Sinn und Unsinn der ökonomischen Bildung in Schulen

Die­ser Bei­trag ist in der Rubrik “Land in Sicht” in der aktu­el­len Aus­ga­be WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH erschie­nen. In die­ser Rubrik stel­len wir Unter­neh­men oder zivil­ge­sell­schaft­li­che Pro­jek­te vor, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.

 

 

Gesellschaft für sozioökonomische Bildung & Wissenschaft

 

Gesellschaft für sozioökonomische Bildung & Wissenschaft

Erd­kun­de­bü­cher sei­en zu markt­skep­tisch und Glo­ba­li­sie­rung wer­de im Schul­un­ter­richt zu nega­tiv dar­ge­stellt – das behaup­ten Unter­neh­mens­ver­bän­de und for­dern schon lan­ge ein eige­nes Schul­fach „Wirt­schaft“. Sie erhof­fen sich dadurch auch, unter­neh­mens­ori­en­tier­tes Den­ken inklu­si­ve Grün­der­geist in Deutsch­land zu stär­ken.

In Nord­rhein-West­fa­len wird ihr Wunsch womög­lich bald in Erfül­lung gehen. In Baden- Würt­tem­berg unter­rich­ten Lehr­kräf­te bereits Wirt­schaft, Berufs- und Stu­di­en­ori­en­tie­rung (WBS). Das Fach Wirt­schaft soll öko­no­mi­sches Wis­sen ver­mit­teln und Kon­tak­te mit Unter­neh­men ermög­li­chen. Einen Modell­ver­such hier­zu gab es an Real­schu­len in NRW bereits von 2010 bis 2014. Das inter­es­san­te Ergeb­nis: An den teil­neh­men­den Schu­len hat eine Ver­drän­gung der Fächer Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und Poli­tik statt­ge­fun­den.

Die Gesell­schaft für sozio­öko­no­mi­sche Bil­dung & Wis­sen­schaft (GSÖBW) wur­de im Okto­ber 2016 gegrün­det, um der Ent­kopp­lung öko­no­mi­scher Fra­ge­stel­lun­gen von ande­ren gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen an Schu­len und Hoch­schu­len ent­ge­gen­zu­tre­ten. Neben poli­ti­schen und sozio­lo­gi­schen Per­spek­ti­ven soll­te öko­no­mi­sche Bil­dung ihrer Mei­nung nach auch his­to­ri­sche, recht­li­che, psy­cho­lo­gi­sche und geo­gra­fi­sche Aspek­te berück­sich­ti­gen. Die Ver­en­gung der wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Leh­re auf neo­klas­si­sche Posi­tio­nen, die auch an den Uni­ver­si­tä­ten statt­fin­det, soll­te laut GSÖBW durch einen plu­ra­lis­ti­schen Ansatz ersetzt wer­den. Mit Besorg­nis nimmt die GSÖBW außer­dem die wach­sen­de Ein­fluss­nah­me von Wirt­schafts­ver­bän­den und Unter­neh­men auf die Lehr­in­hal­te in Schu­len wahr.

Mitt­ler­wei­le besteht die GSÖBW aus fast 80 Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern an Hoch­schu­len in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz und hält Kon­tak­te in die USA. Die ers­te Jah­res­ta­gung zu Ent­wick­lungs­li­ni­en und Per­spek­ti­ven in der sozio­öko­no­mi­schen Bil­dung fand im März statt. The­men, die hier behan­delt wur­den, waren unter ande­rem die Ver­drän­gung der Nor­ma­ti­vi­tät in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, kri­ti­sche Finanz­bil­dung und inhalt­li­che Bezü­ge zur Wirt­schafts­ethik. Die nächs­te Jah­res­ta­gung zum The­ma „Sozio­öko­no­mi­sche Bil­dung im his­to­ri­schen und gesell­schaft­li­chen Kon­text“ ist bereits in Pla­nung und wird Ende Febru­ar 2018 statt­fin­den.
Mehr dazu unter soziooekonomie-bildung.eu

 

Nachgefragt bei Tim Engartner, Sprecher des Vorstandes des GSÖBW

 

Der Tweet einer 17-jäh­ri­gen Schü­le­rin, die sich dar­über beschwer­te, dass sie zwar eine Gedicht­ana­ly­se in vier Spra­chen schrei­ben kön­ne, von Steu­ern, Mie­te und Ver­si­che­run­gen jedoch kei­ne Ahnung habe, fand vor knapp drei Jah­ren gro­ße Beach­tung. Ist die Ver­mitt­lung von Kennt­nis­sen zu Steu­ern, Mie­ten und Ver­si­che­run­gen die Art von sozio­öko­no­mi­scher Bil­dung, die Sie sich wün­schen?

Das ist in der Pau­scha­li­tät die Bil­dung, die wir nicht wol­len. Es ent­sprä­che einer Öko­no­mi­sie­rung der öko­no­mi­schen Bil­dung, der ein rein funk­tio­na­les Bil­dungs­ver­ständ­nis zugrun­de liegt. Zwar ist es wich­tig, dass Schü­le­rin­nen und Schü­ler Kennt­nis­se über Steu­er­po­li­tik und das Steu­er­sys­tem erwer­ben, bei­spiels­wei­se den Unter­schied von Abga­ben und Steu­ern oder die Funk­ti­on von Erb­schafts- und Ver­mö­gens­steu­ern erken­nen. Wie ich eine Steu­er­erklä­rung mache, dafür gibt es jedoch Steu­er­be­ra­ter, Ver­brau­cher­zen­tra­len oder Online-Tipps. Wel­che Aspek­te vor dem Unter­zeich­nen eines Miet­ver­trags zu beach­ten sind, lernt man außer­schu­lisch und infor­mell – bei­spiels­wei­se, wenn man die ers­te eige­ne Woh­nung bezieht. Detail­fra­gen zum Miet­recht und zu Ver­si­che­rungs­po­li­cen kön­nen nicht Gegen­stand von Unter­richt sein, zumal die­ses Wis­sen schnell ver­al­tet.

Ist es in Zei­ten funk­tio­nal dif­fe­ren­zier­ter Gesell­schaf­ten nicht sinn­voll, bestimm­tes Wis­sen dis­zi­pli­n­ori­en­tiert zu ver­mit­teln, um Schü­le­rin­nen und Schü­ler nicht zu über­for­dern?

Wir sind davon über­zeugt, dass Pro­blem- und Situa­ti­ons­ori­en­tie­rung wich­ti­ger sind als Dis­zi­pli­n­ori­en­tie­rung. Ler­nen­de neh­men die Lebens­wirk­lich­keit schließ­lich nicht nach Dis­zi­pli­nen getrennt wahr, son­dern in toto. Wir gehen nicht als rein his­to­risch, psy­cho­lo­gisch, öko­no­misch oder medi­zi­nisch den­ken­de Men­schen durch den All­tag, son­dern haben durch­weg ein dis­zi­plin­über­grei­fen­des Ver­ständ­nis. Erst wenn wir mul­ti- und trans­dis­zi­pli­när auf die Welt schau­en, gewin­nen wir ein voll­stän­di­ges Bild der Rea­li­tät. Inte­gra­ti­on statt Sepa­ra­ti­on der Dis­zi­pli­nen lau­tet daher aus unse­rer Sicht die Losung.

Wie neh­men Unter­neh­men Ein­fluss auf die Bil­dungs­po­li­tik?

Zunächst ein­mal ist wich­tig, dass dies kein Nischen-, son­dern ein Mas­sen­phä­no­men ist. Unter­neh­men und ihre Stif­tun­gen sind hier beson­ders umtrie­big. Das Aus­maß lässt sich schon dar­an able­sen, dass 16 der 20 umsatz­stärks­ten deut­schen Unter­neh­men eige­ne Unter­richts­ma­te­ria­li­en pro­du­zie­ren. Eini­ge Unter­neh­men drän­gen sogar mit eige­nen Lehr­kräf­ten in die Schu­len. Ein Bei­spiel hier­für ist die Initia­ti­ve „My Finan­ce Coach“ der Unter­neh­men Alli­anz, McK­in­sey und der Wer­be­agen­tur Grey. Neben Leh­rer­fort­bil­dun­gen und Unter­richts­ma­te­ria­li­en stellt die­se Initia­ti­ve Lehr­per­so­nen, die an die Schu­len kom­men und im regu­lä­ren Unter­richt das The­ma Finan­zen behan­deln. Inhal­te wer­den hier aller­dings weder aus­ge­wo­gen noch sach­ge­recht dar­ge­stellt. In 13 von 16 Bun­des­län­dern gibt es Zulas­sungs­ver­fah­ren für Schul­bü­cher, in denen Inhal­te sys­te­ma­tisch geprüft wer­den. Für exter­ne Anbie­ter gibt es jedoch kein Prüf­ver­fah­ren. Das ist eine unhalt­ba­re Ungleich­be­hand­lung, denn in Zei­ten chro­ni­scher Unter­fi­nan­zie­rung der Schu­len ist die­se exter­ne Ein­fluss­nah­me beson­ders dra­ma­tisch.

Was unter­schei­det Sie vom Netz­werk Plu­ra­le Öko­no­mik?

Im Gegen­satz zum Netz­werk für Plu­ra­le Öko­no­mik rekru­tie­ren wir uns aus Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern, also den­je­ni­gen, die ihr Stu­di­um bereits erfolg­reich absol­viert haben. Wir haben jedoch mit Chris­toph Gran jeman­den im Vor­stand, der auch im Netz­werk Plu­ra­le Öko­no­mik aktiv ist. Wir sind also auf Tuch­füh­lung und haben im Dezem­ber auch ein gemein­sa­mes Tref­fen in Bie­le­feld.

 

 

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Die neue agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH

mit u.a.

Ernst Ulrich von Weiz­sä­cker im Inter­view

Niko Paech, Die­ter Schnaas, Ant­je von Dewitz u.v.m.

 

Ver­sand­kos­ten­frei.

wbernhardt