03/2014 — Das Unsichtbare

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Editorial


„Ommm – – – Ommm – – – Ommm ...“
Halt! Keine Sorge, liebe Leserinnen, liebe Leser: Auch wenn der Titel der vorliegenden Ausgabe anderes vermuten lassen könnte, mutiert agora42 nicht zu einem Esoterik-Magazin. Wir werden uns weder auf die Suche nach dem unsichtbaren Prinzip des Universums noch nach einer im Verborgenen wirkenden Urenergie machen. Es geht um Wichtigeres.
Denn natürlich – und in diesem Punkt ist der ansonsten eher reflexionsscheuen Eso-Ecke recht zu geben – ist das Unsichtbare da. Es nicht weniger präsent oder weniger wirksam als das Sichtbare. Im Gegenteil: Das Unsichtbare ist das, was allem zugrunde liegt, das, von dem man immer schon ausgeht, das, was das gesellschaftliche Leben im Innersten zusammenhält. Mit anderen Worten: Es ist das Selbstverständliche.
Jegliche Ordnung ist auf ein gewisses Maß an Selbstverständlichkeit, auf den Glauben an ihr sinnvolles Funktionieren angewiesen. Allerdings ist diese Selbstverständlichkeit nie einfach so gegeben. Vielmehr erwächst die Stabilität des Unsichtbaren aus permanenter kollektiver Anstrengung und Konzentration: Werte müssen gesetzt und glaubhaft vertreten, Freiheit muss verteidigt oder neu erkämpft werden; Sinn fällt nicht vom Himmel, sondern muss dem täglichen Tun stets aufs Neue verliehen werden; Vertrauen verlangt Mut und Zuversicht.
Von Vertrauen leben indes nicht nur Partnerschaften und Demokratien; es lebt davon auch jene Über-Ordnung, die wir „Wirtschaft“ nennen. Würde das kollektive Vertrauen in Geld schwinden, zerbröselte der (unsichtbare) Kitt, der die vielfältigen Tätigkeitsfelder miteinander verbindet. Verlöre man den Glauben an die Existenz eines sinnvoll geordneten Marktes, man müsste mit der Organisation der Gesellschaft von vorn beginnen.
Und tatsächlich scheint der Wirtschaft die Selbstverständlichkeit immer mehr abhanden zu kommen. Sie wirkt immer widersprüchlicher, sinnloser, ungerechter. An ihr Wachstum können wir nicht mehr recht glauben – oder wollen es aufgrund der bereits sichtbaren (oder zumindest absehbaren) ökologischen Folgeschäden auch nicht mehr. Die Märkte sind so volatil wie das Wetter, ständig muss man mit allem rechnen. Entsprechend verliert auch unser Alltag an Stabilität. Die Grenzen verschwimmen. Wo man von nichts mehr selbstverständlich ausgehen kann, wo alles zur Aufgabe wird, weil nichts mehr feststeht, da herrscht nicht Freiheit, sondern Zwang.
„Gott ist tot“, stellte einst Friedrich Nietzsche fest und meinte damit, dass der Glaube an Gott und mithin an eine göttliche Ordnung verschwunden ist. Er fuhr fort: „Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“ Heute wissen wir: Mit dem Glauben an eine neue Ordnung. Könnte es nun bald „Der Markt ist tot“ heißen?

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