06/2009 – Ökonomie & Gerechtigkeit

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Editorial


Warum ein Magazin für Ökonomie und Philosophie? Und warum jetzt?
Die Ökonomie ist heute der unüberschreitbare Horizont unseres Lebens. Drehten sich die gesellschaftlichen Debatten der vergangenen Jahrhunderte um die Frage, welche Gesellschaftsform für die Menschen die beste sei, ob z.B. die ständische Gesellschaft, religiöse Gesellschaftsordnungen, die liberal-demokratische Gesellschaft, der Kommunismus oder der Faschismus vorzuziehen sei, so haben sich solche Fragestellungen inzwischen erübrigt. Die beste Gesellschaftsform ist jene, die der Ökonomie am meisten nützt.
Wir sind gewissermaßen selbst „ökonomisch“ geworden, das heißt unser Denken und Handeln wird nicht nur von dem Ziel bestimmt, materielle Absicherung und Wohlstand zu erlangen, sondern wir haben uns die ökonomischen Strategien quasi einverleibt. Wir haben keinen nicht-ökonomischen Rückzugsraum mehr, Ökonomie ist völlig selbstverständlich geworden. Das heißt nicht, dass die Ökonomie immer im Fokus steht; es heißt, dass sie, auch wenn sie nicht thematisiert wird, trotzdem immer mit im Spiel ist, dass sie alles durchzieht und alles zusammenhält. Beispielsweise heißt Sport treiben heute auch, sich in einem Zustand zu erhalten oder in einen Zustand zu bringen, der befähigt, im gesellschaftlich-ökonomischen Rahmen produktiv zu sein – oder zumindest das Budget der Krankenkassen weniger zu belasten. Auch alles, was mit sogenannter Individualität zu tun hat, dient letztlich als Treibsatz für die Ökonomie: Individualität schafft das Bedürfnis nach neuen und überraschenden Produkten; ohne die Aura von Individualität kein Kaufreiz.
Wenn „Philosophie“ den Versuch bezeichnet, die Welt und die menschliche Existenz zu deuten, das „große Ganze“ zu fassen, dann muss sie sich heute ökonomischen Fragestellungen widmen. Denn Mensch und Welt sind selbst zum Produkt geworden. Der Mensch kann in jeder Hinsicht bewertet werden, nicht nur in Bezug auf seine Leistung bzw. gesellschaftliche Funktion, sondern auch der Körper selbst (Organhandel, Blut, Sperma, Eizellen, medizinische Versuche, Bewertung der Gesundheit in Bezug auf Krankenkassenbeiträge etc.). Die Welt wiederum ist Ressource, angefangen von Bodenschätzen bis hin zur Luft, die wir atmen (CO2-Zertifikate). Sie dient darüber hinaus als Arena für sportliche Aktivitäten oder als Erholungsraum für „Humankapital“ – und auch hier gibt es einen Freizeit- und einen Erholungs-Wert.
Ein Ausbruch aus dem einheitsstiftenden ökonomischen Rahmen scheint unmöglich: Selbst die Funktion Gottes hat heute das Geld übernommen, vertreten durch die Geldinstitute (zum Himmel strebenden Bankentürme oder die Ehrfurcht gebietenden Eingangshallen vieler Bankgebäude seien beiläufig erwähnt). Geht es darum, dringende Probleme wie globale Erwärmung, Hunger oder Wassermangel zu bekämpfen, die eine existenzielle und unmittelbare Bedrohung für einen großen Teil der Menschheit darstellen, findet sich immer genügend Zeit, das Vorgehen noch einmal zu überdenken. Geraten aber Finanzinstitute in Gefahr, wird sofort und bedenkenlos gehandelt; der Ruf „Rettet die Banken“ ist „ein bedingungsloser Imperativ“ (Slavoj Zizek). Nichts lässt sich an dieser Dringlichkeit messen, Widerstand ist zwecklos. D.h. die Art und Weise der gesellschaftlichen Reaktion – eben die Tatsache, dass nicht wie bei anderen drängenden Problemen gezögert wurde, dass sofort, transnational und über Parteigrenzen hinweg gehandelt wurde – liefert den Beweis dafür, dass es um eine Glaubenssache geht. Ob die „Bankenrettungen“ nun sinnvoll waren oder nicht,

spielt in dieser Hinsicht keine Rolle; es geht darum, dass offensichtlich geworden ist, was tatsächlich „höchste“ Priorität für uns hat: Geld.
Umgekehrt ist der ökonomische Zusammenhang philosophisch geworden. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman beispielsweise fordert, dass die Ökonomie ihre Grundlagen völlig neu überdenken muss. In den letzten Jahrzehnten sei ihr das Bild eines klugen und rationalen Menschen zugrunde gelegt worden. Ausgehend davon entwickelte man immer kompliziertere Theoriemodelle, die aber, wie die Finanz- und Wirtschaftskrise zeigte, „spektakulär nutzlos und im schlimmsten Fall schädlich“ (Krugman) waren. Die Ökonomie müsse nun ein neues Menschenbild finden. Bei der Lektüre der zahlreichen Publikationen, die sich mit der Finanz- resp. Wirtschaftskrise befassen, fühlt man sich in die Zeit der großen philosophischen Debatten zurückversetzt.
Möglichkeiten, die vorhanden sind, aber nicht als solche wahrgenommen werden, zu thematisieren und damit ins Blickfeld zu rücken, dafür wird agora42 eine Plattform bieten. agora42 eröffnet also neue Perspektiven und steht insofern für pure Praxis. Denn mit Hegel gilt: „Ist erst das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus.“


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