein kräftiges Schrumpfen ist angesagt. Statt Export billigen Fleischs und Wachstum um jeden Preis brauchen wir ein Mehr an Qualität. Für unsere Ernährung bedeutet dies, regionale und bäuerliche Lebensmittel zu konsumieren – und Fleisch, das von Tieren stammt, die auf der Wiese standen und nicht in einer Fabrik. Dass eine solch grundlegende Neuausrichtung des Wirtschaftens mit der Entwicklung neuer Formen der privaten Lebensgestaltung und des gesellschaftlichen Zusammenlebens verbunden werden muss, versteht sich von selbst. Beispiele für eine solche Neuausrichtung gibt es inzwischen zu Hauf und der Erfolg gibt ihnen Recht.
Mit dem Thema Fleisch hat sich kaum jemand so eingehend befasst wie die Heinrich- Böll-Stiftung, wovon nicht zuletzt der jährlich von ihr herausgegebene Fleischatlas eindrücklich zeugt. So freue ich mich, mit der vorliegenden Ausgabe das Resultat ei- ner intensiven Zusammenarbeit zwischen der Heinrich-Böll-Stiftung und der agora42 präsentieren zu können. Schon beim ersten Brainstorming zeigte sich, dass philosophische Fragen nach dem Sinn des Wirtschaftens eng mit der Fleischproduktion verwoben sind. Besonderer Dank gilt Christine Chemnitz von der Heinrich-Böll-Stiftung, die mit ihrem Wissen und ihrer Begeisterung die vorliegende Ausgabe maßgeblich geprägt hat.
Wir wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Freude auf der Reise durch eine Ausgabe, die die Widersprüchlichkeit des heutigen Wirtschaftens besonders deutlich vor Augen führt. Wir werden nun die Drucklegung mit einem gemeinsamen Abendessen feiern: Scheinesteak mit Münzkartoffeln, zum Nachtisch Virtuelles von Bulle und Bär. Mh, lecker!

Ihr Frank Augustin