SKATEISTAN Hilfe auf vier Rollen

Aus der Rubrik der aktuellen Ausgabe HOMO AUTOMOBILIS

Wer an Afghanistan denkt, denkt an Krieg, Zerstörung, existenzielle Nöte. Das letzte, was die afghanische Jugend zu benötigen scheint, ist ein Skatepark. Wie kommt man also auf die Idee, einen solchen dort zu bauen und wie konnte daraus allen Unkenrufen zum Trotz ein Hilfsprojekt mit durchschlagendem Erfolg entstehen?

Im Jahr 2007 reiste der Skateboarder Oliver Percovich nach Afghanistan und war in den staubigen und zerstörten Straßen von Kabul mit seinen Boards die Attraktion. Die Neugierde und Begeisterung der Jugendlichen zeigten ihm schnell, dass es dort nicht nur einen Bedarf an Hilfsgütern gab, sondern auch an Projekten, die Freude und Hoffnung vermitteln. Die drei Boards, die er dabei hatte, überließ er einigen afghanischen Freunden im Alter von 18 bis 22 und beschloss, mehr Boards nach Kabul zu bringen sowie eine Skatehalle zu bauen. Die Idee, mittels des Skateboards den Jungen und Mädchen den Ausbruch aus ihrem Alltag zu ermöglichen sowie ihnen in diesem Rahmen auch Bildungsangebote zugute kommen zu lassen, war geboren: Skateistan.

Am 29. Oktober 2009 weihte Skateistan den neuen Indoor-Skatepark mit Bildungseinrichtung ein. Dafür waren 5428 m2 Fläche vom Afghanischen Nationalen Olympischen Komitee zur Verfügung gestellt worden. Die Rampen in der Skatehalle wurden pro bono von Andreas Schützenberger, der mit seiner Firma IOU Ramps weltweit für Skatewettbewerbe Rampen baut, zusammengeschraubt. Dabei wurde verbaut, was sich eben fand – sogar eine Rakete, die beim Opa eines der einheimischen Helfer im Garten lag, wurde in eine Rampe umfunktioniert.

Was mit drei Skateboards begann, hat sich inzwischen zu einem international vernetzten Skateboard- und Bildungsprogramm entwickelt. Neben dem inzwischen riesigen Indoor-Skatepark in Kabul gibt es ein hochmodernes Schulzentrum in Mazar-e-Sharif im Norden Afghanistans. Außerdem werden inzwischen auch Skatekurse in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas, angeboten. Die Skatehallen ermöglichen es den Jugendlichen, über soziale Grenzen hinweg zusammenzukommen, Selbstvertrauen und gegenseitiges Vertrauen zu entwickeln. Skaten steht hier also für viel mehr als das Ausüben einer Sportart, denn neben Skatekursen finden auch Kurse über Kunst, Medien, Umwelt und Kultur statt. Es gibt Filmworkshops, man kann Fotografieren lernen und Theater spielen. Dass Skateistan die Lernmaterialien den Kindern und Jugendlichen kostenlos zur Verfügung stellen kann, wird durch staatliche Zuschüsse, private Spenden, aber auch über Merchandise-Produkte wie Shirts oder Skateschuhe ermöglicht. Zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang auch das Buch „Skateistan: The Tale of Skateboarding in Afghanistan“, in dem auf 320 Seiten die Geschichte dieses Projektes erzählt wird.

Mehr zu Skateistan unter: skateistan.org

wbernhardt