06/2010 — Krieg light

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agora42 6/2010 Krieg light

Krieg light

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Editorial


Krieg geht immer Abstraktion voraus. Eine Abstraktion, die dazu führt, dass man im Gegenüber nicht mehr den Menschen, sondern beispielsweise den „Feind“ sieht. – Geschenkt, mag sich manch einer denken. Aufgeklärt und geschichtsbewusst, wie wir uns heute geben, sehen wir uns gegenüber einer solchen Sichtweise gefeit. Wir wissen: Krieg bringt nichts. Außer mehr Leid. Aber reicht solches Wissen aus?
Kriege zu verhindern ist nicht bloß eine Sache der vernünftigen Einsicht. Es reicht nicht aus, einfach „gegen Krieg“ zu sein – so, als ob Krieg nur etwas rein Äußerliches wäre. Jede Kultur trägt beständig die Gefahr der Selbstauslöschung in sich. Deutschland zum Beispiel war nicht lange vor dem Zweiten Weltkrieg eines der kultiviertesten Länder der Welt. Das Problem besteht darin, dass die Versuchung immer aus der Richtung kommt, in die man gerade nicht schaut. Deshalb wird die Gefahr eines Kriegs stets maßlos unterschätzt. Kultur, Wissenschaft oder Religion – das alles hat sich als unwirksam gegen Kriege erwiesen oder sie gar provoziert.
Also: Was tun? Zunächst sollten wir uns an den Ausruf Willy Brandts „Auch Hunger ist Krieg!“ erinnern. Weithin werden die Augen davor verschlossen, dass wir längst wieder ein gefährlich hohes Abstraktionsniveau erreicht haben: Wir leben in einer ökonomischen Ordnung, in der Grundnahrungsmittel zu Spekulationsobjekten geworden sind, in der andere Länder nur noch nach ihren Ressourcen bewertet und entsprechend ausgebeutet werden. Längst schon befinden wir uns wieder im Krieg, nur fallen die Verluste vor allem in den südlichen Ländern unseres Planeten an. Noch.
Parallel dazu wird keine Chance ausgelassen, die Gräben zu vertiefen, die unser eigenes Land durchziehen. Jeder kennt die Probleme: Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf, Lohnuntergrenzen werden geschickt umgangen, Lohnobergrenzen als „unrealistisch“ verworfen (so, als ob die wirtschaftliche „Realität“ nicht menschengemacht wäre); Zwei-Klassen-Medizin hier, ein Paralleluniversum der Banken dort; Mit-dem-Finger-Zeigen auf „Integrationsunwillige“ statt Durchbrechen des Teufelskreises durch Demonstration der ehrlichen Absicht, die Probleme gemeinsam lösen zu wollen. Und wo bleibt die Selbstkritik? Wenn man so überzogen auf andere Sitten und Gebräuche reagiert, wie hierzulande zu beobachten, sollte man sich fragen, ob vielleicht die Diskussionen über „Ausländer“ oder „Migranten“ nicht nur vorgeschoben sind und eine Schieflage des „großen Ganzen“ der Gesellschaft verschleiern. Sind solche Diskussionen nicht nur ein Zeichen für die Unwilligkeit, notwendige Veränderungen herbeizuführen? Veränderungen, die die Grundlagen der Gesellschaft neu bestimmen? Wird hier nicht ein Sündenbock für die eigene Unflexibilität und Bequemlichkeit gesucht? Will man nicht nur sein schlechtes Gewissen beruhigen?
Der Streit um Stuttgart 21 zeigt beispielhaft, wohin wir uns in allen Bereichen der Gesellschaft tendenziell bewegen: Die Konflikte werden härter. Jeder hat recht. Die Verluste dieser Konflikte lassen sich zwar noch nicht durch Leichen am Straßenrand, wohl aber durch die zunehmende Zahl derjenigen beziffern, die sich gestresst und auf sich selbst zurückgeworfen fühlen – und dies betrifft alle Schichten und Gruppen. Immer mehr Menschen ziehen sich in die „innere Emigration“ zurück oder ordnen sich den „Sachzwängen“ unter. Frustration und Zynismus allerorten – „Da kann man halt nichts machen“. Der Blickwinkel verengt sich, das „große Ganze“ gerät mehr und mehr aus den Augen.
Noch können wir das Ruder herumreißen, noch können wir die abstrakt gewordene Ökonomie wieder in den Dienst der Menschen stellen (nicht nur hierzulande). Dazu bedarf es zum einen einer radikalen Abkehr von etablierten Strukturen und zum anderen einer neuen Formulierung der gemeinsamen Interessen sowie ihre entschlossene Durchsetzung. Es bedarf also einer Revolution.


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