06/2011 — Was kostet Geld?

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agora42 6/2011 Was kostet Geld?

Was kostet Geld?

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Editorial


In den Zeiten der Krise – in den Zeiten eines prognostizierten Untergangs sogar der westlichen Geldwertegemeinschaft – ertönt aus vielen Kehlen der Ruf nach einer neuen Ordnung der Finanzmärkte. Doch nicht nur die Regulation eines ungebändigten Marktes erscheint als das Gebot der Stunde. Nicht selten wird im gleichen Atemzug der Wunsch geäußert, die Menschen (wer auch immer dies ist) mögen ein anderes Verhältnis (was auch immer dies sein soll) zum Geld entwickeln.
Zumindest was das Geld ist, scheint seit mehr als hundert Jahren vergleichsweise gewiss. Seit der Berliner Privatdozent Georg Simmel sein monumentales Œuvre, die Philosophie des Geldes, einem zumeist unverständigen Publikum vorgelegt hatte, hätte man wissen können, was man bis heute gerne nicht weiß. Geld, so lautet Simmels freundliche erste These, demokratisiert. Der Geldwert macht alles mit allem vergleichbar und damit auch handel- und verhandelbar. Rassen, Klassen, Länderschranken fallen, Dünkel, Bräuche, Sitten, Privilegien und Religionen schmelzen dahin. Das Geld nivelliert die sozialen Unterschiede und erkennt stattdessen nur noch einen einzigen an: viel oder wenig.
Die zweite These, weniger freundlich, sieht darin allerdings zugleich ein Problem. Geld ist die einzige Sache der Welt, deren Qualität sich allein an der Quantität bemisst. Es ist Selbstzweck. Eine Eigenschaft, die, so möchte man hinzufügen, sonst vielleicht nur noch dem Leben selbst zukommt und dem Glück. Kein Wunder, dass Geld heute das Selbstwertgefühl der Menschen bestimmt. Doch wie das Glück eine endliche Ressource ist, so ist es auch das Lebensglück durch Geld. Wessen Einkommen im Durchschnitt einer wohlhabenden Gesellschaft liegt, dem wächst mit weiterem Geld nur noch minimales Glück hinzu.
Dass das Streben nach immer mehr Geld gleichwohl zum Elixier unserer Zeit geworden ist, hat einen schlichten Grund: Das, was wir diesem neuen Gott entgegensetzen können, ist zu schwach. Das Geld erobert den Raum, den Sitten, Religionen, Milieus und soziale Bande ihm peu à peu überlassen haben. Wenn selbst die Caritas nach allen strengen Regeln des Kapitalismus wirtschaftet, ist der Offenbarungseid geleistet. Dass wir dem Geld als Teufel die Seele überlassen – dem Geist, der stets verneint, was anderen heilig ist – erkannte schon Goethe, der seinem Mephisto die Weisheiten des Kapitalmarktes in den Mund legt. Auf Fausts Frage, wer er denn sei – Fliegengott, Verderber, Lügner? – antwortet dieser, er sei „Ein Teil von jener Kraft,/ Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Nicht anders unterhalten sich heute in den Talkshows, in denen unser Staatstheater gespielt wird, Sahra Wagenknecht und Hans-Olaf Henkel.
Doch ob die Fliegengötter, Verderber und Lügner der internationalen Finanzmärkte Böses oder Gutes schaffen, darf nicht mehr allein ihre eigene Angelegenheit sein. Was sich just mit ersten Protesten an der Wall Street und anderswo Gehör schafft, ist der Beginn eines epochalen Umbruchs. Das noch immer legale, aber moralisch längst delegitimierte Treiben der Finanzwirtschaft wendet sich zur Frage nach der Rechtmäßigkeit von Macht. Dürfen in einer modernen Demokratie undemokratische Kräfte wirken, die das verneinen, was die Mehrheit der Demokraten will …?

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