04/2011 – Fortschritt

7,90€
Enthält 7% reduzierte MwSt.
zzgl. Versand
Lieferzeit: ca. 2-3 Werktage
Bei Lieferungen in Nicht-EU-Länder können zusätzliche Zölle, Steuern und Gebühren anfallen.

agora42 4/2011 Fortschritt

Fortschritt

Zur Heftvorschau
Editorial


Es war einmal ein Fortschritt. Er erhob sich aus Trümmern und Ruinen und bestellte fürderhin viele Felder. Als diese aber schließlich blühten und grünten, war er seines Ziels beraubt. So stieg er einen Berg hinauf, um sich nach neuen Betätigungsfeldern umzusehen. Dort oben wurde er gewahr, dass der Felder, die da brach lagen, noch unendlich viele waren. Und auch das Blühen und Grünen, so stellte er fest, war meist nicht von langer Dauer. Große Selbstzweifel überkamen den Fortschritt. Doch innehalten wollte er nicht. Allzu sehr hatte er sich an das Schreiten gewöhnt. So beschloss er, wenn schon nicht vorwärts, dann eben rückwärts zu schreiten. Er ging den Berg hinab und grub erst dem einen, dann dem anderen Feld das Wasser ab, setzte Schädlinge aus, verschmutzte die Luft …
Wo stehen wir? Man könnte meinen, dass wir uns in einer Phase des Fortschrittszweifels befinden. Man beäugt den Fortschritt skeptisch und hinterfragt ihn kritisch, doch man weiß ihn noch an seiner Seite. Die Vernünftigen führen das Wort: Menschen also, die dem Fortschritt Vernunft beibringen und ihn vom törichten Zurückschreiten abhalten wollen; Menschen, die meinen, der Fortschritt könne womöglich gar in fortschrittlichere (nachhaltigere) Bahnen gelenkt werden.
Tatsächlich aber deuten alle relevanten Faktoren darauf hin, dass der Fortschritt bereits die Verwandlung zum Rückschritt vollzogen hat: eine Staatsverschuldung, über die es sogar im manager magazin heißt, es sei zur „Lebenslüge des Westens“ geworden, sie noch beherrschen zu können. Nicht nur, dass Europa unter der Schuldenlast taumelt, parallel brechen auch in den USA, dem „globalen Konsumenten“ mit hohem Weltimportanteil, alle Schuldendämme. Kein Wunder, dass das totale Katastrophenszenario an Kontur gewinnt: Was, wenn die nächste Wirtschaftskrise hereinbricht, die aufgrund fehlender Regulierungen, ungewisser finanzieller Altlasten und der zunehmenden Gefahr von Staatspleiten immer wahrscheinlicher wird? Begleitet wird das globale Trauerspiel von der Entstehung neuer beziehungsweise der Verschärfung bestehender Konflikte durch Ressourcen- und Wasserknappheit, Migration, Umweltzerstörung etc.
Wenn dem großen Ganzen die Luft ausgeht, werden die Spielräume im Inneren kleiner. Konflikt wird zum gesellschaftlichen Konsens: ob Nachbarschaftsstreit, Stuttgart 21 oder andere Bau- beziehungsweise Immobilienprojekte, ob Arm gegen Reich oder Jung gegen Alt. Dass durch die zunehmende Unterordnung unter Effizienzkriterien und die Orientierung an Leistungsnormen der Druck auf die Arbeitnehmer stetig zunimmt, weiß man schon seit Jahren: Stress, Burnout, Depression. Kaum vorstellbar, dass sich die Situation bei knapperer Kassenlage verbessern wird.
Das alles sehen auch die Vernünftigen. Aber sie versuchen verzweifelt zu ignorieren, dass im Rahmen des momentan gesellschaftlich Möglichen nichts am Rückschritt geändert werden kann. Denn diesen Rahmen gibt eben jene ökonomische Ordnung vor, die gerade implodiert. Was heute vernünftig daherkommt, ist somit nur der Versuch, die Angst zu bemänteln – jene Angst, sich eingestehen zu müssen, dass der Rückschritt unaufhaltsam ist. Vernünftige Strategien sind also bereits selbst Teil des Rückschritts, weil sie den unvoreingenommenen Blick auf unsere Lage versperren. Unser derzeitiger Lebensentwurf – nennen wir ihn Kapitalismus – ist nichts, was vernünftig funktionieren könnte: Man fährt mit ihm auf Verschleiß oder gar nicht. Und viel zu lange haben wir uns der kapitalistischen Herrschaft angedient, als dass ein Ausstieg noch gefahrlos möglich, geschweige denn überhaupt denkbar wäre. Oder können Sie sich eine nicht-kapitalistische Welt vorstellen?
Wir werden also weiterfahren – immer weiter zurück. Irgendwann werden wir dann doch abspringen; gezwungenermaßen, weil uns im Innenraum unseres kapitalistischen Gefährts die Luft zum Atmen ausgeht, und steif vor Angst, weil wir schon viel zu schnell unterwegs sind, um einen Sprung riskieren zu dürfen.
Gibt es also kein Entkommen aus dem Rückschritt? Oder gibt es ein Entkommen nur dann, wenn ohnehin alles egal ist? Der einzige Ausweg besteht darin, dass wir springen, ohne dazu gezwungen zu sein und solange das Tempo noch die Chance auf eine halbwegs heile Landung zulässt. Sagen wir es ganz deutlich: Wir müssen springen, ohne zu wissen, was uns dort draußen erwartet.

[su_spacer size=”5″]

Kategorie: