03/2011 — Freiheit

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agora42 3/2011 Freiheit

Freiheit

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Editorial


Freiheit bedeutet heute nicht mehr das, was es beispielsweise zur Zeit der Französischen Revolution bedeutet hat. Jedenfalls nicht in Europa. Und das ist schlecht.
Eiskalte Kosten-Nutzen-Abwägungen, pure und unverhohlene Besitzstandswahrung und wenn Aufbegehren, dann nur, wenn es ans eigene Portemonnaie geht oder man sich von lieb gewonnenen Gewohnheiten verabschieden müsste. Wo sind die Menschenmassen, die für die Freiheitsbewegungen in Nordafrika auf die Straße gehen? Wo sind die stolzen, freien Bürger Europas, die zu Hunderttausenden losziehen, um ihren mutigen nordafrikanischen Brüdern und Schwestern mit der Waffe in der Hand zur Seite zu stehen? – Undenkbar. Am liebsten wäre den meisten Europäern doch eigentlich Demokratie plus al-Gaddafi. Das Öl soll bitte schön, schon wegen des guten Gewissens, von freien Bürgern nordafrikanischer Demokratien geliefert werden; aber Leute wie al-Gaddafi sollen für Ruhe und Ordnung sorgen, damit der Ölfluss vor lauter Freiheit nicht ins Stocken gerät. Wie verlogen! Es wird schon schwierig sein, jemanden zu finden, der einen nordafrikanischen Flüchtling bei sich aufnimmt.
Europa, aufwachen! Es geht nicht mehr darum, unser Wohlstandsniveau zu wahren, auch nicht primär darum, den Wohlstand gerechter zu verteilen, sondern darum, gemeinsam mit dem eklatanten Verlust an Wohlstand, der uns bevorsteht, fertig zu werden. Freiheit muss heute in immer schwierigeren Verhältnissen, das heißt in einer Zeit, in der an allen Ecken und Enden das Geld ausgeht, verteidigt werden. Und nicht nur verteidigt, sondern in manchen Bereichen sogar wieder neu erkämpft. Denn in den vergangenen Dekaden ist die konkrete Freiheit der Bürger zugunsten einer abstrakten Freiheit des Kapitals und des Warenverkehrs eingeschränkt worden. Insofern werden wir in Zukunft einen hohen Preis für Freiheit zu zahlen haben. Fehlt der Mut, sich dies einzugestehen? Ist die Angst vor den kommenden Aufgaben so groß, dass man lieber die Augen verschließt und auf Erlösung wartet? Hat man akzeptiert, dass Demokratie, global gesehen, nur noch die Heuchelei der Besserverdienenden ist? Spricht man nicht offen über Themen wie Gerechtigkeit und Freiheit, weil Gerechtigkeit heißen würde, auf die eigenen Privilegien verzichten zu müssen? Und weil Freiheit Revolution bedeuten würde – Revolution gegen das Diktat einer Wirtschaftsoligarchie, in der Menschen auf bloße Konsum- und Arbeitsamöben herabgestuft werden?
Oder, noch schlimmer, will man von all dem gar nichts mehr wissen? Hat man sich so sehr auf das Funktionieren eingelassen, dass man gar nicht mehr weiß, was Freiheit eigentlich bedeutet? Und strampelt jetzt, wie ein ehemaliger Radprofi, nur noch weiter, um dem Infarkt zu entgehen?
Eigentlich ist es ganz einfach. Sollte es zumindest sein, zumal hierzulande, wo man nach dem letzten Krieg geschenkt bekommen hat, was man weiß Gott nicht verdient hatte. Man hat als Europäer die Pflicht, Freiheit und Demokratie überall bedingungslos zu unterstützen. („Bedingungslos“ – ein Wort, das allerdings heute kaum einem Europäer mehr über die Lippen geht.) Werden sich aber Heuchelei, Selbstgerechtigkeit und die Vorherrschaft ökonomischer Kalküle fortsetzen, dann steht Europa der politische und soziale Kollaps bevor, weil sich Anspruch und Wirklichkeit nicht mehr vereinbaren lassen. Dann wird es mit der Freiheit Europas auf lange Sicht vorbei sein.

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