Moderne Gesellschaften ohne Wirtschaftswachstum – Kurzinterview mit Steffen Lange

Moderne Gesellschaften ohne Wirtschaftswachstum

Kurz­in­ter­view mit Stef­fen Lan­ge

 

 

Anlässlich der neuen agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Steffen Lange vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung zum Thema einige Fragen gestellt. Er spricht über begrenzte Ressourcen und ihre unbegrenzte Ausbeutung, den Traum vom Reichtum für alle und seine reale Konzentration in den Händen weniger, sowie das unendliche Wirtschaftswachstum in einer endlichen Welt …

 

Die neue agora42 trägt den Titel „Wirt­schaft im Wider­spruch“. Wel­cher Wider­spruch ist für Sie der bedeut­sams­te?

Ich möch­te gern zwei Wider­sprü­che nen­nen, die zusam­men gedacht wer­den müs­sen. Ers­tens der Kon­flikt zwi­schen der res­sour­cen­in­ten­si­ven Lebens­wei­se, die von den meis­ten Men­schen in Deutsch­land und ande­ren Hoch­ein­kom­mens­län­dern geführt wird, und der begrenz­ten Belast­bar­keit der Natur. Es ist deut­lich abzu­se­hen, dass die der­zei­ti­ge Lebens­wei­se und die damit ein­her­ge­hen­de Wirt­schafts­wei­se die Umwelt zer­stört. Der zwei­te zen­tra­le Wider­spruch ist der gro­ße Reich­tum bei eini­gen Men­schen und die Armut bei vie­len ande­ren. Die­ser Wider­spruch fin­det zum einen auf natio­na­ler Ebe­ne statt – so steigt die Ein­kom­men­sun­gleich­heit in Deutsch­land bereits seit Jahr­zehn­ten. 40% der Men­schen ver­die­nen heu­te weni­ger als in den 1990ern! Auf glo­ba­ler Ebe­ne sind die Ungleich­hei­ten noch viel grö­ßer. Die bei­den Wider­sprü­che sind eng mit­ein­an­der ver­knüpft. Denn der Reich­tum bei eini­gen basiert nicht nur auf der Aus­beu­tung der Natur, son­dern auch auf den gerin­gen Löh­nen vie­ler ande­rer. Um bei­de Wider­sprü­che gleich­zei­tig ange­hen zu kön­nen, soll­ten wir statt über wei­te­res Wirt­schafts­wachs­tum, das doch nur bei eini­gen ankommt und öko­lo­gisch unhalt­bar ist, über Umver­tei­lung auf natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Ebe­ne dis­ku­tie­ren – so dass der begrenz­te öko­lo­gi­sche Raum trotz­dem ein gutes Leben für alle ermög­licht.

 

Die schäd­li­chen Fol­gen des Wirt­schafts­wachs­tums neh­men über­hand, ein „Wei­ter so“ ist unmög­lich. Vie­le hof­fen jetzt auf „grü­nes Wachs­tum“. Ist das eine Chan­ce oder eine Mogel­pa­ckung?

Stef­fen Lan­ge pro­mo­vier­te zum The­ma „Macro­eco­no­mics Without Growth“ an der Uni­ver­si­tät Ham­burg. Seit 2016 ist er am Insti­tut für öko­lo­gi­sche Wirt­schafts­for­schung in Ber­lin tätig.

Grü­nes Wachs­tum, so wie es nor­ma­ler­wei­se ver­stan­den wird, kann aus meh­re­ren Grün­den nicht funk­tio­nie­ren. Zum einen set­zen die Stra­te­gi­en rund um grü­nes Wachs­tum dar­auf, das bestehen­de Wirt­schafts­sys­tem wei­test­ge­hend so zu belas­sen wie es ist. Es sol­len ledig­lich (je nach Spiel­art) öko­lo­gi­sche Steu­ern oder Ver­brauchs­gren­zen ein­ge­führt, in erneu­er­ba­re Ener­gi­en etc. inves­tiert und ande­re grü­ne Sek­to­ren vor­an­ge­trie­ben wer­den. Dabei wird nicht beach­tet, dass die nöti­ge Trans­for­ma­ti­on auch Verlierer*innen beinhal­ten muss. So müs­sen bei­spiels­wei­se vie­le bereits erschlos­se­ne Vor­kom­men an Öl, Koh­le und Gas im Boden blei­ben. Das bedeu­tet jedoch enor­me finan­zi­el­le Nach­tei­le für die Besitzer*innen die­ser Roh­stof­fe – oft­mals Staa­ten oder mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne. Mit leich­ten Kor­rek­tu­ren ist es also nicht getan – nicht nur eine tief­grei­fen­de öko­no­mi­sche, son­dern auch polit-öko­no­mi­sche Trans­for­ma­ti­on ist nötig. Zum ande­ren ist äußerst unklar, wie grü­nes Wachs­tum tech­nisch funk­tio­nie­ren soll. Denn damit das Wachs­tum wirk­lich „grün“ ist, müss­te es mit einer intak­ten Natur ein­her­ge­hen. Doch schaut man sich die Trag­wei­te der Her­aus­for­de­run­gen an – bei­spiels­wei­se eine Reduk­ti­on der Treib­haus­gas­emis­sio­nen bis 2050 um 85% – wird klar, dass weit­rei­chen­de Ver­än­de­run­gen nötig sind. Wie das mit zuneh­men­der Pro­duk­ti­on (wirt­schaft­li­chem Wachs­tum) ein­her­ge­hen soll­te, ist unklar. Hin­zu kommt, dass die Lösung eines öko­lo­gi­schen Pro­blems oft­mals mit der Gene­rie­rung eines ande­ren Pro­blems ein­her­geht. So könn­ten Digi­ta­li­sie­rung und Ener­gie­wen­de zwar dabei hel­fen den Kli­ma­wan­del abzu­schwä­chen, gleich­zei­tig benö­ti­gen bei­de jedoch rie­si­ge Men­gen an Roh­stof­fen. Somit bedarf die nöti­ge Trans­for­ma­ti­on sowohl eines radi­ka­len Wan­dels des polit-öko­no­mi­schen Regimes als auch der Pro­duk­ti­ons­tech­no­lo­gi­en – bei­de Aspek­te sind nicht Teil der Stra­te­gi­en rund um „grü­nes Wachs­tum“.

 

Die Real­wirt­schaft steht einem ent­fes­sel­ten und ihren Wert um ein Viel­fa­ches über­stei­gen­den Finanz­ka­pi­tal gegen­über. Hat die Wirt­schaft im mate­ri­el­len Sinn (Pro­duk­ti­on) nur noch Ali­bi­funk­ti­on?

Auch die Real­wirt­schaft wächst ja wei­ter­hin, somit ist mit­nich­ten davon zu spre­chen, dass sie nur noch eine Ali­bi­funk­ti­on erfüllt. Trotz­dem ist zu beob­ach­ten, dass sich die Mäch­te­ver­hält­nis­se unter den ver­schie­de­nen Sek­to­ren der Wirt­schaft ver­schie­ben. In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten war es in der Tat eine Ver­schie­bung der Macht von dem Bereich der Wirt­schaft, der rea­le Güter und Dienst­leis­tun­gen pro­du­ziert, hin zum Finanz­sek­tor. In jün­ge­ren Jah­ren ist eine wei­te­re Ver­schie­bung zu beob­ach­ten. Die Digi­tal-Kon­zer­ne rund um Goog­le, Ama­zon, Face­book, Apple und Co., gewin­nen an Ein­fluss. Der Zugang und die Kon­trol­le über Daten kommt als neue Varia­ble ins öko­no­mi­sche Mäch­te­spiel und die genann­ten Akteu­re ver­fü­gen über beson­ders viel davon. Dabei sind Finanz­sek­tor und Daten­sek­tor bei­lei­be kei­ne getrenn­ten Sphä­ren – vie­le der Digi­tal-Kon­zer­ne sind gleich­zei­tig rie­si­ge Finanz­ak­teu­re.

 

Gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen wird oft mit dem Tot­schlag­ar­gu­ment begeg­net, dass schon die kleins­te Ver­än­de­rung des Sta­tus quo dazu füh­ren wür­de, dass alles zusam­men­bricht. Mit ande­ren Wor­ten: Wirt­schafts­wachs­tum ist alter­na­tiv­los, denn ohne Wachs­tum zer­bricht schließ­lich auch die Demo­kra­tie. Sind wir wirk­lich so fest­ge­fah­ren?

Jein. Auf der einen Sei­te ist die The­se natür­lich unhalt­bar, dass eine Wirt­schaft ohne Wachs­tum nicht sta­bil sein könn­te, oder dass Demo­kra­tie nur funk­tio­nie­ren kön­ne, wenn die Wirt­schaft gleich­zei­tig wächst. Denn zum einen haben wir in der Mensch­heits­ge­schich­te vie­le Bei­spie­le für sta­bil und teil­wei­se auch demo­kra­tisch funk­tio­nie­ren­de Gesell­schaf­ten ohne Wirt­schafts­wachs­tum. Und – viel­leicht noch wich­ti­ger – zum ande­ren ist es prin­zi­pi­ell mög­lich sehr unter­schied­li­che Arten von Gesell­schaf­ten und Öko­no­mi­en auf­zu­bau­en. In der moder­nen Zeit haben wir vor allem kapi­ta­lis­ti­sche und sozia­lis­ti­sche beob­ach­tet, doch es könn­te selbst­ver­ständ­lich noch ganz ande­re „moder­ne“ Gesell­schaf­ten geben. Die Ansicht, dass Wirt­schafts­wachs­tum für Demo­kra­tie benö­tigt wür­de, basiert somit auf einer sehr engen his­to­ri­schen Sicht­wei­se, die nur die Gescheh­nis­se der letz­ten zwei­hun­dert bis drei­hun­dert Jah­re mit­ein­be­zieht und kei­ne Krea­ti­vi­tät besitzt über das Exis­tie­ren­de hin­aus zu bli­cken. Auf der ande­ren Sei­te steht außer Fra­ge, dass eine lang­fris­tig nicht wach­sen­de Wirt­schaft Ver­än­de­run­gen und damit auch Her­aus­for­de­run­gen impli­ziert. Doch das übli­che Argu­ment, dass wir Wachs­tum bräuch­ten, damit alle ein grö­ße­res Stück vom Kuchen bekom­men kön­nen und es kei­ne Ver­tei­lungs­kon­flik­te gibt, ist eine Mär. Denn bereits seit Jahr­zehn­ten wächst das Kuchen­stück für wei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung nicht mehr. Die wirk­li­che Her­aus­for­de­rung ist eher, das Ein­kom­men der wohl­ha­ben­den und ein­fluss­rei­chen Bevöl­ke­rungs­schich­ten nicht mehr wach­sen zu las­sen. Denn dies wäre in einer nicht-wach­sen­den Öko­no­mie nötig, damit die Armen nicht immer ärmer wer­den müss­ten.