2/2016 – Systeme

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Editorial


»Hä? – Ah!«
„Hä?“ ist eines der wenigen Worte, die auf der ganzen Welt verstanden werden. „Hä?“ ist nicht nur Ausdruck des Unverständnisses, sondern bezeichnet auch den Moment, in dem man mit dem Denken beginnt, weil man etwas verstehen will (oder muss). Und verstehen – „Ah!“ – heißt immer, im System verstehen; denn ohne einen Sinnzusammenhang, in den ein bestimmtes Phänomen eingeordnet werden kann, versteht man eben rein gar nichts.
Sinn und Orientierung sind allerdings knappe Güter geworden. Kein Wunder, dass sich das Interesse wieder auf das System, auf das große Ganze richtet. „Das Unbehagen fordert auf zum Ausstieg aus dem System. Damit rückt etwas in den Blick, was die Aufklärung übersah. Nun ist es an der Zeit, über Systeme aufzuklären“, schreibt Louis Klein im Terrain-Teil. Und im „Horizont“ formuliert Martin Kornberger entsprechend: „Der Kapitalismus stellt den Betrachter vor ziemliche Widersprüche – und zwar mit solcher Regelmäßigkeit, dass der systemisch geschulte Analytiker den Widerspruch erwartet wie einen alten Freund.“
Niklas Luhmann hätte wohl seine Freude an unserer heutigen Situation, war für ihn doch ohnehin „alles Beobachten (...) paradox fundiert“. Doch anders als Luhmann, der lange Zeit darauf bestanden hat, dass komplexe Sozialsysteme nicht steuerbar seien, ist es für Helmut Willke sehr wohl möglich, „der Komplexität sozialer Systeme auf Augenhöhe zu begegnen“, sofern man ein adäquates Modell des Systems und seiner Operationslogik entwickelt. Ein adäquates Modell für Europa zu entwickeln, ist überfällig. Das aktuelle System ist gescheitert und, wie es Ulrike Guérot im Interview formuliert: „Die Systemtheorie lehrt uns, dass sich komplexe Systeme nicht mehr reformieren können, wenn die Krise da ist (...). Folglich wird sich auch das europäische System unter den Bedingungen der aktuellen Krise nicht reformieren können. Im hegelianischen Sinne muss es notwendigerweise ,sterben’, bevor etwas anderes kommen kann.“
Mit dem Denken beginnen, das bedeutet heute, die Widersprüche zu analysieren, die Gesellschaft und Wirtschaft durchziehen. Die Kunst wird darin bestehen, sie nicht zu glätten, sondern ihre innere Dynamik zu nutzen. Wir haben die wunderbare Aufgabe, die Geburtshelfer neuer Systeme, einer neuen Zeit zu sein.

Ihr Frank Augustin