3/2015 — Besitz und Eigentum

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Editorial

Ich und du, mein und dein.

Das eine Ich hat mehr, das andere weniger. Manche Ichs können nicht genug besitzen,
andere leben lieber mit leichtem Gepäck. Viele Ichs hätten gerne das, was
andere haben, etliche wollen das, was keiner sonst hat. Immer mehr Ichs finden, weniger
sei mehr, und immer mehr haben nicht genug zum Leben. Das Einzige, was alle
gleichermaßen besitzen, ist – Ich.

Sollte man meinen. Stimmt aber nicht. Denn Ich ist nicht einfach da. Ich ist kein Auto,
in dem man durchs Leben fährt. Ich ist nichts, das man vollumfänglich besitzt, das
in irgendeiner Form eingezäunt werden könnte wie ein Grundstück. Ich ist vielmehr
immer auch „da draußen“, entwickelt sich in der dauernden Auseinandersetzung mit
der Welt, grenzt sich stets aufs Neue von ihr ab – und ist zugleich immer schon Teil
dieser Welt. Seine Substanz besteht darin, Wechsel zu sein, sich also immer wieder
von seinem Ich-Sein und seinem Welt-Sein abzustoßen. Obwohl es ganz sein möchte
in einer ganzen, geordneten Welt, kann es stets nur Ich sein, wenn es Welt verliert,
und Welt sein, wenn es Ich verliert.

Ich ist also widersprüchlich, genauer: selbst fundamentaler Widerspruch. Es will Gänze
und scheitert immer wieder daran, sie zu erlangen. Es will einerseits Ich sein, ganz
Ich sein, alleiniger Besitzer des Ich. Aber das gelingt nicht, denn Ich ist zu zweit,
Wechselspiel zwischen Ich und Welt. Andererseits will es Welt sein, Teil einer „weltlichen“
Ordnung, eines großen Ganzen. So versucht es, Welt in Besitz zu nehmen, um
sie entsprechend zu gestalten; im Extremfall so wie Alexander der Große oder, wie
es eher üblich ist, in Form der Aneignung einer kleinen ganzen Welt (Garten, Haus,
Heimat, Familie, Freundeskreis, Firma etc.), einer Lebenswelt, in die man sein Ich
betten kann. Funktioniert auch nicht, denn Welt kann nie ganz werden, weil das welteinnehmende
Ich selbst stets außen vor bleibt, weil der Okkupant nicht gleichzeitig
das Okkupierte sein kann.

Bleibt also nichts anderes übrig, als abwechselnd am Ich und an der Welt zu scheitern?
Nein. Man kann zum unbeschränkten Eigentümer werden, etwas ganz und gar
sein Eigen nennen: das Wechselspiel als solches. Wird man sich diesem als Ganzem
bewusst, bricht man aus dem Gefängnis der Einseitigkeit aus; der Einseitigkeit, die
darin besteht, zu sehr am Ich oder zu sehr an der Welt zu kleben. Mit Harmonie hat
das nichts zu tun, weder mit dem Paradies auf Erden noch mit einem inneren seelischen
Gleichgewicht. Es bedeutet aber, nicht in der Lüge, sondern in der Wahrheit
zu leben.