02/2010 — Vernunft

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agora42 02/2010 Vernunft – Eine knappe Ressource

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Ich hoffe, liebe Leserin, lieber Leser, Sie sind nicht vernünftig – sonst würde ich mir Sorgen um Ihr Wohlergehen machen. Denn wie ist es heute um die Vernunft bestellt?
Den Rahmen unserer Lebenswirklichkeit gibt, wie man nicht müde werden kann zu betonen, die Ökonomie vor. Das muss nicht immer auf so drastische Weise deutlich werden wie durch die Aussage des Chefs der US-Bank Goldman Sachs, demzufolge Banken „Gottes Werk“ verrichten; auch hierzulande lässt sich gut beobachten, was, bei allen Relativierungen, höchste Priorität hat: „Wachstum zu schaffen, das ist das Ziel unserer Regierung“, ließ zum Beispiel die Bundeskanzlerin verlauten. Wohlgemerkt: Das Ziel besteht nicht vor allem darin, sich für den Erhalt von Frieden und Freiheit einzusetzen oder für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Man geht vielmehr davon aus, dass eine funktionierende Wirtschaft alles andere nach sich zieht. Bereitwillig lässt man sich an die „unsichtbare Hand“ nehmen – nicht Gottes, nein, der Ökonomie.
Die Ökonomie gibt die Rahmenbedingungen für alle vernünftigen Gedanken und Handlungen vor. Folglich ist Vernunft kein Korrektiv der Ökonomie, sondern deren Bestandteil. Es scheint, als ob sich unsere Perspektive verkehrt hätte: Unser Hauptaugenmerk liegt nicht auf unserer unmittelbaren Lebenswirklichkeit, sondern wir sehen uns als Teil eines großen, vernünftigen Prozesses, den wir am Laufen halten müssen. Zuerst das „große Ganze“ der Ökonomie, dann darf ich mich auch wieder um meine (bescheidenen) Bedürfnisse kümmern.
Natürlich weiß jeder, dass es eine solche ökonomische Ordnung nicht gibt wie ein bestimmtes Ding – sie ist eine Vorstellung, ein Bild, das wir uns machen, oder ein abstraktes Modell, das wir entwerfen. Es gibt Maschinen, Arbeiter, Produkte, Händler etc., aber der Wirtschaft wird noch niemand begegnet sein. Dennoch ist die Vorstellung das Entscheidende. Denn das, was unser Leben maßgeblich bestimmt, was zum Beispiel darüber entscheidet, ob die Firma, in der ich arbeite, und damit auch die Maschine, an der ich stehe, weiterhin existiert, hängt maßgeblich (und heute mehr denn je) davon ab, welches Bild man sich von „der Wirtschaft“ macht. Wenn man zum Beispiel der Meinung ist, es sei gut für „die Wirtschaft“, dass man Unternehmen subventioniert, kann dies zur Folge haben, dass ich meinen Arbeitsplatz behalte; je nachdem, welche Schlussfolgerungen ich aus der abstrakten Vorstellung der „Globalisierung“ ziehe, wird dies sehr konkrete Folgen dafür haben, welche Industrie an welchem Ort angesiedelt sein wird u. Ä.
Wir tun beinahe so, also ob wir „der Wirtschaft“ jeden Morgen in der Straßenbahn begegnen würden – dabei existiert ein Ganzes der Wirtschaft nur in unserer Vorstellung beziehungsweise im Modell. So wenig, wie ein Naturwissenschaftler sich mit den Naturgesetzen zum Mittagessen verabreden kann, wird einem Ökonomen (einem Unternehmer, einem Politiker) ein Tête-à-Tête mit „der Wirtschaft“ gelingen. Letztlich gibt es keine nachvollziehbaren Gründe dafür, warum eine wirtschaftliche Strategie „erfolgreich umgesetzt“ werden konnte oder „funktioniert“ hat. Der Erfolg eines Modells hängt in erster Linie davon ab, wie glaubhaft es ist – mithin davon, wie viele Menschen und wie viele Menschen in entscheidenden Positionen von einem bestimmten Glauben, das heißt einer bestimmten Vorstellung von Wirtschaft, überzeugt sind.
Unsere Vernunft ist also heute gespalten. Auf der einen Seite sehen wir klar und deutlich, dass die Vorstellung von einer „Wirtschaft“ als Ganzes sich unserem Zugriff entzieht, dass Ökonomie Glaubenssache ist, auf der anderen Seite haben wir zugelassen, dass diese Vorstellung unser ganzes Leben „vernünftig“ strukturiert. Schon in wenigen Jahren werden uns unsere Kinder fragen, wie wir im Ernst an die Existenz einer solchen Ökonomie glauben konnten – einer Ökonomie, von der wir angenommen haben, sie verstehen oder gar lenken zu können. Wir werden uns dasselbe fragen.
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