Wo liegt das Problem? Auf den Spuren der Krise

Wo liegt das Problem?

Auf den Spuren der Krise …

 

Dieser Text ist eine gekürzte Version des in der agora42-Jubiläumsausgabe erschienenen Artikels "Wo liegt das Problem?"

Die 42. Ausgabe der agora42 verdichtet die im Magazin seit 2009 behandelten Themen in vier zentralen Fragen:

Rückblick: Wo kommen wir her?

Wo liegt das Problem?

Warum ändern wir uns nicht?

Was werden wir ändern (wenn doch alles anders kommt, als befürchtet)?

Diese Fragen können in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisenzeiten Orientierung bieten und sollen zum Mitdenken und zur Stellungnahme anregen.

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn“, dichtete einst Rainer Maria Rilke und beschreibt damit treffend, was 2007 in den USA begann und sich dann ausweitete – von der Subprime-Krise zur Finanzkrise zur Wirtschaftskrise zur Eurokrise zur Demokratiekrise zur Was-weiß-ich-Krise. Diese Große Krise oder Multiple Krise hat sich inzwischen überall etabliert und präsentiert sich nun abwechselnd in verschiedenen Gestalten: So hatte sie beispielsweise als Eurokrise zwei bemerkenswerte Auftritte, zunächst, als ein möglicher EU-Austritt Italiens debattiert wurde, und dann, als ein unkontrollierter Austritt Großbritanniens aus der EU wahrscheinlich wurde; sie erschien als Demokratiekrise, als eine deutsche Regierung nicht gebildet werden konnte und verschiedene Populisten und populistischen Parteien ihre Macht innerhalb und außerhalb Europas ausweiteten; sie zog als Finanzkrise bedrohlich über den Märkten auf, als von völlig überteuerten Immobilien in deutschen Großstädten und dem Schuldenstand der OECD-Staaten die Rede war, oder lässt als Klima- und Umweltkrise immer mehr Menschen brutal spüren, dass ein Weiter-so auf dem Wachstumskurs irgendwo zwischen durchgeknallter Utopie und kollektivem Suizid anzusiedeln ist.

 

Wolfram Bernhardt, Tanja Will und Frank Augustin machen das philosophische Wirtschaftsmagazin agora42 in Stuttgart. In der Jubiläumsausgabe sagen sie: "42, das ist also die Antwort auf alle Fragen, die keine Antwort ist. Diese Zahl steht für den typisch menschlichen Versuch, einen Sinn zu finden – und ist doch gleichzeitig Ausdruck der Tatsache, dass dieser nicht gefunden werden kann. Zum Glück! Sonst wäre alles sinnlos."

 

Man kann das alles, wie wir in unzähligen Diskussionen erfahren haben, aber auch ganz anders sehen (oder zumindest behaupten, es zu tun). Manche meinen beispielsweise, es sei alles gar nicht so schlimm und die Rede von einer Krise nichts weiter als Panikmache. Schließlich zeige auch die Erfahrung, dass sich viele Bedrohungsszenarien schlichtweg in Luft auflösen: Das viel beschworene „Waldsterben“ beispielsweise ist ausgeblieben, und vom „Kampf der Kulturen“ spricht heute auch niemand mehr. Sind wir nicht immer noch am Leben, allen Appellen der letzten Jahrzehnte zum Trotz (man denke etwa an den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome, der schon vor über 40 Jahren erschienen ist)? Außerdem stellt es bekanntlich keine schlechte Strategie dar, negative Prognosen einfach zu ignorieren: Kommt Zeit, kommt Rat.

Der ganz normale Wahnsinn also? Nein. Irgendetwas stimmt mit dieser Krise nicht. Es scheint, als ob sie dem Wachstum und dem Fortschrittsglauben das Zepter aus der Hand gerissen hätte. Jede Woche, die sie länger währt, präsentiert sie weitere Versäumnisse aus der Vergangenheit: faule Kredite, politisches Versagen, ökologische Hiobsbotschaften etc. Mit dem Gestern ringend, bleibt zu wenig Raum für das Heute und das Morgen. Kein Wunder, dass sich Aktivismus breitmacht. Kein Wunder auch, dass alles, was mit Normalität, mit Stabilität und Regelmäßigkeit zu tun hat (zum Beispiel Rechtsnormen, politische Vorgaben, aber auch gesellschaftliche Spielregeln, Partnerschaften, Familie, Werte etc.), zunehmend in Unordnung gerät.

Zu vieles steht infrage. Aus dem Waldsterben ist ein „Weltsterben“ geworden; und vom rasanten Fortschritt ist nur das hohe Tempo übriggeblieben: Man dreht sich im Kreis – das aber unheimlich schnell. Man hat den Boden unter den Füßen verloren. Mit anderen Worten: Diese Krise ist nicht einfach nur eine weitere Krise, nicht nur eine Krankheit, die man bald überstanden hat. Sie läutet einen Epochenwechsel ein. Sie wird sich so lange verschärfen, bis man sich von der alten Epoche, von der alten ökonomischen und gesellschaftlichen Normalität verabschiedet hat. Aus diesem Grund haftet den öffentlichen Bekundungen, denen zufolge „der Markt“ oder „die Natur“ sich erholen werden und der gesellschaftliche Zusammenhalt gewahrt bleiben wird, immer etwas Verzweifeltes (oder total Naives) an. Man kann nicht mehr an sie glauben. Immer mehr Menschen erscheint die heutige Normalität ziemlich verrückt.

Trotzdem wollen viele noch nicht wahrhaben, dass sich etwas Grundlegen- des ändert. Sie klammern sich stattdessen lieber an den – tataaa! – technischen Fortschritt.

Fortschritt 42

Oder: Vom Kapitalismus zum Geldismus

„Technischer Fortschritt“, das geht auch heute noch leicht über die Lippen. Ganz selbstverständlich wird so zusammengebracht, was längst nicht mehr zusammengehört. Denn das Band zwischen Technik und Fortschritt ist zerrissen; es riss, als sich der Kapitalismus irgendwann – wann genau, das wird man mit größerem zeitlichem Abstand besser beurteilen können – in den Geldismus verwandelt hat. Im Geldismus dreht sich das Geld nicht mehr um die Wirtschaft, sondern die Wirtschaft um das Geld. Man könnte auch sagen, dass im Geldismus die Wirtschaft nurmehr die Kulisse der Mehrung des Geldes aus dem Geld bildet.

Schon früher stand der Profit an oberster Stelle, aber dieser konnte nur erzielt werden, wenn man sich zunächst mit den ökonomischen Entwicklungs- und Produktionsprozessen beschäftigte, sich überlegte, was eine sinnvolle Verbesserung sein oder wo ein Kundenwunsch schlummern könnte; der „Umweg“ über die Entwicklung neuer Technik und Produkte war die notwendige Voraussetzung, um das investierte Geld zu mehren. Im Geldismus ist das genau umgekehrt: Es geht vor allem darum, nicht allzu tief in die Realwirtschaft einzutauchen, sowie darum, dort möglichst wenig zu verändern – damit man sich aufs „Wesentliche“ konzentrieren, das heißt spekulieren kann. Kein Wunder, dass auch große Konzerne im produzierenden Gewerbe immer mehr Banken ähneln, also ihren Profit zunehmend aus der Spekulation mit ihrem Kapital ziehen (statt aus der Produktion). Ein dem Geldismus verwandter Begriff ist die sogenannte Finanzialisierung (von englisch financialisation), sofern diese ebenfalls auf die zunehmende Bedeutung der Kredit- und Kapitalmärkte beziehungsweise finanzieller Motive im Allgemeinen verweist.

Technischer Fortschritt hat im Geldismus also zuallererst der Sicherung des Status quo zu dienen. Kreative Zerstörung ist das Letzte, was auf dem Programm steht. Doch „sicherer Fortschritt“ ist eben keiner mehr. Sicherer Fortschritt sorgt, wenn überhaupt, für graduelle „Verbesserungen“. Qualitative Veränderungen hingegen meidet man wie der Teufel das Weihwasser. Es geht um symbolischen Fortschritt, nicht um tatsächlichen; es geht darum, den Prozess der Mehrung des Geldes aus dem Geld nicht durch größere Veränderungen zu stören.

Dadurch wird der (mit den meisten Produkten verbundene) Glaube an Fortschritt konterkariert. Wer glaubt noch daran, dass in einem solchen Umfeld zukunftsweisende Innovationen entwickelt werden, die nicht nur der Geldmehrung, sondern – zumindest über Umwege – auch der Gesellschaft zugutekämen? Was ist das für ein Fortschritt, der bloß die Zahlen fortschreiten lässt, der auf ein leeres Mehr des Geldes zielt, aber für die Gesellschaft Stillstand und Perspektivlosigkeit bedeutet?

Alles im Widerspruch

In dieser gesellschaftlichen Situation ist es beinahe unmöglich, sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Selbst wenn es um unser Überleben geht, die Erde zum Treibhaus wird, die Umwelt nachhaltig zerstört wird, Menschen in großer Zahl verdursten oder verhungern, Kriege geführt werden oder gesellschaftliche Konflikte sich ausweiten, gelingt es uns nicht mehr, ordnend und gestaltend in den Lauf der Dinge einzugreifen. Wir sehen uns – und zwar zu Recht – nicht in der Lage, etwas Sinnvolles zu tun.

Dazu kommt die Krise der Verantwortbarkeit: Eine Handlung kann in der heutigen Situation, in der überall Grenzen fehlen, schwerwiegende, auch globale Auswirkungen haben, die in keiner Weise beabsichtigt waren. Versicherungen können diese immer seltener einpreisen und so werden Menschen in Krisenzeiten immer häufiger mit persönlicher Haftung und dem Vorwurf fahrlässigen Verhaltens konfrontiert (etwa Verantwortliche in der Finanzbranche).

Halten wir also fest: Der Geldismus hat den Kapitalismus verwandelt und reißt nun alles vormals – mehr oder weniger – sinnvoll Bestimmte ins Nichts. Jegliches Maß ist verloren gegangen, Grenzen wurden verwischt. Eines scheint sicher: Das Alte ist das Grenzenlose, Verschwommene. Neu wäre, was Konturen schafft.

 

Passend zu diesem Thema: