02/2011 – Was macht das Leben komplex?

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agora42 2/2011 Was macht das Leben komplex?

Komplexität

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Editorial


Allzu lange hat man die Theorie hintangestellt. Wozu Theorie, wenn doch allein die Praxis zählt? Allenfalls wurde ihr die Rolle der Dienerin der Praxis zugebilligt. Philosophie wurde auf den Stellenwert eines netten Hobbys degradiert – für all jene, die es sich leisten können, einer „brotlosen Kunst“ nachzugehen. Die Ökonomie wiederum wurde nach und nach „entmenscht“: Wozu sich noch Gedanken über zickige Subjekte machen, die sich einfach nicht in ökonomische Modelle einfügen wollen? Da ist es doch viel einfacher, ein berechenbares Wesen, den Homo oeconomicus, zu erfinden; der ist vielleicht manchmal ein wenig kompliziert, aber weitaus weniger komplex als der Homo sapiens. Wozu sich noch Gedanken über das „große Ganze“ machen, wenn man doch alles, selbst den Menschen, in ökonomische Schubladen stecken kann? Die Kluft zwischen Theorie und Praxis vergrößerte sich wie jene zwischen Arm und Reich.
Entgegen dem Common Sense gibt es aber keine Praxis, die nicht von Theorie durchdrungen wäre und auf Theorie basierte. Alles, was wir in der Praxis tun, wird begleitet von Theorie: von der Frage nach dem Sinn und Zweck dieses Tuns, von Vorstellungen, die wir von der Welt – der Gesellschaft, dem Menschen, der Familie, der Arbeit, von uns selbst etc. – haben und nach denen wir unser Tun ausrichten. Die Komplexität, die wir in dieser Welt vorzufinden meinen, ist also nichts an und für sich Gegebenes; sie kommt vielmehr durch das Aufgehen des Denkens in der Welt, durch die Beschäftigung mit bestimmten Dingen zustande.
In den Worten Slavoj Zizeks: „Wenn du die Philosophie nicht verstehst, heißt das, dass du einen Teil deiner selbst nicht verstehst. Ein guter Philosoph sollte dir verständlich machen, dass die Komplexität der Dinge deine eigene Komplexität ist. Es ist nicht so, dass wir Philosophen die Dinge gerne komplizieren. Wir machen das transparent, von dem du selbst nicht weißt, was du tust.“
Wenn Komplexität aber mit uns selbst zu tun hat – und nicht mit einem „objektiven“ Zustand –, dann stellt sich die Frage, was mit uns nicht stimmt, wenn allerorten darüber geklagt wird, dass „die Welt (das Leben) immer komplexer“ werde, dass „immer mehr unter einen Hut gebracht“ werden müsse etc. Es scheint so, dass mit „Komplexität“ eine Befindlichkeit beschrieben wird; ein Gefühl des Ausgeliefertseins an „alternativlose“ Umstände; ein Gefühl, dass das Leben in vielerlei Hinsicht vorherbestimmt ist; ein Gefühl der Unfreiheit: „We walk like tigers in cages. With each passing turn the smaller and smaller the circles.“ (Justin Sullivan).
Möge die Theorie in dieser Ausgabe der Praxis neue Freiräume aufzeigen.

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