05/2011 — Risiko

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agora42 5/2011 Risiko bleibt riskant

Risiko bleibt riskant

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Editorial


Risiko? Nein danke. Wagnisse gehen doch nur Menschen ein, die noch nicht oft genug auf die Nase gefallen sind. Wer geschickt ist, lässt sich lieber ein Hintertürchen offen. Im Privaten: Wer weiß schon, wie das Leben spielt? Die Beziehung kann in die Brüche gehen, da behält man sich doch lieber den letzten Rest an Hingabe vor und die Augen offen. Oder im Beruflichen: Warum sich voll verausgaben? Damit die Firma dann ins Ausland abwandert? Ein Job ist doch immer nur ein Kompromiss. Da sucht man sich am besten erst gar keinen aus, der dieses Vorurteil widerlegen könnte. Oder im Politischen: Freiheit, Gerechtigkeit? Schön und gut, aber man muss solche Dinge auch mal hintanstellen, wenn es um handfeste Interessen geht (das heißt in erster Linie um Geld).
Doch dieser ausgesparte Rest ist das große Problem. Denn die wichtigen Dinge im Leben gibt es nur ganz oder gar nicht. Liebe lässt keine Wahl. Sinnvolles Tun verträgt sich nicht mit Halbherzigkeit. Freiheit lässt sich nicht in einen Topf mit Sicherheit werfen. Gerechtigkeit kann nicht das eine Mal gelten und das andere Mal nicht.
Es geht nicht darum, den Moralapostel zu spielen. Es geht darum, an einen Punkt zu gelangen, an dem man sich entscheidet, rückhaltlos für etwas einzustehen. Kompromisse zu finden – unter anderen Umständen ein großes Verdienst –, hat heute meist mit Feigheit und mit Unsicherheit zu tun. Man weicht Entscheidungen aus, weil man sich selbst nicht über den Weg traut. Um dieses Ausweichen zu rechtfertigen, werden die wildesten Ausreden erfunden und zahlreiche Aufgaben vorgeschoben. Jene Dinge aber, bei denen man wirklich über seinen Schatten springen und das Risiko eingehen muss, grundsätzliche Schieflagen im eigenen Leben oder in der Gesellschaft aufzudecken, werden nicht angetastet. Doch das Leben folgt einer gnadenlosen Logik: Jeder feige Kompromiss, jedes Ausweichen erhöht unweigerlich das Risikopotenzial. Das gilt im privaten Bereich ebenso wie im gesellschaftlichen oder im politischen Kontext.
Das Risiko, das daraus erwachsen ist, dass Konflikte über Jahrzehnte hinweg und in allen gesellschaftlichen Bereichen verschleppt statt ausgetragen wurden, kann größer kaum sein. Konflikte sind mit Schuldscheinen zugedeckt worden und konnten unter dieser Oberfläche ungestört keimen. Große Teile der natürlichen Ressourcen und einer lebenswerten Umwelt sind dem Fortschrittsglauben zum Opfer gefallen. Die westliche Welt hat fast ausnahmslos Profit vor Freiheit und Gerechtigkeit gesetzt und dadurch weltweit Misstrauen gesät.
Dies alles macht es nicht leichter, heute kompromisslos vorzugehen. Zumal die Zeit, in der die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen gewaltlos durchzusetzen gewesen wären, vorbei ist. Viel zu viele Menschen in der westlichen Hemisphäre glauben, ein gewisses Maß an Wohlstand verdient zu haben. Die Wenigsten sind zu Einschnitten bereit. Doch jene, die Freiheit und Gerechtigkeit verfolgen, wird das nicht abschrecken. Sie legen sich fest, wo andere sich festlegen lassen. Sie wissen, dass die Angst davor, sich festzulegen, das Risiko selbst ist.

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