01/2013 — Kein Entkommen aus der Krise?

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Editorial


Krise? Das kann man auch anders sehen. Viel eher stellt sich doch die Frage, wie man angesichts unzähliger historischer Wirtschaftskrisen auf die Idee kommen konnte, Wachstum könne ewig währen. Haben sich nicht immer schon Phasen des Aufschwungs mit Phasen des Abschwungs abgewechselt? Der in dieser Ausgabe porträtierte Hyman Minsky wäre jedenfalls ziemlich erstaunt gewesen, hätte die zurückliegende Wachstumsperiode nicht in eine Krise geführt.
Der ganz normale Wahnsinn also? Nein. Irgendetwas stimmt mit dieser Krise nicht. Es scheint, als ob sie – wie früher das Wachstum – die alleinige Hauptrolle spielen wolle. Jede Woche, die sie länger währt, präsentiert sie ein weiteres Versäumnis aus der Vergangenheit. Mit dem Gestern ringend, bleibt zu wenig Raum für das Heute und das Morgen. Kein Wunder, dass sich da in der Wirtschaft Aktivismus breitmacht. Kein Wunder auch, dass infolge des ökonomischen Chaos auch alles andere, was mit Normalität, mit Stabilität und Regelmäßigkeit zu tun hat (zum Beispiel Rechtsnormen, politische Vorgaben, aber auch gesellschaftliche Spielregeln, Partnerschaften, Familie, Werte etc.), zunehmend in Unordnung gerät.
Manche meinen, es sei alles gar nicht so schlimm und die Rede von einer Krise nichts weiter als Panikmache. Schließlich zeige die Erfahrung, dass sich viele Bedrohungsszenarien schlichtweg in Luft auflösen: Das viel beschworene „Waldsterben“ beispielsweise ist ausgeblieben, und vom „Kampf der Kulturen“ spricht heute auch niemand mehr. Und selbst wenn man vom Ernst der Lage ausgeht, stellt sich doch die entscheidende Frage, wie beziehungsweise ob überhaupt Veränderungen herbeigeführt werden können. Ist nicht allen Appellen und Bemühungen der letzten Jahrzehnte zum Trotz (man denke etwa an den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome, der schon vor über 40 Jahren erschienen ist) im Wesentlichen alles gleich geblieben? Außerdem stellt es bekanntlich keine schlechte Strategie dar, negative Prognosen einfach zu ignorieren: So kann der kollektive Glaube daran, dass ein Wirtschaftsaufschwung vor der Tür steht, tatsächlich zu einem realen Aufschwung führen.
Allein der Glaube fehlt. Zu vieles steht infrage. Nach dem Verglühen der Fortschrittsverheißung ist von der ungeheuren Beschleunigung, die der Kapitalismus in alle Lebensbereiche getragen hat, nur das hohe Tempo übrig geblieben. Man dreht sich im Kreis – das aber unheimlich schnell. Spätestens im Jahr 2008 hat man endgültig den Boden unter den Füßen verloren. Mit anderen Worten: Diese Krise ist nicht einfach nur eine weitere Krise, nicht nur eine vorübergehende Phase. Sie läutet einen Epochenwechsel ein. Sie wird sich so lange verschärfen, bis man sich von der alten Epoche, von der alten ökonomischen und gesellschaftlichen Normalität verabschiedet hat. Aus diesem Grund haftet den öffentlichen Bekundungen, denen zufolge der „Markt“ sich erholen und der gesellschaftliche Zusammenhalt gewahrt bleiben wird, immer etwas Verzweifeltes an. Man kann nicht mehr an sie glauben. Mehr noch: Man will nicht mehr an sie glauben. Immer mehr Menschen halten die heutige Normalität für ziemlich verrückt.

Irgendwann einmal wird man verwundert auf diese Epoche zurückschauen und sich die Frage stellen, warum man diesen ganzen Käse, diese ganze sinnlose Raserei so lange mitgemacht hat.


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