01/2010 – Wachstum

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agora42 1/2014 Wachstum

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Editorial


Was kann Wachstum noch bedeuten?

Als nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland eine parlamentarische Demokratie gegründet wurde, war es keinesfalls sicher, ob ihr eine längere Lebenszeit beschieden sei. Die Deutschen und die Demokratie – konnte das gutgehen? Die Akzeptanz der neuen politischen Ordnung in der Bevölkerung wuchs erst mit steigendem Wohlstand. Wachstum entwickelte sich zur tragenden Säule der Demokratie. Der materielle Wohlstand, den das Wirtschaftswachstum mit sich brachte, und die Demokratie sind im Bewusstsein vieler zu einer Einheit verschmolzen.
Doch schon Ludwig Erhard, dem das Porträt in der vorliegenden Ausgabe der agora42 gewidmet ist, hatte davor gewarnt, dem Wohlstand eine zu hohe Bedeutung zuzumessen. Wohlstand, so Erhard, sei allenfalls eine Grundlage, aber kein Leitbild für die Lebensgestaltung.
Nun ist das Unausweichliche passiert: Die Zeiten relevanten Wachstums sind vorbei. Wahrscheinlich endgültig. Selbst Optimisten sprechen nur noch von sogenannter Wachstumsrezession: Das heißt, die geringen Wachtumsraten, wenn sie denn überhaupt zu erzielen sind, können die negativen Entwicklungen, wie an erster Stelle den Wegfall von Arbeitsplätzen, aber auch beispielsweise die Verschlechterung der Gesundheitsversorgung und die stetig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, nicht aufhalten.
Der Liedermacher Gerhard Gundermann verglich – das war noch vor der deutschen Wiedervereinigung – den Osten Deutschlands mit dem Westen anhand der beiden Autos, die das jeweilige System repräsentieren. Beide, so meinte er damals, rasten auf einen Abgrund zu – während der Trabant sofort nach unten fiele, flöge der Mercedes einfach ein bisschen länger.
Nun mag der Abgrund für den Mercedes noch ein Stück weit entfernt sein – dennoch ist es bedenklich, dass in einer Zeit, in welcher der Wachstumsbegriff seine orientierende Funktion einbüßt, auch die Politik massiv an Bedeutung verliert. Man muss sich fragen, wie in einer Lobbydemokratie überhaupt noch politische Entscheidungen möglich sein können; Entscheidungen, die Orientierung geben und nicht nur das Beziehungsgeflecht jenseits der parlamentarischen Kontrolle immer weiter anwachsen lassen. Man muss sich fragen, wie Politiker, die Bildung mit Wissen verwechseln, Bildungspolitik betreiben wollen. Man muss sich fragen, wie Wirtschaftspolitik in einem Land möglich sein soll, in dem Wirtschaftspolitiker die grundlegenden ökonomischen Zusammenhänge nicht kennen. Der, in den Worten Immanuel Kants gesprochen, Ausgang der gewählten Volksvertreter aus ihrer selbst verschuldeten ökonomischen Unmündigkeit erfordert allerdings, dass sie Entscheidungen treffen, die von der überwiegenden Mehrheit der Wähler nicht getragen werden. Dennoch gilt es, diese Entscheidungen unverzüglich zu treffen, wenn in Zukunft nicht wieder ganz ohne Parlament entschieden werden soll.

Das Problem ist also weniger, dass es wahrscheinlich kein relevantes Wachstum mehr geben wird. Das Problem ist, dass Wachstum, nicht nur in Deutschland, seine Rolle als Leitfigur der ökonomischen Ordnung nicht mehr zu spielen vermag. Was Wachstum heute noch bedeuten kann, ist in dieser Ausgabe nachzulesen.


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