06/2012 — Gerecht Wirtschaften!

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Gerecht Wirtschaften
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Editorial


Ordnung kann so schön sein! Ist es nicht angenehm, wenn man gleich findet, was man sucht? Wenn man flugs zur Hand hat, was man benötigt – wie im Falle eines gut sortierten Werkzeugkastens? Und wenn man sich auch über das große Ganze der Gesellschaft keine Gedanken machen muss, weil es klare Regeln gibt, an denen man sich orientieren kann?

Nun kann es passieren, dass nicht nur im Werkzeugkasten alles durcheinandergerät, sondern die persönliche Lebensordnung ins Wanken kommt: „Dann stürzen die Kulissen ein. Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus (…). Eines Tages aber steht das ,Warum‘ da, und mit diesem Überdruss, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an.“ (Albert Camus)

In bestimmten historischen Konstellationen befällt dieser Überdruss, dieses Erstaunen nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Gesellschaften. Dann wird plötzlich vieles hinterfragt und kritisiert, was vorher im Zusammenleben selbstverständlich war. Mit einem Mal wundert man sich darüber, wie das alles hat überhaupt funktionieren können; die gesellschaftlichen Spielregeln verlieren ihre Wirkkraft, erscheinen sogar absurd.

Sicherlich hatte auch die Gründung der agora42 vor drei Jahren mit Erstaunen zu tun. Das war ein Jahr nach Beginn der sogenannten Krise und vieles, was zuvor undenkbar schien, wurde Realität: Da waren unversehens einige der größten Investmentbanken der Welt verschwunden, und man diskutierte über die Insolvenz von hoch entwickelten europäischen Staaten. Nicht nur das Vertrauen in die Fachleute, von denen nur wenige mit Ereignissen dieses Ausmaßes gerechnet hatten, auch der Glaube an die Selbstheilungskräfte des Marktes waren zutiefst erschüttert worden. Die Zweifel am modernen ökonomischen Selbstverständnis nahmen zu. Ein brisanter Nebeneffekt der Krise war, dass in ihrem Lichte nun auch all die anderen wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Probleme weit bedrohlicher wirkten; denn nun stand die Rahmenordnung selbst zur Disposition, auf deren Grundlage man gehofft hatte, die Probleme in den Griff zu bekommen. Mit anderen Worten: Es ging nicht mehr um das Werkzeug, sondern um den Werkzeugkasten.

Wie viele andere waren wir davon überzeugt, dass sich etwas ändern muss – und zwar grundsätzlich. Etwas Neues musste her, und wie immer in solchen Umbruchssituationen gibt es für dieses Neue kein Patentrezept. Also hilft nur Experimentieren. Doch anstatt dass nun die verantwortlichen Politiker entschlossen experimentierend die gesellschaftliche Neuausrichtung in Angriff nahmen, klammerten sich offensichtlich überforderte „Entscheidungsträger“ sogar noch stärker an die überlieferten („alternativlosen“) Strukturen und Strategien – vor allem an die ökonomischen. Der unheilvolle Warnruf – und nichts anderes ist die Krise –, wurde und wird geflissentlich überhört. Man marschierte immer weiter und setzte dabei mir nichts, dir nichts für das Zusammenleben wesentliche Richtlinien wie das Haftungsprinzip außer Kraft (beispielsweise hafteten für die Verluste der Hypo Real Estate die Gläubiger der Bank mit genau null Prozent, die Steuerzahler hingegen mit 100 Prozent – was die Staatsverschuldung um rund acht Prozent ansteigen ließ). Was für ein Widerspruch: Im Namen der Ordnung löst man die Ordnung auf!
Es ist wie in einem Beziehungsdrama: Weil der Mut fehlt, sich ganz aus einer Beziehung (Ordnung) zu lösen, die immer hässlichere Formen annimmt, mehren sich die Widersprüche und Streitigkeiten. Solange man sich am (unhaltbaren) Status quo festklammert, vergrößert sich das Chaos. Nur wenn man einen klaren Schnitt macht, ist ein Neuanfang möglich. In Bezug auf die Gesellschaft heißt dies: Erst dann können die notwendigen Regulierungen vorgenommen werden, derer sie in allen Bereichen so dringend bedarf (Finanzwirtschaft, Ressourcenverbrauch, Staatsverschuldung, Löhne & Gehälter etc. pp.).

Nach 18 Ausgaben zu grundlegenden Themen kehren wir zum Thema der ersten Ausgabe, Ökonomie & Gerechtigkeit, zurück – um neu aufzubrechen. Aufzubrechen zur neuen Ordnung gewissermaßen, weshalb dem Horizont, an dem sich diese abzeichnet, nun der ganze zweite Teil der agora42 gewidmet ist.
Weil ein Horizont ohne ein Vor-dem-Horizont nicht denkbar ist, werden wir im ersten Teil Begriffe und Theorien vorstellen und erläutern, die für unser ökonomisches Selbstverständnis grundlegend sind – das Terrain sondieren, auf dem wir uns bewegen, wie wir dies auch bislang schon getan haben.

Ordnung, liebe Leserinnen, liebe Leser, kann schrecklich sein! Dann nämlich, wenn man sich zu lange an einer Ordnung festklammert, die nicht mehr zu halten ist. Der Abschied von der alten Ordnung wird schwerfallen, sicherlich – aber er ist notwendig. Und er muss bald erfolgen, wollen wir etwas von dem, was in der alten Zeit gut gewesen ist, in die neue hinüberretten.

In diese Zeit möchten wir Sie gerne mit der agora42 begleiten und Ihnen dabei einiges zu denken und mit den neuen Rubriken im „Horizont“-Teil auch konkrete Beispiele zur Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels an die Hand geben. Dennoch werden Sie hoffentlich auch weiterhin manchmal den Eindruck haben, dass wir mit dem Kopf durch die Wand wollen – getreu den Worten Hegels: „Ist erst das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus.“


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