Es gibt eine diffuse Angst” – Heribert Prantl im Interview

Es gibt eine diffuse Angst”

Heribert Prantl im Interview

 

Anlässlich der neuen agora42-Ausgabe WA(H)RE ANGST haben wir ausgewählten Personen einige Fragen zum Thema Angst gestellt. Hier die Antworten von Heribert Prantl, dessen neues Buch “Die Kraft der Hoffnung” soeben in der Süddeutsche Zeitung Edition erschienen ist. Darin geht er vielem nach, was auch uns in der aktuellen Ausgabe beschäftigt. So konstatiert er: “Die Weltzuversicht vieler Menschen zerbricht. Die Populisten, die Nationalisten und die Terroristen sind nicht nur Ursache, sondern auch Symptom des erschütterten Vertrauens in eine gesicherte Zukunft. Der Glaube daran, dass Demokratie und Rechtstaatlichkeit sich, und sei es langsam, weiterentwickeln, geht verloren.”
Im Interview spricht er über diffuse Ängste, flüchtige Existenzen, einen gefährlichen Hanswurst und – die Hoffnung …

Herr Prantl, auf den ers­ten Blick scheint in Deutsch­land alles in Ord­nung zu sein: die Wirt­schaft boomt, die Arbeits­lo­sig­keit ist auf einem his­to­ri­schen Tiefst­stand und die deut­sche Natio­nal­mann­schaft stellt einen neu­en Rekord auf. Den­noch dia­gnos­ti­zie­ren Sie in Ihrem neu­en Buch, dass die Welt­zu­ver­sicht vie­ler Men­schen zer­bricht. Wie passt das eine mit dem ande­ren zusam­men?

Foto: © Jür­gen Bau­er. Heri­bert Prantl lei­tet das Res­sort für Innen­po­li­tik bei der Süd­deut­schen Zei­tung in Mün­chen und ist seit Janu­ar 2011 Mit­glied der Chef­re­dak­ti­on.

Es gibt eine dif­fu­se Angst ange­sichts der vie­len schnel­len Ver­än­de­run­gen, die den Men­schen das eige­ne Leben fremd und die Zukunft unsi­cher wer­den las­sen; es gibt die tag­täg­li­chen bedroh­li­chen Nach­rich­ten über Trump, über Erdo­gan – und die Unsi­cher­heit dar­über, wohin die­se Auto­kra­ten und ihre Lust an poli­ti­scher Grob­heit die Welt füh­ren. Die Angst vor den Frem­den, von den Flücht­lin­gen, vor den Mus­li­men – die kana­li­siert die dif­fu­se Angst, des­we­gen gelingt es den popu­lis­ti­schen Extre­mis­ten der­zeit, mit die­ser Angst Poli­tik zu machen und Wahl­er­fol­ge zu ern­ten. Die dif­fu­se Angst vor schnel­len Ver­än­de­run­gen, vor der Glo­ba­li­sie­rung, die­se Angst kann man schwer for­mu­lie­ren und schwer grei­fen, die Angst vor den Flücht­lin­gen schon. Das gibt dann das Gefühl von Kon­trol­le, die dem Leben ansons­ten immer mehr abhan­den kommt.

 

Hängt die­ser Ver­lust der Welt­zu­ver­sicht damit zusam­men, dass das Bild, das wir von die­ser Welt gezeich­net haben, ver­schwimmt?

Es gibt einen Sog der Fremd­be­stim­mung; auf den Ein­zel­nen scheint es immer weni­ger anzu­kom­men. Vie­len erscheint ihr Lebens­lauf wie der Lauf des Hams­ters im Rad. Und die Flücht­lings­exis­tenz wird zum Merk­mal der heu­ti­gen Zeit. Denn das Gefühl der flüch­ti­gen Exis­tenz haben auch Men­schen in den Län­dern, in die Flücht­lin­ge flüch­ten. Vie­le Men­schen in Euro­pa erle­ben die Flücht­lin­ge als Boten eines  Unglücks, das auch ihnen auf­lau­ert. Also weh­ren sie sich gegen Flücht­lin­ge, um ihnen nicht gleich zu wer­den; sie sehen die Flücht­lin­ge als Mene­te­kel. Das ist der Boden, auf dem die alten Wahn­ide­en, auf der Natio­na­lis­mus und der Ras­sis­mus wie­der wach­sen.

 

Man kann sich des Gefühls nicht erweh­ren, dass die Poli­tik den heu­ti­gen Pro­ble­men nicht mehr gewach­sen ist. Wor­an liegt das? Ist das ein struk­tu­rel­les Pro­blem oder haben wir die fal­schen Poli­ti­ker?

Es ist ein Gerücht, dass die Poli­ti­ker frü­her bes­ser gewe­sen sei­en. Es ist nur so, dass wir die schlech­ten Poli­ti­ker und die vie­len Durch­schnitts­po­li­ti­ker der frü­hen demo­kra­ti­schen Jahr­zehn­te ver­ges­sen haben – wir erin­nern uns nur an die gro­ßen Namen: An Ade­nau­er und Hei­ne­mann und Brandt und Hel­mut Schmidt, an Gen­scher und, ja, an den gro­ßen Euro­pa­po­li­ti­ker Kohl. Wir erin­nern uns an die Leit­ent­schei­dun­gen, die die­se Poli­ti­ker getrof­fen haben.

Es ist aller­dings so, dass die Pro­ble­me der Welt wach­sen – und man welt­weit vie­le Poli­ti­ker bräuch­te, die gute Lenk- und Leit­ent­schei­dun­gen tref­fen und durch­set­zen kön­nen. Aber just in die­sem Augen­blick tritt als 45. US-Prä­si­dent ein nar­ziss­ti­scher Schar­la­tan namens Trump auf den Plan. So ein Mann an der Spit­ze der Welt­macht ist nicht ein­fach nur ein Hans­wurst, er ist ein hoch­ge­fähr­li­cher Hans­wurst. Und es ist ein struk­tu­rel­les Pro­blem, das so einer es schaf­fen kann, in einer demo­kra­ti­schen Wahl an die Spit­ze einer demo­ka­ti­schen Groß­macht zu kom­men. Der Mann ist gewählt wor­den – in Kennt­nis sei­ner Feh­ler und Wahn­wit­zig­kei­ten!

 

 Die Pro­ble­me, mit denen wir uns kon­fron­tiert sehen – bspw. Erd­er­wär­mung, außer Kon­trol­le gera­te­ne Finanz­märk­te und Geheim­diens­te, Lob­by­is­mus und zuneh­men­de Ungleich­heit –, schei­nen über­mäch­tig. Den­noch haben Sie die Hoff­nung noch nicht auf­ge­ge­ben. Woher neh­men Sie die Kraft zu hof­fen?

Ja, die Pro­ble­me sind gewal­tig – und manch­mal möch­te man sich im Pes­si­mis­mus ver­lie­ren und resi­gnie­ren. Auch als Jour­na­list fällt einem gele­gent­lich so ein Gefühl an. Dann muss man sich  bewusst machen, dass Erkennt­nis und Auf­klä­rung nicht irgend­wann ein­mal vom Him­mel gefal­len ist und dann immer da bleibt. Auf­klä­rung ist immer und immer wie­der, man muss sie sich immer wie­der neu erkämp­fen. Wenn ich kei­ne Hoff­nung mehr hät­te und dem Fata­lis­mus ver­fie­le – dann könn­te ich nicht mehr schrei­ben; oder ich wür­de zynisch – und das wür­de ich den Lese­rin­nen und Lesern nicht zumu­ten wol­len. Woher neh­me ich die Kraft zu hof­fen?  Hoff­nungs­lo­sig­keit ist ein Luxus, den man sich gera­de in schwie­ri­gen Zei­ten nicht leis­ten kann. Wer hoff­nungs­los ist, dem läuft die Zukunft davon. Das wür­de mir nicht gefal­len. Hoff­nung gibt Auf­trieb, Hoff­nung gibt Dri­ve, Hoff­nung macht Mut.

Der römi­sche Dich­ter Ovid hat ein­mal geschrie­ben: Glück­lich ist, wer das, was er liebt, auch wagt, mit Mut zu beschüt­zen. Ich mag gern glück­lich sein.

Ende.

 

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wahre angstDie neue agora42 zum Thema WA(H)RE ANGST

mit

  • Heinz Bude im Inter­view
  • Frank Ruda: “Mut zur Angst”
  • Franz Kaf­ka im Por­trät
  • Spe­cial: Kunst­wer­ke zum The­ma von Jonas Bur­gert, Roger Bal­len, Sami­ra Frei­tag uvm.

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen drei Fra­gen zu die­sem The­ma gestellt – dar­un­ter auch Prof. Dr. Ruth Hagen­gru­ber. Sie hält die gän­gi­ge Kapi­ta­lis­mus­schel­te für einen Vor­bo­ten natio­na­ler auto­ri­tä­rer Bewe­gun­gen und plä­diert dafür den Kapi­ta­lis­mus nicht zu dämo­ni­sie­ren, son­dern zu demo­kra­ti­sie­ren.

 

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

 

1. Frau Hagen­gru­ber, wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

Die heu­te ver­brei­te­te Kapi­ta­lis­mus­schel­te darf gewiss mehr als Trend denn als Ein­sicht ange­se­hen wer­den. Wer den Kapi­ta­lis­mus gar ins Reich des Bösen ver­weist, ist sich der Zustim­mung der Vie­len und daher auch der Medi­en gewiss. So ein­fach ist es nicht. Kein Zwei­fel, auf Trug gebau­te Kapi­tal­ak­ku­mu­la­tio­nen, Intrans­pa­renz ver­stö­ren den „Nor­mal­bür­ger“, der es sich nur im Rah­men sei­ner Ein­künf­te leis­ten kann, die eige­nen Ide­en zu rea­li­sie­ren. Und der über­zeugt ist: Das Gute im Leben kann mit Kapi­tal nicht erkauft wer­den. In die­ser Span­ne zwi­schen Ent­täu­schung und über­zo­ge­nen Hoff­nun­gen ermög­licht uns die phi­lo­so­phi­sche Per­spek­ti­ve wie­der einen neu­en Blick auf die Öko­no­mie­ge­schich­te und auf das, was unter Kapi­tal über­haupt zu ver­ste­hen ist. Dabei ist es wohl nicht zufäl­lig, dass ihr Begrün­der, Adam Smith ein Moral­phi­lo­soph war. Phi­lo­so­phie und Öko­no­mie sind schon seit der Anti­ke, also seit dem Anfang der Phi­lo­so­phie eng ver­zahnt. Kein gerin­ge­rer als Sokra­tes hin­ter­ließ fol­gen­de Anwei­sung, das Ver­mö­gen zu meh­ren: auxein ton oikon. Das über­lie­fert Xeno­phon. Klug, wie die­se anti­ken Den­ker waren – übri­gens waren es auch Den­ke­rin­nen, denn in eben die­sem Buch bezeich­net Sokra­tes Aspa­sia als sei­ne Leh­re­rin – wis­sen sie, dass die Ver­meh­rung des Ver­mö­gens zwar das Ziel der Öko­no­mie dar­stellt, aber auch, dass es dabei nicht um quan­ti­ta­ti­ve, son­dern um qua­li­ta­ti­ve Wer­te geht.

Ruth Hagengruber

Ruth Hagen­gru­ber habi­li­tier­te mit einem wirt­schafts­phi­lo­so­phi­schen The­ma (Nut­zen und All­ge­mein­heit) und lei­tet seit 2005 den For­schungs­be­reich EcoTech­Gen­der an der Uni­ver­si­tät Pader­born. Sie publi­ziert regel­mä­ßig zu The­men der Wirt­schaft, Infor­ma­tik und zu Fra­gen der Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit (sie­he web­page). Seit 2013 lehrt sie in einem Pro­jekt: Ethik Den­ken Öko­no­mie regel­mä­ßig zu The­men der Wirt­schafts­phi­lo­so­phie.

Ver­mö­gens­meh­rung aus die­ser phi­lo­so­phi­schen Per­spek­ti­ve meint näm­lich, die sub­jek­ti­ve ganz per­sön­li­che Beur­tei­lung und Ein­schät­zung über eine Sache. Sokra­tes bringt dafür anschau­li­che Bei­spie­le: Es nützt nichts, wenn einer ein Pferd besitzt, das ihn tritt! Obwohl quan­ti­ta­ti­ver Besitz, ist es kein Ver­mö­gen, son­dern einen Scha­den! Selbst, wer kei­nen direk­ten Scha­den nimmt, aber auch kei­nen Vor­teil, han­delt unwei­se. Wer eine Flö­te besitzt, die er nicht spie­len kann, scha­det sich und sei­nem Ver­mö­gen.

Was Xeno­phon hier durch den Mund des Sokra­tes mit­teilt ist die Ein­sicht, dass unser Urteil der Aus­druck des Wis­sens über Nut­zen und Gebrauch eines Dings ist. Es ist ein ganz per­sön­li­ches Urteil, das vom Urtei­len­den abhängt. Das Urteil spie­gelt sozu­sa­gen den Urtei­len­den. Die­ser Mehr­wert, den der Urtei­len­de rekla­miert, spie­gelt sein Wis­sen um die Sache und rezi­prok. Die Ver­mö­gens­meh­rung, damit das Kapi­tal, kommt folg­lich aus die­sem Wis­sen, nicht aus der Sache. Das war die idea­le Auf­fas­sung Xeno­phons.

Aus die­ser Ein­sicht las­sen sich vie­le inter­es­san­te Urtei­le ablei­ten. Z.B. auch die­je­ni­ge, dass Kapi­tal sich nicht auf Geld oder Boden oder Pro­duk­ti­ons­mit­tel beschrän­ken lässt. Der wah­re Grund des Kapi­tals ist der qua­li­ta­tiv zuge­mes­se­ne Mehr­wert, der sich in der Sache ver­ding­licht. Nut­zen und Gebrauch wer­den sozu­sa­gen erfun­den. Zucker­berg und Gates, Rubin­stein, Goog­le und Sky­pe prä­sen­tie­ren heu­te in dem von ihnen kre­ierten Kapi­tal die Trans­for­ma­ti­on der Ide­en zu Kapi­tal. Wir kre­ieren den Mehr­wert. Wir kre­ieren das Kapi­tal. Heu­te ist prak­tisch allen klar, dass Kapi­tal nicht im Geld liegt. Das wah­re Kapi­tal ist Wis­sen. Was wir als Kapi­tal anse­hen, wan­delt sich. Wenn wir wol­len, kön­nen wir den ganz  gro­ßen Kapi­ta­lis­ten unse­ren Zuspruch ent­zie­hen – jeden­falls, wenn wir die demo­kra­ti­sche Kon­trol­le aus­üben kön­nen und ver­ste­hen ler­nen, dass der Kapi­ta­lis­mus, wie alles und wir selbst, not­wen­dig kor­rek­tur­be­dürf­tig sind.

Der demo­kra­ti­schen Kor­rek­tur des Kapi­ta­lis­mus geht es daher um die gro­ße Streu­ung des Zugangs zum Kapi­tal, das idea­ler­wei­se in vie­len Län­dern die­ser Welt aktiv ist und dabei zugleich die Auf­lö­sung auto­ri­tä­rer oder und patri­ar­cha­ler Herr­schaft mit sich führt.

Die­ser eigent­lich demo­kra­ti­sche, aber auch glo­ba­le Pro­zess beflü­gelt die Angst des Ein­zel­nen in den Wohl­stands­län­dern, sie möch­ten dabei ihr „biss­chen Kapi­tal“ ver­lie­ren. Die glo­ba­le Stra­te­gie des moder­nen und par­ti­ku­lar ori­en­tier­ten Kapi­ta­lis­mus wird von den neu­en natio­na­lis­ti­schen Bewe­gun­gen bekämpft. Sie sind Bewe­gun­gen, denen die Streu­ung und Par­ti­ku­la­ri­sie­rung des Kapi­tals zuwi­der ist.

Das Kapi­tal hat das Bür­ger­tum von der Adels­herr­schaft befreit und Chi­na zum Glo­bal Play­er gemacht. Das Kapi­tal kann alte Ord­nun­gen ver­wer­fen. Die ande­ren ver­spre­chen das Gute, wenn sie das Kapi­tal in der Hand hal­ten. Hier kommt es dar­auf an, für wen wir uns ent­schei­den, solan­ge wir die Chan­ce haben, uns zu ent­schei­den, wem wir unser Kapi­tal anver­trau­en. Selbst die Grü­nen ver­spre­chen, „Ren­te geht auch grün“. Kapi­tal kann man in jeder Ver­si­on anspa­ren und ver­meh­ren, je nach­dem für wel­ches „gute“ man sich ent­schei­det, solan­ge es einem noch frei steht, sich zu ent­schei­den. Wer will die­se Ver­tre­ter der neu­en Bewe­gun­gen als zen­tra­le Ver­wal­ter der dann wie­der deut­schen Finanz­kraft? Der freie Bür­ger wird dann weni­ger frei sein, sein biss­chen Ver­mö­gen nach sei­nen eige­nen Vor­stel­lun­gen zu ver­meh­ren. Man muss den Kapi­ta­lis­mus demo­kra­ti­sie­ren, nicht zen­tra­li­sie­ren.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Die Frei­heit für einen Men­schen wächst mit sei­ner Mög­lich­keit, sei­ne eige­nen Vor­stel­lun­gen zu  rea­li­sie­ren. Kapi­tal ist einer­seits genau das, was wir dank unse­res eige­nen Ver­mö­gens in den Din­gen sehen. Unser Blick auf die Din­ge der Welt und wie wir sie für unse­re Inter­es­sen nut­zen kön­nen, gehört wesent­lich zu unse­ren Akti­vi­tä­ten. Noch erfreu­li­cher ist es, wenn sich die Welt nach unse­rem Urteil for­men lässt. Das ist letzt­lich der Wunsch der Men­schen, sozu­sa­gen anthro­po­lo­gi­sche Deter­mi­nan­te. Die Din­ge nach der eige­nen Vor­stel­lung zu bewer­ten, ist ein Teil der Selbst­ver­wirk­li­chung. Wir rea­li­sie­ren uns und ver­ding­li­chen unser Ego auf die­se Wei­se in den Din­ger der Welt. Das Ich ver­ding­licht sich im Nicht-Ich, sagen die Phi­lo­so­phen. Damit rea­li­siert sich das säku­la­re Glück im Hier und Jetzt und nicht im Jen­seits. Dem Indi­vi­du­um scheint es, als könn­te es sich damit ver­ewi­gen.

Nun ent­brann­te mit Rawls, aller­dings nicht zum ers­ten Mal in der Phi­lo­so­phie, die Debat­te, ob die natür­li­che Ver­schie­den­heit der Men­schen nicht unge­recht und daher der Aus­gleich der natür­li­chen Vor­tei­le „zen­tral“ gesteu­ert wer­den müs­se. Die natür­li­che Ver­schie­den­heit aus­zu­glei­chen ist nun zur Auf­ga­be all deren gewor­den, die sich auf den quan­ti­ta­ti­ven Aus­gleichs spe­zia­li­sie­ren. Wer aber kann es quan­ti­fi­zie­ren? Alle fischen im Trü­ben. Aris­to­te­les und Tho­mas Hob­bes ver­tra­ten die Auf­fas­sung, die Ver­schie­den­heit der Men­schen sei per sei die Vor­aus­set­zung und frucht­ba­re Grund­la­ge aller Gemein­schaf­ten. Gleich­heit hin­ge­gen mache sie unmög­lich, oder, wie bei Hob­bes, mache die Idee der natür­li­chen Gleich­heit sogar „mör­de­risch“. Nach Aris­to­te­les kann es kei­ne Gemein­schaft geben „mit zwei Bau­ern, oder zwei Ärz­ten“. Es braucht einen Arzt und einen Bau­ern, damit der Aus­gleich statt­fin­den kann. Die Ver­schie­den­heit ist selbst Ursa­che der Ent­wick­lung der eige­nen Fähig­kei­ten und der Dif­fe­ren­zie­rung der Tätig­kei­ten.

Das Pro­blem des gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus sind sei­ne Stö­run­gen. Zwi­schen „gut“ und „böse“ wer­den die Eigen­schaf­ten des Kapi­ta­lis­mus tariert, als hiel­te man einen Gott in den Hän­den. In der Tat, die Mög­lich­kei­ten, die sich durch die Kapi­ta­li­sie­rung erschlie­ßen, sind gewal­tig. Wir aber befin­den uns erst in den Kin­der­jah­ren der Ent­wick­lung. Die Smart­pho­nes bie­ten theo­re­tisch inter­es­san­te Mög­lich­kei­ten einer demo­kra­ti­schen Dis­tri­bu­ti­on, aber auch hier hat­ten die ver­bre­che­ri­schen Absich­ten schnel­ler die Hand auf den Gerä­ten, als die auf­ge­klär­te Bür­ge­rin. Sie und poli­ti­sche Gewalt stö­ren die­sen Markt, wie wir täg­lich hören. Sie spio­nie­ren, mal­trä­tie­ren, und wol­len sein Schei­tern, aber nur für den ein­zel­nen Bür­ger, für ihre eige­nen Vor­tei­le wol­len sie sein Funk­tio­nie­ren, damit sie wie­der eines haben: Kon­trol­le, Auto­ri­tät, Kapi­tal, Macht, ande­re für ihre Zwe­cke zu miss­brau­chen.

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über?

Die gegen­wär­tig modi­sche aber häu­fig ideo­lo­gi­sche Kapi­ta­lis­mus­schel­te besteht aus einer Rei­he von Schuld­zu­wei­sun­gen, die den Kapi­ta­lis­mus per se nicht tref­fen, son­dern sei­nen Miss­brauch und sei­ne Akteu­re. Der ver­brei­te­te Anti­ka­pi­ta­lis­mus unse­rer Gesell­schaft ist eine Vor­stu­fe der poli­ti­schen Bewe­gun­gen, die wir heu­te beob­ach­ten, die auto­ri­tä­re Ten­den­zen ver­fol­gen. Für sie ist die welt­weit gestreu­te Kapi­tal­macht eben­so wie die Demo­kra­tie eine Her­aus­for­de­rung.

Kapi­tal ist gefähr­lich, wenn es in der Hand weni­ger liegt und eigent­lich ist Kapi­ta­lis­mus dann gar nicht mehr mög­lich. Der Kapi­ta­lis­mus ist umso weni­ger ent­fal­tet, je mehr er die Ein­zel­nen aus dem Markt­zu­gang aus­schließt und je mehr nur weni­ge defi­nie­ren, was denn das (Gute) ist, das mit dem Kapi­tal erzeugt wer­den soll. Intrans­pa­renz und Akku­mu­la­ti­on ver­hin­dern, dass sich Men­schen mit ihren Fähig­kei­ten ein­brin­gen. Das sind die wirk­li­chen Stö­run­gen. Das hat aber gar nichts damit zu tun, ob ein Fuß­ball­spie­ler oder ein Vor­stands­chef 15 Mil­lio­nen im Jahr ver­die­nen darf oder zehn. Die­se Leu­te ver­die­nen ihr Geld auf dem Markt, der wenigs­tens inso­fern frei ist, als wir zu die­sem Pro­zess nicht bei­tra­gen müs­sen. Wer die Ver­si­che­rung wech­seln kann, geht zu der, die die effi­zi­en­tes­te für ihn ist. Viel­leicht ist es die, bei der der Vor­stand 5 Mil­lio­nen ver­dient, viel­leicht jene, wo er 15 ver­dient. Schlimm wird es, wenn wir kei­ne Aus­wahl mehr haben, wenn wir auf ein Pro­dukt ange­wie­sen sind. Dann hat die demo­kra­ti­sche Kon­trol­le ver­sagt.

Auch in unse­rer Gesell­schaft herr­schen auto­ri­tä­re Aus­schlüs­se. Das betrifft die Frau­en, das betrifft z.B. aber auch alle jene Men­schen, die in die­ses  Land kom­men woll­ten, und ihre Arbeit anbie­ten woll­ten, wie es Imma­nu­el Kant in sei­ner Schrift vom Ewi­gen Frie­den gefor­dert hat. Die Gerech­tig­keit des Mark­tes zu erhö­hen, hat auch damit zu tun, den Markt zu öff­nen und trans­pa­ren­ter zu machen. Das Gegen­teil ist aber der Fall und wird von vie­len gefor­dert. Opel soll in Bochum blei­ben, Nokia soll nicht in Rumä­ni­en pro­du­zie­ren und die Flücht­lin­ge sol­len nicht die Arbeits­plät­ze weg­neh­men. Die natio­na­le und zen­tra­le und auto­ri­tä­re Ver­wal­tung des Kapi­tals folgt dem Wunsch der Stun­de.

Wir ste­hen im Zei­chen des Umbruchs. Wenn wir es schaf­fen, eine brei­te und krea­ti­ve Kapi­tal­wirt­schaft zu erhal­ten, sind wir poli­tisch – im glo­ba­len Rah­men — sta­bi­ler. Die Ten­den­zen der natio­na­len und auch der patri­ar­chal begrün­de­ten Zen­tra­li­sie­run­gen lau­fen jedoch die­sem Ziel ent­ge­gen. Dabei gibt es die­sen Zusam­men­hang zwi­schen einer demo­kra­ti­schen, kapi­ta­lis­ti­schen und indi­vi­dua­lis­ti­schen Gesell­schaft auf der einen Sei­te und der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, auto­ri­tä­ren Gesell­schaft auf der ande­ren. Die Dämo­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus war nur ein Vor­spiel zu den poli­ti­schen Bewe­gun­gen der Gegen­wart.

Für einen aufgeklärten Egoismus – Interview mit Werner Peters

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma LEITBILDER ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Dr. Wer­ner Peters.

Für einen aufgeklärten Egoismus

Interview mit Werner Peters

Aller­or­ten macht sich Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit breit (EU – wohin? Wachs­tum – ja, nein, wo? Nach­hal­tig­keit – wie?). Haben wir den Glau­ben an Leit­bil­der ver­lo­ren, die frü­her Ori­en­tie­rung boten?

Portrait

Wer­ner Peters stu­dier­te Alt­phi­lo­lo­gie und Phi­lo­so­phie in Tübin­gen und Bonn und pro­mo­vier­te zum Dr. phil. im Jah­re 1967. Anschlie­ßend folg­te ein lang­jäh­ri­ger Stu­di­en­auf­ent­halt in den USA, u.a. an der Har­vard Uni­ver­si­tät und als Assis­tent im US-Kon­gress, Washing­ton. Nach sei­ner Rück­kehr aus den USA war Peters poli­ti­scher Refe­rent in der Bun­des­ge­schäfts­stel­le der CDU sowie selbst­stän­di­ger Poli­tik­be­ra­ter. Seit 1983 ist Peters Inha­ber des Künst­ler­ho­tels Chel­sea und des Café Cen­tral in Köln. Dort ver­an­stal­tet er regel­mä­ßig phi­lo­so­phi­sche Ver­an­stal­tun­gen („Phi­lo­so­phie im Cen­tral“). Zuletzt von ihm erschien sein Buch GENEROSITÄT — Für einen auf­ge­klär­ten Ego­is­mus (2016, Edi­ti­on Stef­fan).

Für die längs­te Zeit der letz­ten 2000 Jah­re der euro­päi­schen Geschich­te hat Reli­gi­on, genau­er gesagt die christ­li­che Reli­gi­on, das unbe­strit­te­ne Leit­bild der Gesell­schaft gelie­fert. Mit dem Durch­bruch der Auf­klä­rung, die ja nicht plötz­lich und aus dem Nichts her­aus kam, son­dern spä­tes­tens seit der Renais­sance die Gewiss­hei­ten der Reli­gi­on in Fra­ge stell­te, ent­stand eine Lee­re, die von der sich ent­wi­ckeln­den bür­ger­li­chen Gesell­schaft mit ihrem Mate­ria­lis­mus ohne spi­ri­tu­el­len Tief­gang nicht gefüllt wer­den konn­te.

Offen­sicht­lich brau­chen die Men­schen etwas, was über das eige­ne Wohl­erge­hen hin­aus­geht, und so ent­stan­den neue Leit­bil­der, um die­se Lee­re zu fül­len und ein­zu­tau­chen in einen über­in­di­vi­du­el­len Sinn des Lebens. Die neu­en Leit­bil­der, die das aus­ge­hen­de 19. und das begin­nen­de 20. Jahr­hun­dert beherrsch­ten: Natio­na­lis­mus und Kom­mu­nis­mus.

Nach­dem bei­de zumin­dest in unse­ren Gesell­schaf­ten auf­grund ihrer kata­stro­pha­len Fol­gen von Grund auf dis­kre­di­tiert sind, ist erneut eine Lee­re ein­ge­tre­ten, die von einer Art „Abklä­rung“ domi­niert wird. Man spürt die Lee­re, aber ist sehr nüch­tern gewor­den, was die Rol­le gesell­schaft­li­cher Leit­bil­der angeht. Das vor­herr­schen­de Gefühl der Gesell­schaft ist Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit.

 

Kla­re Leit­bil­der ver­spre­chen kla­re Ori­en­tie­rung. So hel­fen Leit­bil­der in einer immer kom­ple­xer wer­den­den Gesell­schaft hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Bricht also eine Zeit der Aus­ein­an­der­set­zung um neue Leit­bil­der an? Gleich­zei­tig besteht die Gefahr, dass all­zu ein­fa­che (popu­lis­ti­sche) Lösun­gen pro­pa­giert wer­den. Ist also die Zeit der Leit­bil­der in einer moder­nen Gesell­schaft, von der erwar­tet wird, stets kon­sens­fä­hig und offen zu sein, vor­bei?

In einer Gesell­schaft ohne kla­re Leit­bil­der wächst die Gefahr, dass fal­sche Pro­phe­ten auf­tre­ten und ein­fa­che Lösun­gen für eine immer kom­ple­xer wer­den­de Welt anbie­ten. Noch hilft uns unse­re Abge­klärt­heit auf­grund der fürch­ter­li­chen Erfah­run­gen mit den Leit­bil­dern der Ver­gan­gen­heit, den Lock­ru­fen einer fal­schen Sicher­heit zu fol­gen. Das Bedürf­nis nach einer über­in­di­vi­du­el­len Dimen­si­on, die den Sinn des eige­nen Lebens erwei­tert, wird zuge­deckt durch die schein­bar uner­schöpf­li­chen Ange­bo­te der Kon­sum- und Unter­hal­tungs­in­dus­trie. Aber die­se Ersatz-Leit­bil­der ver­lie­ren mehr und mehr an Attrak­ti­vi­tät. Vie­le Men­schen suchen den Sinn ihres Lebens in der bewuss­ten Abkehr von der durch Kon­sum und Unter­hal­tung gepräg­ten Gesell­schaft, in der Kon­zen­tra­ti­on auf sich selbst und eige­ne Wer­te. Noch sind die­se Ver­su­che, sich neu zu ori­en­tie­ren, sehr viel­fäl­tig, sehr unter­schied­lich und weit gestreut. Ob und wann sie sich zu einem posi­ti­ven, gemein­sa­men Leit­bild zusam­men­fin­den, ist die ent­schei­den­de Fra­ge nach der Zukunft unse­rer Gesell­schaft.

 

Wel­ches Pro­jekt oder wel­che Per­son wür­den Sie ger­ne stär­ker in der Öffent­lich­keit ver­tre­ten sehen, weil es/sie für ein Leit­bild steht, das Ihrer Ansicht nach wich­tig für die Gesell­schaft ist?

Mein Leit­bild ist eine im wah­ren Wort­sinn bür­ger­li­che Gesell­schaft, in der ihre Mit­glie­der sich bewusst sind, dass ein gelin­gen­des, glück­li­ches Leben als Indi­vi­du­um nur in einer „guten“ Gesell­schaft mög­lich ist, und dass eine sol­che Gesell­schaft kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ist, son­dern des stän­di­gen Enga­ge­ments ihrer Mit­glie­der bedarf. Uns fehlt in Deutsch­land die­ses aus einer lan­gen Tra­di­ti­on gebo­re­ne Bewusst­sein, dass eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft eine Sache der Bür­ger und nicht der Regie­rung ist und dass die­se sich ihre Errun­gen­schaf­ten immer wie­der durch ihr Enga­ge­ment sichern müs­sen. Dazu bedarf es auf­ge­klär­ter Bür­ger, die ihr natür­li­ches Bedürf­nis nach indi­vi­du­el­lem Wohl­erge­hen ver­bin­den mit einem enga­gier­ten Gemein­schafts­geist, weil nur so eine Gesell­schaft ent­steht, in der es sich lohnt zu leben. Ich nen­ne das: auf­ge­klär­ten Ego­is­mus.

 

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