04/2010 — Ich: Ausgeburt des Marktes?

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agora42 4/2014 Ich – Ausgeburt des Marktes?

Ich - Ausgeburt des Marktes

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Editorial


Liebes Leserinnen-Ich, liebes Leser-Ich,

das waren noch Zeiten, als die Ichs begonnen haben, das sichere Ufer zu verlassen und ins Meer zu springen. Aufbruch, Freiheit, Wirtschaftswachstum, Wohlstand! Das Homo-oeconomicus-Ich machte sich los von moralischen und sozialen Zwängen, planschte fröhlich in Ufernähe. Und wie es nun einmal so ist: Bald traute man sich auch ein wenig weiter hinaus, bald schwand die Angst, den Boden unter den Füßen zu verlieren – die Ausflüge auf die offene See wurden ausgedehnter.

Natürlich litt das Soziale ein wenig unter den Ausflügen in die welligen Wirtschaftsweiten, natürlich wurden auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen geschäftiger und geschäftsmäßiger – jeder musste schauen, wie er sich über Wasser hält. Immer mehr Bereiche unseres Lebens wurden zu Meere getragen. Aber man fühlte sich auch bei starkem Wellengang wie von einer unsichtbaren Hand getragen …

Und nun? Wir sind zu weit aufs Meer hinausgeschwommen. Ringsherum nichts mehr zu sehen, wo unser Ich Halt finden könnte. Alles leer. Wo man hinsieht, nur die Wasserwüste der Ökonomie, weit und breit kein Ankerplatz mehr für gesellschaftliche Zukunftsvisionen. Wir haben Freiheit mit Selbstaufgabe verwechselt und das Ufer aus den Augen verloren. Wir haben uns treiben lassen, unser Ich voll und ganz aufs Spiel gesetzt. Verspielt.
Natürlich hatten wir es längst geahnt: dass wir es vielleicht nicht mehr zum Ufer zurück schaffen würden. Aber haben wir uns nicht derivatreich und demokratiegläubig eingeredet, der Wahrheit entkommen zu können? Haben wir nicht geglaubt, immer weiter hinausschwimmen zu können? Jetzt ist Gewissheit eingekehrt. Eiskalt fährt uns der Schock in die Glieder, plötzlich spüren wir den Sog der Tiefe, unbeholfener werden unsere Bewegungen, kaum mehr Kraul, meistens toter Mann.

Gleichviel. Nun werden nicht mehr wir die Umstände bestimmen, sondern diese uns. Wer über Wasser bleiben oder eine Insel finden wird – Zufall. Vielen wird dies lieber sein. Zunächst. Doch irgendwann, wenn der Hunger groß genug, die Lebensverhältnisse allzu bedrückend, die Ungerechtigkeit himmelschreiend geworden sind, wird man sich fragen, warum man das Ich einmal mehr einer alles verschlingenden Ordnung ausgeliefert hat. Warum man nicht gesehen hat – oder nicht sehen wollte –, dass es keine Rolle spielt, ob diese Ordnung weltanschaulicher oder ökonomischer Natur ist. Warum man sich auf einen wirtschaftlichen Totalitarismus eingelassen hat – obwohl man doch sicher war, aus den Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts gelernt zu haben. Vielleicht wird man irgendwann auch begreifen, dass es keine Patentrezepte gibt, keine Ordnung, in der man ein Ich einrichten kann. Und dass alles umso schlimmer wird, je stärker man an eine solche Ordnung glaubt.


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